Mistaken for Strangers

| Oliver Stangl |

Amüsante Doku, die als Tourneefilm ebenso funktioniert wie als Porträt eines Bruderkonflikts

The National zählen gegenwärtig zu den bekanntesten Vertretern der US-amerikanischen Indierock-Szene. Weltweit sorgt die aus zwei Brüderpaaren (Aaron  und Bryce Dessner sowie Bryan und Scott Devendorf) sowie Leadsänger Matt Berninger bestehende Gruppierung mit melancholischen Texten und intensiven Shows für gut besuchte Hallen.

Matt Berninger hat zwar ebenfalls einen Bruder, doch sieht dessen Lebenslauf etwas anders aus: Tom steht auf Heavy Metal, dreht gelegentlich No-Budget-Horrorfilme und leidet ob des Erfolges des großen Bruders an Depressionen. Als Matt Tom anbietet, als Roadie mit auf Tour zu gehen, ist dieser zunächst begeistert: Endlich kann er am Rock ’n’ Roll-Irrsinn teilhaben und ferne Länder sehen. Außerdem will er einen Dokumentarfilm über die Band drehen und sich so kreativ verwirklichen. Das Ergebnis, das nun in die hiesigen Kinos kommt, ist wohl eine der amüsantesten „Musikdokus“ der letzten Jahre. Doch ist diese Genrezuordnung mit Vorsicht zu genießen – obwohl es an Live-Footage nicht mangelt, ist Musik nicht das Wichtigste im Film (somit lohnt sich der Kinobesuch auch für jene, die The National nicht kennen). Im Zentrum steht das belastete Verhältnis der beiden Brüder: Der schamlose Selbstdarsteller Tom ist schnell davon enttäuscht, dass es nicht zu Exzessen kommt – im Tourbus regiert die Routine. Matt, der dem Bruder öfter Benimmregeln eintrichtert und Bierflaschen entreißt, tobt sich lieber auf der Bühne aus. Nicht einmal auf einem Gruppenfoto mit Barack Obama (The National gilt als Lieblingsband des Präsidenten) darf der arme Tom dabei sein. Es kommt, wie es kommen muss: Alkohol und Unzuverlässigkeit sorgen dafür, dass er entlassen wird. Nach der Rückkehr der Band zieht Tom eine Weile in das Kinderzimmer von Matts Tochter und macht sich, unterstützt von Matts Frau, an den Schnitt des Films – eine Betätigung mit therapeutischem Mehrwert.

Durch Gespräche mit dem Bruder erfährt Tom, dass auch diesem Krisen nicht fremd sind: Matt erzählt, wie deprimiert er war, als die Band in ihrer Frühphase vor leeren Häusern spielte. Erst als diese Existenzängste zum Thema der Songs wurden, füllten sich die Hallen. Die Moral von der Geschichte: Nutze deine Angst. Dass Tom am Ende während einer Konzertszene ein Shirt mit der Aufschrift „Security“ trägt, ist stimmig. Obwohl die oft verwackelte Kameraführung Authentiziät vermittelt, bleibt letztlich offen, inwieweit manche der Szenen inszeniert sind (ein Backstage-Cameo des Bilderskeptikers Werner Herzog passt gut zu dieser Frage). Insgesamt fühlt sich dieser originelle Hybrid aus Musik- und Familienfilm aber echt und unverstellt an.