Mr. Robot

Freiheit, die sie meinen

| Roman Scheiber |
Sie glauben, dass etwas schief läuft in der schönen neuen Digitalwelt? Die tolle Hacker-Serie „Mr. Robot“ könnte Sie in diesem Glauben bestärken.

Vertrauen Sie nur ja nicht diesem Mann! Tagsüber jobbt er in einem Cybersecurity-Unternehmen, ist dort ein wertvoller und unauffälliger Mitarbeiter. Doch nächtens hackt er Ihre Mails und dringt problemlos in Ihre digitale Privatsphäre ein. Er macht das aus zwei Gründen: Wenn Ihre Datenspuren auf ein moralisch fragwürdiges Verhalten schließen lassen, wird er Sie zur Strecke bringen. Wenn Sie dagegen von anderen hintergangen und betrogen werden, wird er Ihnen ungefragt beispringen. Er ist ein Robin Hood des Web 3.0, aber leider kein zuverlässiger Erzähler, denn er hat ein Drogenproblem. Außerdem trägt er einen zentnerschweren Rucksack aus seiner Kindheit mit sich herum. Er führt exzessive Selbstgespräche (oder redet er gar mit Ihnen?), er stellt Fragen: Wo bist du gewesen? Warum hab ich dich erschaffen? Glaubst du, dass ich verrückt geworden bin? Seine Psychotherapeutin weiß, er leidet an einer im schizophrenen Spektrum zu verortenden Persönlichkeitsstörung. Was ihm genau fehlt, weiß sie nicht, aber sie glaubt, ihm helfen zu können. In Wahrheit wird es umgekehrt sein. Er wird ihr helfen, ungefragt, so wie er wohlwollenden Menschen eben gern hilft. Ja, und er weiß zwar noch nicht genau, wie er das anstellen soll, aber eines will er ganz unbedingt: die Welt retten.

Elliot Alderson heißt der junge Mann, er ist zugleich Zentralgestirn und Voice-Over-Erzähler von Mr. Robot, der gegenwärtig interessantesten Dramaserie, die an der Schnittstelle von analoger und digitaler Welt operiert. Elliot vertraut im Grunde nur einem Menschen, nämlich seiner Kindheitsfreundin und Arbeitskollegin bei der Firma Allsafe, Angela (Portia Doubleday). Mit ihr verbindet ihn der Verlust eines Elternteils, den einst das milliardenschwere Unternehmen E Corp verursacht haben soll, heute wichtigster Kunde von Allsafe. Auf den U-Bahnfahrten zwischen Büro und Apartment erscheint Elliot mehrmals ein mittelalter Mann mit Baseball-Kapperl (Christian Slater), der sich bald als Anführer einer Hackergruppe zu erkennen gibt. Diese selbsternannte Digital-Bürgerwehr nennt sich fsociety; sie will Elliot als Mastermind für ein schier unmögliches Unterfangen rekrutieren – einen vernichtenden Anschlag auf die hochsicherheitsgeschützten Serverfarmen der E Corp (von den Figuren durchgehend Evil Corp genannt, das Logo erinnert nicht zufällig an jenes des US-Skandalkonzerns Enron). Welche Ereignisse in der Realität der Erzählung und welche bloß im Kopf des tragenden Helden stattfinden, ist auch für den geübten Zuseher nicht leicht zu unterscheiden. Wer aber Fight Club (1999, Regie: David Fincher, Drehbuch: Jim Uhls nach dem Roman von Chuck Palahniuk) gesehen hat – u.a. ein Meisterwerk der Seelenkrankheiten –, ahnt schon, dass ihm hier über kurz oder lang der Boden unter den Füßen weggerissen wird.

Metaebene der Manipulation

Was einen von Anfang an in Mr. Robot hineinzuziehen vermag, sind der fantastische Hauptdarsteller (Rami Malek als nerdiger Hoodie mit oft unnachahmlich selbstversunkenen, tränensackschweren Augen), die kinotaugliche Regie (Pilotregisseur: Niels Arden Oplev) und das komplexe Drehbuch eines Neulings im Fach des filmischen Erzählens – mit dem unkonventionellen Liebesdrama Comet (2014) hat Sam Esmail erst einen abendfüllenden Kinofilm als Autor und Regisseur zu Buche stehen. Wie Rami Malek ist Esmail, 38 Jahre alt, US-Bürger ägyptischer Herkunft. Zur Zeit der Dotcom-Blase gründete er ein Internet-Start-up, seine früheren Arbeitskollegen sind Programmierer, darunter auch ein paar Hacker. Was diesen Menschen immer missfallen hat, war die unzureichende Darstellung medientechnologischer Vorgänge in Kino und Fernsehen. In Mr. Robot finden sich nun z.B. Open-Source-Betriebssysteme wie Linux ebenso adäquat abgebildet wie an frühe MS-Dos-Zeiten erinnernde Weiß-auf-Schwarz-Programmierschnittstellen.

Die Serie hätte ursprünglich ein Kinofilm werden sollen, so Esmail im Making-of der ersten Season, doch als 90 Drehbuchseiten erreicht waren, sei er noch mitten im ersten Akt der Erzählung gesteckt. Da ihm die NBC-Universal-Tochter USA Network freie Hand beim Ausbau zu einer Serie gab, konnte er seinen Erzählbogen voll ausschöpfen und ließ eine ganze Reihe konturenreicher Figuren zur Entfaltung kommen. Zum bewusstseinserweiternden Personal der an skurrilen Gestalten naturgemäß nicht armen ersten Season gehören ein arktisch kaltes Karriere-Ehepaar, ein verrückt philosophierender Drogendealer und später auch ein Verkleidungskünstler, der seine Zeit in kleine Portionen zerhackt.

