Uberto Pasolinis Tragikomödie: sentimental statt substanziell
Uberto Pasolini ist weder verwandt noch verschwägert mit dem großen italienischen Autor und Filmemacher, dafür aber ein Verwandter Luchino Viscontis, wie sein mit Vorsicht zu genießender Wikipedia-Eintrag verkündet (auch: Er sei„writer/director“ von The Mission, 1986, was nun ganz sicher nicht stimmt). In jedem Fall lebt Pasolini in London, ist mit der prominenten Filmkomponistin Rachel Portman verheiratet und am bekanntesten wegen seiner Tätigkeit als Produzent des Kassenschlagers The Full Monty.
Mit seinem beim Filmfestival in Venedig 2013 mehrfach ausgezeichneten neuen Film begibt er sich auf Kaurismäki-Territorium, denn so manches, der Tonfall, die Grundstimmung, selbst die Kleidung seines Protagonisten, erinnert an des großen Finnen I Hired a Contract Killer. Allerdings setzt der Plot genau am anderen Ende des Sterbens an: Mr. May, ein mausgrauer Magistratsbeamter, ist dafür zuständig (oder hat sich selbst dafür zuständig erklärt), Angehörige von vermeintlich oder tatsächlich alleinstehenden Verstorbenen aufzustöbern. Das macht er mir großer Liebe, ja, mit einer Hingabe und einem Aufwand, die in Zeiten der Rationalisierung und der Effizienzsteigerung natürlich nicht sein dürfen. Zur Not bzw. in der Regel organisiert er selbst das Begräbnis, einen Geistlichen, schreibt die Grabreden selbst und wählt die „passende“ Musik aus. Es ist keine große Überraschung, dass sein unverständiger Vorgesetzter ihm eines Tages mitteilt, sein Posten werde fürderhin eingespart. Kein Zweifel, Mr. Mays Leben wird sich ändern (müssen), und das tut es auch, und es kommt genau so, wie man es sich bereits vorgestellt hat.
Still Life, so der weniger bombastische Originaltitel, ist – um es rundheraus zu sagen – ein Film der vergebenen Chancen: Der großartige Eddie Marsan bemüht sich mit stoischer Miene, aber vergeblich, gegen das zähe Drehbuch anzuspielen, das alles mit großer Deutlichkeit ausschreibt, wo es mit zarten Andeutungen getan wäre. Und vieles wiederholt sich im Laufe des Films, was dem streng ritualisierten Leben und Arbeiten des Mr. May geschuldet sein mag, aber auf die Dauer selbst der schlanken 87 Minuten ermüdet. Der feine Witz, der Kaurismäkis Möchtegern-Suizid-Drama so sehenswert machte, fehlt bei Pasolini leider, und die in ihrer Sentimentalität fast unerträgliche „Schlusspointe“, die hier natürlich nicht verraten werden soll, ist von der Art, dass man sagen möchte: „Nein, bitte nicht das auch noch!“ Aus einer nicht unoriginellen Idee macht Uberto Pasolini letztlich wenig.
