Auch in seinem ersten englischsprachigen Film „My Blueberry Nights“ erforscht Wong Kar-wai das Wesen des Romantischen.
Ein kleines Café mit einem liebenswerten, aber einsamen Besitzer, drei schöne Frauen, leidenschaftliche Affären und Auseinandersetzungen, der Fetischismus für bestimmte Requisiten (diesmal: Heidelbeerkuchen und Schlüssel), betörend schöne Bilder, tolle Musik – My Blueberry Nights ist unverkennbar ein Wong-Kar-wai-Film. Diesmal hat er sogar eine Sängerin (Norah Jones) zur Hauptdarstellerin gemacht. Neben ihr spielen zwei der apartesten Damen Hollywoods, Rachel Weisz und Natalie Portman – und zwei großartige Darsteller: Jude Law, sympathisch wie nie, und David Strathairn. William Chang hat wie immer ausgestattet, und Kameramann Darius Khondji kriegt den Christopher-Doyle-Look ziemlich gut hin. Zehn Jahre nach Happy Together, der in Argentinien entstand, hat sich Wong Kar-wai erneut auf den amerikanischen Kontinent begeben, diesmal jedoch ohne seine vertrauten chinesischen Darsteller. Wahrscheinlich genau deshalb hat man manchmal den Eindruck, dass etwas fehlt. Es ist schwer zu benennen, und es ist auch ungerecht, denn in einer Minute Wong-Kar-wai-Film steckt mehr Substanz als in zwei Stunden der meisten Hollywood-Blockbuster. Es fehlt vielleicht das blinde Verständnis zwischen den einzelnen „Spielern“, würde man beim Fußball sagen, alles wirkt ein wenig angestrengter als sonst, weniger leicht, weniger schwebend. Besonders die zweite Episode, mit Strathairn und Weisz als zerrüttetem Ehepaar, wird gar nicht recht lebendig.
Mehr als entschädigt wird man, wenn die verlorenen Seelen Jude Law und Norah Jones aufeinandertreffen. Eine so charmant eingefädelte und so romantische Liebesgeschichte zu schreiben und zu inszenieren, das kann eben nur einer. Da ist viel von Chungking Express drinnen, eine gehörige Dosis Melancholie ist beigemischt, und Wongs ewige Obsession mit der Zeit und ihrem Verstreichen macht sich hier ganz vortrefflich. Und trotzdem, leise, ganz leise, regt sich der Wunsch, Wong Kar-wai möge einmal etwas ganz anderes machen.
