Mit Liebe und Entschlossenheit / Avec amour et acharnement

Filmstart

Mit Liebe und Entschlossenheit

| Jakob Dibold |
... und auf zweier Messer Schneiden

Der Plot scheint simpel: Sara lebt mit ihrem Partner Jean in einer Dachgeschosswohnung in Paris, als sie etwas einholt, von dem sie dachte, es hinter sich gelassen zu haben: Der unverhoffte Anblick von François, dem Mann, mit dem sie einst zusammen war, löst sofort etwas in ihr aus. Obwohl es zunächst für die Reife ihrer Beziehung zueinander spricht, dass sie und Jean über die Begebenheit sprechen, dauert es nicht lange, bis der sicher geglaubte Alltag des Paares – es scheint sich um jene Art „zweiter“ Liebe zu handeln, die sich viele Menschen dann meist bis zum Ende wünschen –, Risse bekommt.

Schon vor Jahren nämlich arbeitete der ehemalige Rugbyspieler Jean mit François zusammen und sein damaliger Kollege und Freund – über den Jean und Sara einander zudem pikanterweise erst kennenlernten – will diese berufliche Partnerschaft nun fortsetzen. Der Mann aus der Vergangenheit nimmt Kontakt auf, tritt also unter neuen Vorzeichen zurück in zwei Leben. Und unweigerlich fallen die Dominosteine alsbald in Richtung wiederaufflammender amouröser Gefühle.

Doch eine „einfache“ Dreiecksgeschichte erzählt die eine abermalige Hochphase ihres Schaffens durchlebende Claire Denis natürlich nicht. Einerseits ist Avec amour et acharnement – die Regisseurin selbst hält den internationalen Titel „Both Sides of the Blade“ für den passendsten – eine Art Ergänzung ihrer ersten Arbeit mit Juliette Binoche in der Hauptrolle, Un beau soleil intérieur (2017). Steht dort die abwechslungsreiche Suche nach nachhaltiger Verliebtheit im Vordergrund, brilliert Binoche nun als eigentlich gefestigte Persönlichkeit, die erst durch eine unerwartete Versuchung den Halt verliert. Sie verleiht ihr beides glaubhaft: selbstbewusste Bestimmtheit und resignative Hingabe. Während Grégoire Colin als der antagonistische Sturm in der ruhigen See fungiert, ist der von Vincent Lindon verkörperte Jean ein nicht weniger komplexer Charakter als Sara, ein scheinbar ruhiger Hüne, gezeichnet von einem Gefängnisaufenthalt sowie vom schwierigen Verhältnis zu seinem Sohn. Das Paar verlangt einander alles ab, Denis inszeniert dies gekonnt gleichsam voller Schmerz und voller Schönheit. Sie reichert ihr präzises Liebes- und Beziehungsdrama, das mit viel Bedacht und doch wie beiläufig „in die Jahre“ gekommene Körper als begehrende Körper zeigt, mit prägenden Elementen ihres Werks an, ohne dass es gezwungen wirkt: die Leidenschaften und die Atmosphäre der Stadt, eine der unzähligen Episoden des postkolonialen Frankreichs, selbstverständlich die nie bloßstellende Untersuchung fragiler Männlichkeit.