John Akomfrah

Ausstellung

Moor, Meer und Gedächtnis

| Daniela Gregori |
Arbeiten von John Akomfrah im Hauptraum der Wiener Secession

Was mag der dunkelhäutige, bärtige Mann mit Umhang und Wanderstab wohl in der rauen Landschaft eines Hochmoors zu suchen haben? Scheinbar ziellos bewegt er sich durch das Areal, passiert verlassen wirkende Höfe, rastet mit einem in die Ferne gerichteten Blick, um wieder weiterzuziehen. Doch scheint es in dieser Einöde ein weibliches, sesshaftes Pendant zu geben. Eine junge, ebenfalls dunkelhäutige Frau, das Haupt mit einer weißen Haube bedeckt. Auch sie bewegt sich durch diese Einöde, doch scheint es für sie ein steinernes Zuhause zu geben. Ob die Wege der beiden sich wohl kreuzen? Gegen Ende des rund 20-minütigen Filmes Peripeteia (2012) gibt es eine Einstellung, in der der Wanderer, den Kopf auf den Schoß der jungen Frau legend, kurzfristig ein Ziel gefunden zu haben scheint, bevor sich die Wege der beiden wieder trennen. John Akomfrah erzählt mit Peripeteia eine Geschichte aus dem Leben zweier Menschen, die es wirklich gegeben hat, von denen wir allerdings, außer dass das Mädchen den Namen Katharina trägt, nichts wissen. Albrecht Dürer hat die beiden in zwei Zeichnungen verewigt. „Katharina“ ist wohl 1521 entstanden und befindet sich heute im graphischen Kabinett der Uffizien. Die „Kopfstudie eines Afrikaners“ hingegen scheint im Umfeld des zweiten Venedigaufenthaltes des Meisters entstanden zu sein und ist am Blatt selbst mit 1508 datiert. Es handelt sich hierbei laut Expertenmeinung „um das älteste erhaltene Bildnis eines Schwarzen in der europäischen Kunst“.

Nicht nur die beiden Dargestellten, die einander in ihren Leben wohl nie begegnet sind, treffen durch die glückliche Fügung des Films zueinander. Auch wird der männliche Protagonist seinem realen Vorbild wohl noch nie so nahe gewesen sein, denn die grandiose Studie mit den fein modellierten Gesichtszügen und dem vergleichsweise flüchtig in schnellen Krausen skizzierten Haar befindet sich heute unweit der Secession in der Albertina. 

Die Diaspora der afrikanischen Kultur und ihrer Träger ist eines der Hauptthemen von John Akomfrah, 1957 in Ghana geboren und mit vier Jahren nach England gekommen. Er erweist sich hier als Meister der starken Bilder und deren Verknüpfungen, als jemand, der zur aktuellen Geschichte der Flüchtlingsproblematik die Historie der Kolonialherrschaft stets mit einbezieht. „Wir tun so, als wäre die aktuelle Flüchtlingskrise ein isolierter Vorfall. In Wirklichkeit hat Flucht und Migration bereits seit dem 14. Jahrhundert die Moderne bestimmt.“ Es ist auch die Thematik, die alle drei in der Secession gezeigten so unterschiedlichen Filme verbindet. Ausgewählt hat sie Annette Südbeck als Kuratorin der Ausstellung gemeinsam mit dem Künstler.

