I’m Not There
Noch läuft hierzulande Michele Placidos Caravaggio im Kino, schon startet das nächste Biopic über einen kunstgeschichtlich revolutionären Maler: Munch von Henrik Martin Dahlsbakken spielt dabei nicht nur einige Jahrhunderte später, sondern unterscheidet sich (trotz Gemeinsamkeiten wie einer nicht immer linearen Erzählweise) formal recht deutlich vom Porträt des Barockkünstlers. Der Name Edvard Munch (1863–1944) sagt heutzutage wohl auch Kunstlaien etwas, wozu vor allem „Der Schrei“, eines der teuersten Gemälde überhaupt, beigetragen hat – längst hat dieser expressionistische Ausdruck psychischer Befindlichkeiten die Popkultur erobert, von der Mördermaske in Scream bis zum T-Shirt. Die Rezeption des norwegischen Malers als bedeutender Künstler liegt einerseits am Bruch mit dem Realismus; andererseits vermögen die Abgründe in der Munch’schen Kunst auch eine gewisse „Authentizität“ zu vermitteln, vermuten Psychologen heute doch, dass der Künstler an einer Persönlichkeitsstörung in Verbindung mit Depressionen litt. Regisseur Dahlsbakken teilt Munchs Leben in vier stilistisch unterschiedliche Episoden mit anderen Darstellern auf. Da gibt es den 21-jährigen Munch, der nach dem Kunststudium in Paris in den Norden zurückgekehrt ist, unglücklich verliebt ist und unter Melancholie leidet. Dann gibt es den anachronistischen Munch Ende 20, der im Berlin der Gegenwart das Kunst-Hipster-Leben lebt (Kumpel Strindberg wird von einer Frau gespielt); der Munch Mitte 40 leidet an Depressionen und diskutiert mit einem Sanatoriums-Arzt über den Zusammenhang von Genie und geistiger Erkrankung; der achtzigjährige, von Schauspielerin Anne Krigsvoll verkörperte Munch schließlich wird im besetzten Norwegen mit den Nationalsozialisten konfrontiert. Wer jetzt an das Dylan-Biopic I’m Not There (2007) denkt, liegt nicht verkehrt: Die Aufsplittung des Protagonisten in mehrere Personen kommt hier ebenso vor wie eine weibliche Variante und eine Schwarzweiß-Ebene. Während es Todd Haynes eher um die teils radikalen Brüche in Dylans Werk und Leben sowie dessen schwere Kategorisierbarkeit ging, fokussiert Dahlsbakken auf die komplexen Zustände der Künstlerseele. Ob dies in jedem Aspekt gelungen ist, wird die Betrachter wohl gerade bei den Gender Swaps sowie in den anachronistischen Szenen entzweien. Im Dialog hat der Film manchmal die Tendenz zur Überdeutlichkeit, andererseits gelingen visuell schöne Sequenzen (etwa wenn der Berliner Nachthimmel von Munchs Kunst erleuchtet wird). Eine nicht völlig geglückte, aber interessante Annäherung an Leben und Werk.
