Eine der sehenswertesten Arbeiten des vergangenen Jahres hat hochverdient den Oscar für den besten fremdsprachigen Film erhalten. „Nader und Simin – Eine Trennung“ ist mittlerweile in der Edition Filmladen auf DVD erschienen.
Es wird viel gesprochen in diesem Film. Und die Gespräche sind durchzogen von kleinen Lügen und Halbwahrheiten. Dem wahren Geschehen kommt man auf die Spur, wenn man auf die Blicke und Gesten der Akteure achtet. Vor allem auf die Blicke. Das Gros des Geschehens spielt sich in einer verschachtelten Wohnung in Teheran ab, die zahlreiche überraschende Blickachsen zulässt. Auch wenn man nie einen genauen Überblick über die offenbar geräumige Wohnung gewinnt, wird schnell klar, dass ihre Bewohner der gehobenen Mittelschicht angehören. Hier lebt Nader mit seiner Tochter Termeh. Nader hat sich von seiner Frau Simin getrennt, da diese nach Europa auswandern will. Nader will bleiben und seinen pflegebedürftigen Vater nicht verlassen. Während Simin ihre Sachen packt und dabei von Termeh beobachtet wird, stellt Nader eine neue Pflegehilfe für seinen Vater ein. Diese kommt aus der Unterschicht und ist tief religiös. Aus diesem Umstand ergeben sich die weiteren Verwicklungen der Geschichte, die irgendwann kaum noch entwirrbar erscheinen. Nader und Simin ist komplex und straff konstruiert, zugleich Krimi und Gerichtsdrama – allerdings ohne Verbrecher. Keiner der Protagonisten handelt in böser Absicht, man kann die Motivationen aller verstehen. Mitfühlen jedoch lässt sich bald nur noch mit Termeh, dem Opfer der Trennung.
Vordergründig erzählt Nader und Simin eine ganz spezifisch iranische Geschichte. Man erfährt Erstaunliches über die islamische Rechtssprechung abseits spektakulärer Fälle von abgehackten Diebeshänden und gesteinigten Ehebrecherinnen. Der Film macht das Leben unter Sachzwängen politischer, religiöser und sozialer Art anschaulich und nachvollziehbar. Vor allem aber erzählt er, wie die kleinen Lügen, derer wir alle uns bedienen, die Zwangslagen verschlimmern. Und an diesem Punkt wird das Spezifische universell.