In Mnemosyne (2010) nimmt uns Akomfrah mit auf eine eisige Winterreise. Schneechaos irgendwo in England, die weiße Landschaft, mitten drinnen eine in eine gelbe Kapuzenjacke und warme Kleidung eingepackte Figur, deren Gesicht nie erkennbar wird. Sie stapft durch die unwirtliche Gegend, wird gleich dem „Mann am Meer“ von Caspar David Friedrich zur Repoussoirfigur in der unendlichen Weite und verbindet gleichsam als Handlungsträger die einzelnen Situationen zu einer großen Narration. Geleitet wird der Film von den neun Musen, die jeweils für ein Kapitel stehen. Akomfrah fügt für seine nachgerade lyrischen filmischen Essays in Archiven gefundenes Material aus allen Zeiten und Epochen mit eigenen gefilmten Sequenzen zusammen, er unterlegt sie mit dokumentarischen Erklärungen, zitiert aus literarischen und historischen Quellen, verwendet O-Töne ebenso wie Industrielärm, wählt mit Bedacht Musikstücke zur Untermalung. „Sometimes I feel like a motherless child“, singt Leontyne Price, die erste „schwarze Operndiva“ in einer historischen Aufnahme und beschreibt damit ebenso das Gefühl einer hilflosen Ausgesetztheit wie jene Hoffnungslosigkeit, mit der Franz Schuberts „Winterreise“  im letzten Lied „Der Leiermann“ endet: „Wunderlicher Alter, soll ich mit dir gehen?“ Der Künstler erzählt keine vollständigen Geschichten, vielmehr evoziert er durch die exakte Inszenierung und Aneinanderreihung von Bild und Ton Situationen, die ein kollektives Gedächtnis aufrufen. Die Schnitte erfolgen gleich Staffelübergaben, inhaltlich wie formal. Eindeutige Bilder, klare Botschaften, die ebenso grausam wie schön anmuten, es geht hier nicht um die Harmonie der visuellen und auditiven Eindrücke, sondern um deren Dialog. Diese Filmsprache erfasst einen in ihrer Opulenz nahezu körperlich, und dennoch hat man nie das Gefühl, mit einer Meinung oder These manipuliert zu werden.

Diesbezüglich stellt Vertigo Sea, die dritte in der Secession gezeigte Arbeit, eine besondere Erfahrung da. In der von Okwui Enwezor kuratierten Hauptausstellung der Biennale in Venedig 2015 feierte der Film seine Premiere, und während Peripeteia und Mnemosyne mit einem Screen arbeiten, sind es hier drei Kanäle, projiziert auf vier Meter breite Bildschirme. Neben Sklavenhandel und Migration sind die Zerstörung der Umwelt sowie das Meer als Gedächtnisspeicher immer wiederkehrende Motive in den Filmen von Akomfrah. Geleitet hätten ihn für diese gut 40-minütige kinematografische Imposanz Herman Melvilles „Moby Dick“ sowie Heathcote Williams’ episches Gedicht „Whale Nation“. Das andere Schlüsselelement war, wie Akomfrah in einem Interview ausführt, „das Meer, die bewegte Lebendigkeit der See als einer Art von Organismus. Und wie diese nichtmenschliche Kraft das Schicksal der Menschen und ihre historische Beziehung zu Raum und Zeit vorbestimmt. Diese Bezugspunkte bildeten den Rahmen für mich, um über die verschiedenen Bedeutungen des Meeres in literarischer, philosophischer und ökonomischer Hinsicht nachzudenken.“ Es werden Wale geschlachtet und zerlegt, Eisbären erlegt und gehäutet, man hört von Schicksalen, wo Sklaven wie Flüchtlinge über Bord geworfen werden, und all die Grausamkeiten, zu denen Menschen fähig sind, verschmelzen hier mit der Erhabenheit und Kraft des Meeres und der Wassermassen.

Nun haben es Filme im Kontext von Ausstellungen nie ganz einfach. Räume müssen adaptiert werden, der technische Aufwand ist groß, und damit ist noch nicht einmal gewährleistet, dass die Ausstellungsbesucher bei Laune und somit auch beim Film bleiben. Auch die Secession hat weder Kosten noch Mühen gescheut, im Hauptraum die Voraussetzungen zum störungsfreien gleichzeitigen Vorführen dreier filmischer Arbeiten zu schaffen. Man merkt den Filmen John Akomfrahs an, dass sie für Ausstellungen konzipiert sind. Man kann jederzeit in sie einsteigen, sie umfangen einen gleichsam, nehmen einen mit ihrer Bildgewalt ein. Das mag bisweilen anstrengend sein, wie es auch bereichernd ist. Um es zusammenzufassen: großer Aufwand für großes Kino, und das Ganze als Ausstellung. Die Zeit sollte man sich nehmen.