Ein verbotener Film und reife schauspielerische Leistungen sind unter den großen Gewinnern der 65. Berlinale
Am Ende gab es also doch wieder eine „politisch“ motivierte – und in dem Fall angemessene – Entscheidung der Jury: Der Goldene Bär geht in diesem Jahr an den iranischen Beitrag Taxi, oder besser gesagt: an den Regisseur, den trotz Berufsverbots im Heimatland weiterhin aktiven Filmemacher Jafar Panahi. Im Dezember 2010 hatte ihn die Regierung in Teheran zu sechs Jahren Haft und 20 Jahren Berufs- und Reiseverbot verurteilt. Bereits dreimal war er seitdem auf die Berlinale eingeladen worden, aber wie schon von zwei Jahren, als er für sein hinter geschlossenen Türen und Vorhängen gedrehtes Drama Closed Curtain einen Silbernen Bären für das beste Drehbuch gewann, konnte er die Auszeichnung auch gestern Abend nicht persönlich entgegen nehmen. Zur Preisverleihung gekommen waren stattdessen Panahis Ehefrau und seine kleine Nichte, die zwar sprachlos blieb, aber mit den dicken Tränen, die ihr übers Gesicht liefen, alles sagte, was es zu sagen gab und damit die Herzen aller zutiefst rührte. Ganz anders als der Film selbst, in dem Panahi diesmal erstaunlich offen und humorvoll am Werk ist, wenn er als Sammeltaxifahrer ein gutes Dutzend Fahrgäste an einem sonnigen Tag durch die geschäftige Innenstadt Teherans chauffiert. Die auf dem Armaturenbrett angebrachte Minikamera ist dabei nicht weniger agil als die Mitfahrenden, und so zeichnet Taxi auf äußerst geschickte Weise ein erhellendes wie bewegend inszeniertes Bild von der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Realität im Iran.
Jurypräsident Darren Aronofsky hatte es zum Festivalauftakt bereits angekündigt: Zerwürfnisse oder Kompromisse bei der Bärenwahl würde es beim diesjährigen Gremium, dem unter anderem der koreanische Regisseur Bong Joon-ho, Mad-Men-Erfinder Matthew Weiner und die Schauspieler Audrey Tautou und Daniel Brühl angehörten, auf keinen Fall geben, denn schließlich würde auch hier Demokratie herrschen. Und vielleicht ist dieser Goldene Bär deshalb eben auch weniger als ein Preis für die Kunst als ein solidarisches Zeichen für die Unbedingtheit künstlerische Freiheit zu verstehen.
Dass auch Andrew Haighs stilles, wunderbar konzentriertes Ehedrama 45 Years nicht leer ausgehen würde, hatten viele bereits im Vorfeld richtig vermutet. Charlotte Rampling und Tom Courtenay erhielten jeweils den Silbernen Bären für ihre exzellente schauspielerische Leistung. Der zweitwichtigste Preis, der Große Preis der Jury, ging an Pablo Larraín für The Club, ein düsteres, stilles und doch wuchtiges Drama um eine Gruppe pädophiler Priester in der chilenischen Provinz. Larraín konnte damit an den Erfolg seines letzten Films No! anknüpfen, mit dem er 2013 für den Auslands-Oscar nominiert war.
Für die beste Regie gab es gleich zwei Silberne Bären: einmal für die polnische Filmemacherin Małgorzata Szumowska, die mit ihren Ensemblefilm Body beeindruckte, sowie für den Rumänen Radu Jude und seinen in Schwarzweiß gedrehten Balkan-Western Aferim!. Und auch in der Kategorie für außergewöhnliche künstlerische Leistungen in der Kameraarbeit wollte man sich nicht auf einen Preisträger festlegen müssen: als erster durfte Sturla Brandth Grøvlen einen Silberbären für seine Arbeit in Sebastian Schippers One-Take-Thriller Victoria entgegennehmen, dem viele übrigens den Gewinn des Goldenen Bären gewünscht und durchaus zugetraut hätten. Ebenfalls jeweils eine Trophäe erhielten zudem die beiden Kameramänner des russischen Beitrags Under Electric Clouds von Alexej German Jr.
Nicht unerwähnt bleiben sollen der Silberne Bär für das beste Drehbuch, der in diesem Jahr an den chilenischen Regisseur Patricio Guzmán für seinen ebenso poetischen wie politischen Dokumentarfilm The Pearl Button ging, während der Alfred-Bauer-Preis für innovatives Kino an Jayro Bustamentes Debütfilm Ixcanul aus Guatemala verliehen wurde, in dem sich einheimische Frauen gegen die Auswirkungen der Globalisierung wehren. Überhaupt zählten die Bilder und Geschichten von den entlegenen Ecken und Enden der Welt insgesamt zu den stärksten im diesjährigen Wettbewerb.
