Filmkritik

Nahschuss

| Pamela Jahn |
Ein Mann, ein System, ein Todesurteil

Es ist zu schön, um wahr zu sein. Der neue Job. Die tolle Wohnung. Das alles. Plötzlich fragt seine Verlobte Corina (Luise Heyer) leise: „Du arbeitest im Inneren, stimmt‘s?“ Ja, stimmt. Und eigentlich hätte Franz (Lars Eidinger) es ihr anders sagen wollen. Aber wie erklärt man dem Menschen, den man liebt, dass man gerade einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hat? So jedenfalls kommt es dem jungen Ingenieur Franz Walter schon kurz nach Antritt seiner neuen Dienststelle vor: Hauptverwaltung Aufklärung, Abteilung Fußball. Franz soll als systemtreuer, pflichtbewusster Bürger der DDR für die Stasi arbeiten und seinen Beitrag leisten, im Land für Frieden und Ordnung zu sorgen. Als Belohnung wird ihm eine Professur in Aussicht gestellt. Aber zunächst lautet sein Auftrag, den vor kurzem in den Westen geflüchteten Spitzen-Spieler Horst Langfeld in die ostdeutsche Heimat zurückzuholen. Franz recherchiert akribisch, wie er es als Wissenschaftler gelernt hat, und steigt voll ein in den Fall. Zusammen mit seinem Vorgesetzten, Führungsoffizier Dirk Hartmann (Devid Striesow), fährt er zu einem ersten Auslandseinsatz in die BRD. Sie essen Hamburger, bestechen Informanten und holen Auskünfte ein. Doch bald erkennt Franz erste Risse im System. Er bekommt einen Einblick in die unlauteren Methoden der Stasi, fühlt sich unwohl, schließt sich ein, will da raus. Und schafft es nicht.

In Wirklichkeit handelt es sich bei Franz Walters Geschichte um den Fall Werner Treske, der im Juni 1981 in Leipzig hingerichtet wurde. Es war das letzte von insgesamt 231 ausgesprochenen und 166 vollstreckten Todesurteilen in der DDR. Regisseurin und Drehbuchautorin Franziska Stünkel verfilmt das Schicksal des ehemaligen Stasi-Offiziers als den Kampf eines Einzelnen gegen den Staat: verzweifelt, zermürbend, hoffnungslos. Eidinger spielt einmal mehr groß auf, ohne sich über seine Rolle zu erheben. Und es ist vor allem sein Krafteinsatz, der dem Film beim diesjährigen Deutschen Filmpreis einen Platz unter den Favoriten einräumen dürfte. Aber auch Striesow ist als Stasi-Oberleutnant ausgesprochen gut. Das schiefe Grinsen, die akkurate Mimik und Gestik, der versteckt verlogene Blick – die Partei wäre sicher stolz gewesen. Ansonsten hält es Stünkel mit typisch braun-grau-gelblich getönten Bildern sowie Musik von City, Karat und Ton Steine Scherben, um Zeit und Ort des Geschehens wirklichkeitsnah einzuordnen.

Dennoch bleibt Nahschuss in seiner Intensität und atmosphärischen Dichte hinter anderen Versuchen zurück, die überaus fragwürdigen geheimpolizeilichen Praktiken der Stasi im Kino zu thematisieren, schafft es der Film lediglich zu bewegen als tief zu bestürzen. Als sei da eine Mauer, auch heute noch.