Filmkritik

National Gallery

| Oliver Stangl |
Von der Kunst und ihrer Vermittlung

Seit Anbeginn seiner Karriere ist es die Spezialität des mittlerweile 85-jährigen Frederick Wiseman, Institutionen und das sie umgebende soziale Gefüge unter Verzicht auf Interviews und Off-Kommentar zu porträtieren: So drehte der US-Amerikaner in den letzten Jahren Filme über so unterschiedliche Einrichtungen wie die kalifornische Eliteuniversität Berkeley (At Berkeley, 2013), die Pariser Varieté-Legende Crazy Horse (Crazy Horse, 2011) oder den New Yorker Madison Square Garden (The Garden, 2005). Das Ergebnis sind ebenso komplexe wie erhellende Filme, die ihr eigentliches Thema zu transzendieren scheinen. Auch im Fall von Wisemans National Gallery bekommt der Zuseher mehr geboten als bloß ein braves Porträt des renommierten Museums am Trafalgar Square (Museumsfilme scheinen in jüngster Zeit einen Boom zu erleben, man denke etwa an James Bennings Natural History oder Johannes Holzhausens Das große Museum).

Wie immer bei Wiseman ist der Schnitt ein wesentliches Element – aus dem umfangreichen Material, das der Filmemacher und sein Team während eines dreimonatigen Drehs in der National Gallery im Jahr 2012 sammelten, galt es, Leitthemen herauszuarbeiten. Die Eröffnungsmontage zeigt zunächst in rascher Folge eine Vielzahl Alter Meister – neben der Vermittlung der schieren Größe der Gemäldesammlung vielleicht eine Visualisierung des Umstands, dass der durchschnittliche Museumsbesucher nur einige Sekunden vor einem Gemälde verharrt, ehe er zum nächsten geht. Direkt danach wird man Zeuge einer Führung, bei der eine Kunstexpertin eine Gruppe dazu auffordert, sich bei der Betrachtung eines Gemäldes in die Menschen des Mittelalters hineinzuversetzen. Wie ein roter Faden ziehen sich fortan Gespräche über Kunst durch den Film: Im Wesentlichen ist National Gallery ein Film über die Vermittlung von Kunst und der Leidenschaften, die sie sowohl abzubilden als auch zu wecken versteht. Warum platzierte Bellini im Hintergrund des Gemäldes  „Die Ermordung des Petrus Martyr“ eine Gruppe teilnahmsloser Holzfäller? Sind die Noten, die auf Watteaus „Skala der Liebe“ zu sehen sind, unspielbar oder die Folge einer missglückten Reinigung? Was hatte Rembrandt mit der Übermalung eines prestigeträchtigen Auftragswerks im Sinn?

Man wird Zeuge von Sitzungen zum Thema Marketing, sieht Restaurationsarbeiten und den Ansturm, den Großevents wie Ausstellungen zu Leonardo oder Turner auslösen. Und man bekommt ein Gefühl dafür, was große Kunst ausmacht: Der Umstand, dass sie auch nach Jahrhunderten und unzähligen Analysen immer noch von der Aura des Geheimnisvollen umgeben ist. Hier macht ein filmischer Altmeister enorme Lust auf die Betrachtung der Alten Meister.