John Smith, Being John Smith (Beach) 2024
John Smith, Being John Smith (Beach) 2024 (Still; Foto: Tony Smith), HD-Video

Wiener Secession

Nahtstellen

| Ania Gleich |
Ab 12. September zeigt die Wiener Secession drei neue Ausstellungen: June Crespo, Atelier Bow-Wow und John Smith eröffnen jeweils eigene Welten, die sich im Dazwischen begegnen.

Wie könnten in Bronze gegossene Naturstrukturen, „eingenähte“ Häuser und ein ganz gewöhnlicher Mann zusammen in ein Konzept passen? Die Wiener Secession macht es möglich und eröffnet am 12. September 2025 mit June Crespos „Danzante“, Atelier Bow-Wows „Suturing Together“ und John Smiths selbstreflexiven Porträts gleich drei Ausstellungen, die auf den ersten Blick wenig gemeinsam haben, aber einen Möglichkeitsraum eröffnen, in dem sich Tanz und Architektur, Film und Selbstverortung parallel lesen lassen. In Being John Smith schreibt sich der Regisseur in den 1970er-Jahren mit seinen experimentellen Filmen quasi in seine eigene Welt ein. Atelier Bow-Wow hält am Credo fest, dass wir von dem geformt werden, was wir selbst erschaffen. Und June Crespo lotet den Übergang zwischen Objekt und Subjekt aus, tastet nach dem Fluss, in dem sich alles sammelt. Ein Strom aus Formen, Geschichten und Haltungen, der – auch wenn die drei Ausstellungen nicht im selben Raum stattfinden – zwischen ihnen eine ideelle Brücke schlägt.

BEING JOHN SMITH

Banalität wird bei John Smith zum Programm. Der Mann mit dem so gewöhnlichen Namen nimmt in seinem jüngsten Film Being John Smith (2024) die Unmöglichkeit ins Visier, in einer Welt voller Namensvetter dennoch einzigartig zu sein. Die konzeptkunstartige Dokumentation seines Aufwachsens und Erwachsenwerdens inmitten von (allein in Großbritannien) rund 30.000 weiteren John Smiths formt eine humorvolle Collage, die einen Alltag zeigt, der für andere unscheinbar wirken mag, für Smith selbst jedoch höchstpersönlich ist.

Ähnlich persönlich sind auch die beiden weiteren in der Ausstellung gezeigten Filme: Dad’s Stick (2012) etwa ist eine Hommage an seinen Vater, in deren Zentrum ein Farbrührstab steht – ein alltäglicher Gegenstand, aufgeladen mit Erinnerungen. Smiths autobiografisches Erzählen war jedoch nicht immer seine bevorzugte Filmsprache. In den 1980er-Jahren etwa entstand The Black Tower (1985–87), geprägt von einem deutlich experimentelleren Stil. Die absurde Geschichte eines Mannes, der glaubt, ein schwarzer Turm verfolge ihn durch London, wechselt spielerisch und intuitiv zwischen völlig abstrahierten Bildkonstruktionen und fast konventionellem Erzählen. Immer wieder wird dabei die Beziehung zwischen Zuschauer und Erzähler aufgebrochen – und in eine Nähe gerückt, die fast unheimlich wirkt.

DANZE, DANZE, DANZANTE!

Schon der französische Philosoph Maurice Merleau-Ponty betonte, dass ein Gegenstand erst durch Bewegung – in und um ihn herum – zu einem gelebten Objekt wird, das wir in der Welt begreifen können. Anders gesagt: Der Mensch interagiert durch seinen Körper mit der Welt, Verstehen geschieht nicht im Stillstand, sondern im Tun. Ähnlich denkt auch June Crespo. Ihre skulpturalen Assemblagen begreift sie als Objekte, die miteinander und mit ihrer Umgebung in Austausch treten. Es sind keine passiven Dinge, sondern Arbeiten, deren Beziehung zum Betrachter durch Bewegung entsteht: Das Umgehen, das Erleben bestimmt die Choreografie der Skulpturen. Jede Person wird deshalb jedes einzelne Werk auf ihre eigene Weise wahrnehmen.

Kein Wunder also, dass körperliche Erfahrungen für Crespo oft den Ausgangspunkt ihrer Arbeit bilden. Sie fertigt Abgüsse oder Negativformen – etwa von Pflanzen – an, die später in Materialien wie Stahl, Bronze oder Beton neu zu eigenständigen Konstellationen im Raum zusammenfinden. Um die Objekte noch deutlicher aus ihrer natürlichen Ordnung zu lösen, setzt sie 3D-Scans ein. So wird der Übergang zwischen Natur und Technologie fließend – und zugleich zum stillen Protest in einer postindustriellen Welt. Skulpturen wie Molar (2024) oder The Dancing Column II entwickeln sich so zu eigenständigen Gebilden, die zwischen Zärtlichkeit und Monumentalität pendeln. „Ich will kein Bild zementieren, sondern eine Begegnung zwischen Körpern vorschlagen – im Dazwischen“, sagt die Künstlerin.

INS DAZWISCHEN EINNÄHEN

Gewissermaßen arbeiten auch Atelier Bow-Wow im Dazwischen. Die Architekten, vor allem bekannt durch ihre „Pet Architecture“, beschäftigen sich mit jenen Restflächen, die in Großstädten oft ungenutzt bleiben. Unregelmäßig geschnittene Grundstücke werden zu Standorten winziger Gebäude, die die Lücken zwischen größeren Bauten schließen und den vorhandenen Raum optimal nutzen. Es sind kreative Lösungen, die Pragmatismus und Nachhaltigkeit verbinden. Besonderes Augenmerk legt das Studio darauf, den bestehenden Ort in die Planung einzubeziehen: Welche ungenutzten Ressourcen lassen sich verwenden? Wie kann die lokale Bevölkerung eingebunden werden? So bleiben vorhandene Netzwerke und Materialien stets im Zentrum der Überlegungen.

Ein Schlüsselbegriff ihrer Arbeit ist das „Suturing“ – das „Einnähen“: „Wir trennen nicht Subjekt und Objekt, Sein und Beziehung, sondern verbleiben in ihrem vermischten Zustand und nähen dieses Netzwerk selbst zusammen“, heißt es im Manifest der Suturisten. Im Grafischen Kabinett der Secession ist ein historischer Überblick zu sehen, der fast zwanzig Jahre Atelier-Bow-Wow-Projekte umfasst. Fotografien, Zeichnungen und Skizzen verdeutlichen ihre Methodologie. Neben frühen Arbeiten aus den 1990er-Jahren finden sich auch Zeugnisse ihres Engagements in der Katastrophenhilfe – etwa nach dem großen Erdbeben in Ostjapan 2011, als sie gemeinsam mit anderen Architektinnen und Architekten die Wiederaufbauplattform „ArchAid“ gründeten. Wie bei June Crespo wird auch hier ein starres Verständnis von Raum aufgebrochen: Architektur wird zu etwas Beweglichem, das sich jenseits bloßer Statik entfaltet. Netzwerke und Zwischenräume werden zu zentralen Spielfeldern in einem größeren Ökosystem, in dem Architektur als aktives, unterstützendes Vehikel wirken kann.

Ob in John Smiths filmischen Selbstverortungen, June Crespos skulpturalen Körperlandschaften oder Atelier Bow-Wows architektonischen Nahtstellen – überall wird das Feste in Bewegung versetzt. Drei Positionen, die zeigen, dass Bedeutung oft dort entsteht, wo Dinge, Räume und Menschen sich berühren und Neues dazwischen wächst.