Moleküle der Erinnerung – Venedig wie es niemand kennt

Filmstart

Moleküle der Erinnerung – Venedig wie es niemand kennt

| Ines Ingerle |
Porträt einer Stadt als Sinnbild für die Suche nach den eigenen Wurzeln

Im Leben kommt es vor, dass man sich nicht gut fühlt und denkt, dass niemand verstehen kann, warum. Nicht mal dein Vater oder dein Sohn. Weil es tatsächlich so ist. Manchmal ist man in diesem Leben wirklich alleine. (…) Manchmal kommt das vor – richtig, Papa?“

Andrea Segre liest aus dem Off Teile eines Briefes vor, den er vor 20 Jahren an seinen mittlerweile verstorbenen, 1946 in Venedig geborenen Vater geschrieben hat. Er sei ein schweigsamer Mann gewesen – als ob er seinem Sohn etwas über seine Heimatstadt und über sich selbst verheimlichen würde, erinnert sich Segre, dessen Stimme uns die nächsten 71 Minuten auf eine geografische, historische und persönliche Reise mitnehmen wird. Der Filmemacher kehrt im Frühjahr 2020 nach Venedig zurück. Er sei sich nie sicher gewesen, ob er zu dieser Stadt gehöre und habe sie daher als Erwachsener stets gemieden, erklärt er. Doch nun möchte er sich dem Rätsel stellen. Er will eine Dokumentation über das Hochwasser und den Tourismus drehen, doch spätestens als in Italien der coronabedingte Lockdown verhängt wird, ändert sich dieser Plan. Venedig ist nun wie ausgestorben, die sonst überfüllten Plätze, Wege und Kanäle sind menschenleer, die Gewässer so ruhig wie seit Jahrhunderten nicht mehr. Venedig zeigt sich faszinierend und mysteriös, beruhigend und beängstigend zugleich, mit einem stets präsenten Hauch von Vergänglichkeit.

Auf dem Piazza San Marco spazieren statt Menschenmengen Möwen herum; in den Arkaden wiegen sich die Tischtücher auf den Caféhaustischen sanft im Wind; der Canale Grande und der Canale de Giudecca liegen beinahe spiegelglatt da. Segre widmet sich dem Einfangen dieser Stimmung und redet mit Bewohnern und Bewohnerinnen über die Veränderung der Stadt in den letzten Jahrzehnten. Etwa mit der Gondoliera Elena Almansi, die Ruderkurse für Touristen anbietet; mit dem Fischer Gigi, der die Lagune wie seine Westentasche kennt und mit Maurizio Calligaro, der das Hochwasserschutzzentrum leitet. Gegengeschnitten werden diese Bilder mit Video-Aufnahmen von Segres Vater, der vor rund einem halben Jahrhundert mit einer Super-8-Kamera die Stadt, die Menschen, sich selbst und seine Familie portraitierte. Durch die Verschmelzung der Bilder aus der Vergangenheit und der Bilder der Gegenwart formt sich langsam ein Gesamtbild, das die Lücken zwischen dunklem Geheimnis und stillem Verständnis schließt. So findet der Filmemacher letztlich Antworten auf Fragen, die sein Vater ihm niemals beantworten konnte.