Männer auf der Couch
Jetzt vor laufender Kamera zu improvisieren, findet er schwierig, sagt der junge Mann. Eine Leseprobe, ja. Aber mehr nicht. Sein Mitstreiter, ein etwas älterer Typ mit Bauchansatz, hat mit dem Spielen offensichtlich weniger ein Problem. Er kokettiert, flirtet, dreht sich. Am Ende lockt er sein Gegenüber mit einem neckischen: „Komm.“ Ein Moment des Zögerns. Dann kommt ein Schnitt.
Ein Casting-Aufruf für einen Film über Josefine Mutzenbacher hat die beiden zusammengebracht. Gesucht hat Ruth Beckermann Männer zwischen 16 und 99 Jahren, Dreherfahrung nicht vorausgesetzt. Worauf sich die fast hundert interessierten Laien tatsächlich eingelassen haben, erfahren sie er erst, als sie schließlich bei Beckermann auf dem alten rosa Sofa sitzen, das die Dokumentarfilmerin eigens für diesen Zweck in einer alten Sargfabrik aufgestellt hat.
Es geht darum, eine Passage aus dem 1906 erstmals anonym als fiktive Autobiografie publizieren Erotikroman zu lesen. Beckermann dirigiert das Geschehen lediglich aus dem Off. Sie stellt Fragen, gibt Anweisungen, inszeniert einzelne „Sitzungen“ und Gruppenaufstellungen, um in ihrem Film dem Wesen der männlichen Sexualität ein Stück weit näher zu kommen.
Die Sprache, die Literatur, ist für Beckermann das verbindende Konstrukt, um den Menschen näherzukommen, einen Gedankenraum zu schaffen. Da beschreibt ein Teenager den Orgasmus als eine „Ekstase des Glücks“, während ein älterer Herr mit strahlend blauen Augen feststellt, dass Männer heutzutage mehr Unterdrückung ausgesetzt seien als Frauen. Die Szene, in der er Beckermann diese Männerfeindlichkeit zu erklären versucht, gehört zu den faszinierendsten Momenten des Films. Überhaupt wird es immer dann interessant, wenn die Vorsprechenden über den vorgegeben Text hinaus zur Reflexion bereit sind, Erfahrungen austauschen, Erinnerungen teilen, die mitunter unbequem, manchmal sogar traumatisch sind.
Beckermanns Stärke ist das Zuhören und Nachfragen, ihre Methode ein unermüdliches Forschen nach dem Verborgenen. Gerne hätte man auch Frauenstimmen zu dem Thema gehört. Zudem erscheinen manche der Episoden eher willkürlich und weniger stringent, als man es von der Filmemacherin sonst gewohnt ist. Ihre Kommentare und Fragen aus dem Off sind jedoch zielsicher genug, um bei einigen Männern immer wieder für offensichtliches Unbehagen zu sorgen, Wahrheiten aufzudecken, Missverständnisse zu klären und erhellende Einblicke in die Beziehungen der Männer zur Lektüre heraus zu kitzeln. Um Wertungen, und das ist das Schöne, geht es in Mutzenbacher nicht.
