Filmkritik

Mülheim Texas – Helge Schneider hier und dort

| Oliver Stangl |
Die singende Herrentorte als Subjekt dokumentarischer Begierde

Eine der wenigen klassischen Interviewsituationen des Films kommt gleich zu Beginn, wenn die Regisseurin einen sichtlich ungeduldigen Helge Schneider auf seine Unabhängigkeit anspricht: „Mich interessiert deine Freiheit. Und ich denke, dass Freiheit etwas ist, dass man nicht per se hat“, so Roggon. „Nein“, erwidert Schneider, „die muss man sich nehmen.“ Spricht’s, steht auf und stürmt aus dem Studio. Eine Szene, die viel über das Improvisationstalent des Multiinstrumentalisten, Sängers, Kabarettisten, Schauspielers, Regisseurs und Autors Helge Schneider aussagt. Im Hinblick auf den Rest des Films wird hier aber vor allem deutlich, wie wenig Schneider bereit ist, von seiner „wahren“ Persönlichkeit preiszugeben. Die großteils statisch eingesetzte Kamera begleitet ihn zwar bei Dreharbeiten (zum bisher letzten Kinofilm 00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse), fängt Probensituationen ein, zeigt ihn bei bejubelten Performances auf der Bühne und filmt ihn sogar kurz bei der Arbeit an seinem Schreibtisch – doch dem Privatmann Schneider kommt man nicht wirklich näher. Zu dieser Verschlossenheit bekennt sich der Meister des absurden Humors auch voll und ganz, denn die Leute, so erklärt er, würden nun mal Geheimnisse mögen und man wisse schließlich auch nicht, wie van Gogh beim Einkaufen gewesen sei. Wer sich hier also einen Einblick in das Schneidersche Seelenleben erhofft, befindet sich im falschen Film.

Sehenswert ist die Dokumentation, die von stilisierten Soloperformances Schneiders in einer Wüstengegend gegliedert wird, vor allem als Feier eines großen Künstlers, dem es Spaß macht, zu spielen – sei es vor der Kamera, mit Vertretern der Presse oder einem der zahlreichen Instrumente, die er beherrscht. Besonders bei Probensituationen mit einer seiner Bands bekommt man einen Eindruck davon, welch harte Arbeit hinter den auf der Bühne scheinbar so leichtfüßig daherkommenden musikalischen Blödeleien steckt: Jeder Einsatz muss stimmen, der Bassist wird so lange instruiert, bis dessen Einsatz taktgenau passt. „Ich suche die Perfektion immer wieder neu und ich erkläre mir meine eigene Perfektion. Das ist ganz wichtig für mich.“ Wenn er Sätze wie diesen äußert, ist man geneigt, Schneider ganz einfach zu glauben. Hier scheint ein ansonsten „unfassbarer“ Virtuose ganz bei sich zu sein.

Übrigens: Dass die schöne kreisfreie Stadt Mühlheim an der Ruhr, in der Schneider geboren wurde, im letzten „ray“ mit stummem „h“ geschrieben wurde, war Absicht und versteht sich als Hommage an den subtilen Humor des Künstlers. Wir weisen an dieser Stelle ausdrücklich darauf hin, weil kein Leser dies bemerkt hat. Außerdem immer noch besser als Müllheim.