Computer-Kompetenz, ein virtuoses Spiel mit Paranoia und Psychose, innovative Introspektion, all das zeichnet Mr. Robot aus. Dass es der Show paradoxer Weise auch um eine Verankerung im örtlich Konkreten geht, zeigt sich an der akkuraten Gestaltung der Hauptschauplätze. Neben den Büro-Etagen und den Apartments der Protagonisten ist das vor allem der War Room der fsociety: Wie eine Kreuzung aus Bunker und Spielhalle mutet der im herbstlich verlassenen Vergnügungspark Coney Island am Südzipfel von Brooklyn zu lokalisierende Kellerraum an, von dem aus der Hacker-Ring seinen großen Coup am Rechner entwirft. Tageslicht dringt keines in den mit analogen Spielautomaten, Flipper und Popcornmaschine vollgeräumten Keller, dafür ergeben dort so ziemlich alle anderen vorstellbaren Lichtquellen einen ganz eigentümlichen Retro-Touch. Vom distinguierten Elektro-Sound-Teppich, der Mr. Robot auf eine Art Metaebene der Manipulation fliegen lässt, gar nicht groß anzufangen (Mac Quayle komponierte zuletzt u.a. für die Serien American Horror Story und American Crime Story).

Open-Source-Demokratie?

Anders als etwa der beliebten Satireserie Silicon Valley (seit 2014) ist es Mr. Robot bitterernst. Hier hört man z.B. noch einmal, dass Steve Jobs sein Vermögen nicht zuletzt durch Kinderarbeit gemacht hatte (zum hervorragenden „Biopic“ Steve Jobs. Ein Big-Data-Konzern missbraucht seine Macht, die Bosse und Ehrgeizlinge sind böser noch als böse (zum Glück jedoch keine Schablonen). Es geht um die altbekannte und doch immer wieder brisante Frage, wie übel man gegen solche Leute agieren darf, um vermeintlich Gutes zu erreichen.

Überhaupt stellt Mr. Robot kluge moralische Fragen, oder besser: wirft Fragen der Moral auf, die man sich angesichts der Serie selbst stellen kann. Was ist das eigentlich für eine seltsame Digitalwerbewelt, in der wir heute leben? In der Medienkonzerne massig verdienen an unseren sozialen Beziehungen oder dem, was davon übrig ist. In der isolierte virtuelle Blasen sich Kommunikation vorgaukeln, während sie ohne ihre Screens und Monitore und elektronischen Smart-Krücken kaum noch gehfähig wären. Eine Welt, in der die Einkommens- und Vermögensdifferenzen immer und immer weiter auseinanderklaffen. In der Kapitalismus, Medientechnologie und ein falsch verstandener Freiheitsbegriff eine derart unheilige Allianz eingegangen sind, dass der nächste Crash, die nächsten „Panama Papers“, die weitere Aushöhlung politischen und damit demokratischen Gestaltungsspielraums nur eine Frage der Zeit sind.

Lebensfiktion

Damit ist nun nicht gemeint, dass Mr. Robot so etwas wie die Verlängerung der Occupy-Wall-Street-Bewegung in die Sphäre des Imaginären ist. Abgesehen von medien- und wirtschaftspessimistischen Deutungen bleibt die Serie ein Produkt der globalen Unterhaltungskultur, wenn auch ein überaus sehenswertes, dichte Erzählstruktur und atemraubende Wendungen inklusive. Ihre mutig mit einem davor weitgehend unbekannten Schauspieler besetzte Hauptfigur hat mehr mit uns gewöhnlichen Zusehern zu tun als Elliots Außenseiter-Status vermuten ließe.

Wie jeder Mensch schafft Elliot sich die Fiktion seines Lebens, nur dass er, kreatives Genie, das er ist, es dabei schwerer hat als die meisten von uns. Häufig muss er nachjustieren, in emotional schwierigen Phasen hat er den Zwang, sich permanent seines Bewusstseins zu versichern. Er fingiert, nicht drogenabhängig zu sein. Er täuscht sich selbst über die Motive seines Handelns, entlarvt sich bei dieser Täuschung, täuscht sich erneut. Wie gesagt, alle Menschen tun das, mehr oder weniger. Elliots Fall wird kompliziert durch ein grobes Identitätsproblem und verschärft durch eine dem Sujet inhärente Paranoia. Je näher Elliot dem Verbotenen rückt, je weiter er sich aus dem Fenster lehnt (um ein prägendes Bild aus seiner Lebensfiktion zu nehmen), desto verfolgter fühlt er sich. Die Drogen mögen seine Paranoia mitunter ins Groteske verzerrspiegeln. Die Basis dafür ist freilich die Gewissheit, dass keine Daten vor seinesgleichen sicher sind.

Eine Botschaft der Serie sei noch hervorgehoben, Gewinn bringend zumal für an ihre Sessel festgeschraubte Desktop-Täter. Man könnte den herzhaften Habitus von Mr. Robot nämlich auch so auf den Punkt bringen: Leute, geht raus und diskutiert miteinander über die Welt, anstatt euch in dummdreisten Postings Luft zu machen und auf die nächste Katastrophe zu warten, über die ihr euch in dummdreisten Postings Luft machen könnt.

Schließlich ein potenzieller Mini-Spoiler, zugleich eine nicht allzu gewagte Vermutung: Freud-Experte Slavoj Zizek hätte seine helle Freude an dieser Erzählung.