Nanook of the North – Werden und Vergehen

| Günter Pscheider |

Im Wiener Konzerthaus vertont der Elektronik-Tüftler Christian Fennesz live den Dokumentarfilmklassiker „Nanook of the North“ von Robert Flaherty. Künstlerische Hochspannung ist dabei garantiert.

Das Wiener Konzerthaus setzt seine spannende Reihe von Stummfilmen, für die zeitgenössische Künstler einen neuen Soundtrack komponieren, am 30. April mit einem absoluten Klassiker fort. Nanook of the North (1922) von Robert Flaherty gilt als erster abendfüllender Dokumentarfilm und prägte mit seinen eindrucksvollen Bildern vom Kampf der Inuit ums Überleben in einer feindlichen Natur die Entwicklung des ganzen Genres mit. Man darf gespannt sein, wie der renommierte Wiener Gitarren-Elektronik-Soundtüftler Christian Fennesz die schwierige Aufgabe bewältigt, den Kontrast der Stimmungen von Grausamkeit und Zärtlichkeit ohne das übliche klischeehafte Pathos zu vermitteln.

Die inszenierte Wahrheit

Von der Machart her ist Nanook ein ethnografischer Film, bei dem der Forscher das Leben des fremden Stammes über einen längeren Zeitraum kennen lernt und erst dann, als Eingeweihter und Akzeptierter, die täglichen Verrichtungen aller mit der Kamera aufnimmt. Nach einem ersten Versuch verbrennt das Negativ, aber der filmische Novize Flaherty hat genug gesehen, um zu erkennen, dass sein Zusammenschnitt auf der emotionalen Ebene nicht funktioniert. Er entscheidet sich dafür, stellvertretend ein Individuum und seine unmittelbare Familie in den Mittelpunkt einer Saga über den Kampf des Menschen mit der Natur zu stellen und noch einmal ein Jahr bei den Inuit zu verbringen. Wir sehen Nanook, seinen zwei Frauen und den Kindern zu bei der spektakulären Walrossjagd, beim Bauen eines Iglu, beim Fangen und Zerteilen einer Robbe, beim Essen des rohen Fleisches, beim Verfüttern der Reste an die Schlittenhunde und beim Aufstehen in der Früh, wenn sich die ganze Familie nacheinander aus den wärmenden Fellen und Decken schält.

Intime, beinahe zärtliche Szenen wie diese illustrieren die
Härte des Überlebenskampfes unter extremen arktischen Bedingungen am Besten und fördern die Identifikation des Zuschauers. Man empfindet Bewunderung für das ruhige Gemüt und heitere Wesen der Protagonisten, wenn wegen der Kälte innerhalb des Iglus der Atem von allen klar zu sehen ist, während das nackte Baby notdürftig mit Speichel gesäubert wird. Vehement wurde Flaherty vorgeworfen, er habe seinen Film und eben auch jene Sequenzen inszeniert und keinesfalls das authentische Leben der Inuit um 1920 dokumentiert. Tatsächlich hat Flaherty das Iglu größer bauen lassen, um die schwerfällige Kamera irgendwo unterzubringen, die Kälte im Inneren entsteht wegen der fehlenden Dachkonstruktion. Die gebräuchlichen Behausungen waren viel kleiner und durch die Körperwärme im engen Raum auch nicht so kalt. Auf der Jagd wurden statt der dramatisch wirkenden Harpunen längst Gewehre verwendet, und die behauptete Gefahr des Schneesturms war übertrieben, schließlich wurde in der Nähe von Siedlungen gedreht.

Es ist offensichtlich, dass Ereignisse für die Kamera inszeniert wurden und die Inuit teilweise wie Schauspieler agieren, aber das tut der Kraft des Films keinen Abbruch. Man muss Nanook heute nicht als bis ins kleinste Detail faktentreues Zeitdokument sehen, sondern eher als blendend gefilmte, naturalistische Poesie über den archaischen Kampf des Menschen, an einem unwirtlichen Ort zu überleben.

While my laptop gently weeps

Von den Standardwerken des Stummfilmkanons gibt es zahlreiche Vertonungen, angefangen von orchestralen Scores über kammermusikalische Interpretationen bis zum Rocktrio. Klassik, Pop, Jazz und Elektronik bilden den Hintergrund für Soundtracks, die im Idealfall etwas Neues aus der Symbiose von Film und Musik erschaffen. Bei Christian Fennesz braucht man sich über die Eigenständigkeit seiner Bearbeitung keine Sorgen zu machen. Seit dem Split der innovativen Rockband Maische werkt der gelernte Gitarrist als Laptop-Solokünstler und in verschiedenen Kollaborationen mit Szenegrößen aus den Bereichen Avantgarde bis Pop an seiner Vision atmosphärischer Klangverdichtung. Lyrische Passagen können blitzartig in arktische Stürme umkippen, Loop auf Loop türmt sich auf im Universum der elektronisch verfremdeten Gitarrenklänge. Bei aller Unterschiedlichkeit seiner zahlreichen Projekte mit Künstlern wie Mike Patton, Ryuichi Sakamoto, Jim O‘Rourke oder David Sylvian bleibt seine eigene Handschrift stets unverkennbar. Soundtrackerfahrung sammelte Fennesz bei österreichischen Produktionen wie Blue Moon oder den Kurzfilmen von Gustav Deutsch. Die Bearbeitung eines Stummfilms ist jedoch auch für ihn Neuland. In Auftrag gegeben wurde das Werk im Mozartjahr 2006 vom Wiener Konzerthaus. Das Ensemble bei der Aufführung im Konzerthaus umfasst Otomo Yoshihide an der Gitarre und den Turntables, Eva Reiter an der Viola de Gamba und das Streichtrio des Klangforum Wiens.

Sein analytischer Stil, der auch genügend Raum für emotionale Momente hat, passt ausgezeichnet zum rauen und doch zärtlichen Duktus des Films. Die übliche dramaturgisch angepasste Spannungsmusik zu Szenen wie der Walrossjagd oder den Aufnahmen der zähnefletschenden Schlittenhunde wird den Zuschauern wohl erspart bleiben. Denn was bringt es, die vorhandenen Stimmungen zu verstärken, wenn erst aus der Konfrontation mit dem Unerwarteten etwas wirklich Berührendes entstehen kann? Das Werden und Vergehen in der Natur ist ein Thema, das Fennesz offensichtlich nicht nur musikalisch interessiert. Als Inspirationsquelle für eines seiner Stücke gibt er ein Zitat frei nach Motoori Norinaga an: „Das Bewusstsein der Vergänglichkeit der Dinge und eine sanftmütige Traurigkeit über ihr Verschwinden.“ Die Kraft von Nanook liegt im Kontrast zwischen der teilnahmslosen Größe der Natur und dem sozialen, empathischen Verhalten der Menschen, die gelernt haben, Wind und Kälte zu trotzen und als Gemeinschaft nur durch das Töten von Tieren zu überleben. Christian Fennesz hat schon öfter Sounds aus der Natur, etwa Insekten des Regenwaldes, organisch in sein Klanguniversum integriert. Er wird es schaffen, die Stimmungen der kalten, majestätischen Landschaft und des Kuschelns unter Eisbärfellen gleichzeitig ohne Kitsch lebendig werden zu lassen.