Der erfolgreichste Animationsfilm aller Zeiten ist tatsächlich ein Meisterwerk: „Ne Zha 2“ von Yang Yu.
Nach dem himmlischen Blitz überlebten Ne Zha und Ao Bing zwar, indem sie zu Geistern wurden, lösten sich aber bald vollständig auf. Taiyi plant, die sterblichen Körper von Ne Zha und Ao Bing mithilfe der siebenfarbigen kostbaren Lotusblume wiederherzustellen. Doch während des Wiederaufbaus tauchen zahlreiche Hindernisse auf. Wie wird sich Ne Zhas und Ao Bings Schicksal gestalten? Ja, das ist hier Frage…
Filme aus der Volksrepublik China, zumal solche, die kommerziell erfolgreich und nicht dem Arthouse-Segment zuzuordnen sind, verirren sich selten in unsere Kinos. Anders als in anderen europäischen Großstädten, wo die chinesischen Communities sehr wohl Filme aus ihrem Kulturkreis zu sehen bekommen, ist die Weltstadt Wien diesbezüglich Wüste. Deshalb kommt es ein wenig überraschend, dass nun, mehr oder weniger unangekündigt, der grandiose chinesische Blockbuster Ne Zha 2 ziemlich flächendeckend in Österreich zu sehen ist, wenn auch „nur“ mit englischen Untertiteln. Der Film des 44-jährigen Regisseurs Yang Yu, der sich selbst „Jiaozi“ (Teigtasche) nennt, ist in vieler Hinsicht bemerkenswert, hat er doch, lokal wie global, alle Rekorde gebrochen. Seit seinem Start zum chinesischen Neujahrsfest, das gerade einmal zwei Monate her ist, hat Ne Zha 2 bei Produktionskosten von 80 Millionen US-Dollar sage und schreibe mehr als zwei Milliarden Dollar eingespielt. Das macht ihn nicht nur weltweit zum erfolgreichsten Animationsfilm aller Zeiten, es hat auch noch nie ein Film in einem einzigen Markt eine solche Summe erreicht. Und inzwischen ist er auch international sehr erfolgreich.
Götter- und Heldensagen
Das sind Zahlen, von denen Hollywood in seinem aktuellen Zustand nur träumen kann. Wenn man bedenkt, dass Disneys katastrophal gescheiterte Märchen-Realverfilmung Snow White 250 Millionen und der lahme neue Netflix-„Hit“ The Electric State gar 350 Millionen Dollar gekostet haben, dann werden die Dimensionen umso erstaunlicher. 80 Millionen Budget für einen Film, an dem über viertausend (!) Menschen in 138 Animationsteams in China und Thailand mitgearbeitet haben, sind wahrhaft ein Schnäppchen, gemessen am überragenden Einspielergebnis. Was aber natürlich noch viel schwerer wiegt als der wirtschaftliche Erfolg, ist, dass Ne Zha 2 auch ein künstlerischer Triumph ist, ein Meisterwerk des Animationsfilms, ein Fest für alle Sinne. Er ist episch und zutiefst emotional, er hat viel Humor, eine überzeugende Story, tolle Musik und großartige, plastische Figuren. Vor allem aber ist er technisch und von den Animationen her auf einem Niveau, an dem sich alle Animationsfilme von nun an zu messen haben werden.
Wer aber ist nun Ne Zha bzw. Nezha (beides ist richtig)? Es handelt sich um eine wichtige und bekannte Figur der chinesischen Mythologie und stammt aus „Fēngshén Yǎnyì“ (englisch „Investiture of the Gods“ bzw. „Creation of the Gods“, deutsch auch „Die Metamorphosen der Götter“), einem Sammelwerk aus dem 16. Jahrhundert, das Xu Zhongli und Lu Xixing zugeschrieben wird; „Götter- und Heldensagen“, wenn man so will. Nezhas Geschichte handelt im Wesentlichen von seinem Kampf gegen die vier Drachenkönige der Weltmeere – darunter Ao Guang, der Dragon King of the East, der auch im Film vorkommt. Nezha tötet Ao Guangs Sohn Ao Bing, und deshalb will der Vater Rache nehmen und die Stadt am Chengtan-Pass zerstören, wo Nezha geboren wurde. Nezha opfert sich und wird von seinem Meister Taiyi Zhenren mit neuen Fähigkeiten wiederbelebt. Er begibt sich auf eine lange Reise, an deren Ende er ein unsterblicher Krieger bzw. eine taoistische Gottheit werden soll. Dass auf Nezhas Weg unendliche viele Gefahren und Prüfungen warten, liegt auf der Hand.
Diese enorm wichtige Figur der chinesischen Folklore wurde über die Jahrzehnte in unzähligen Filmen, TV-Serien und Animationsprojekten adaptiert. Als Meilenstein gilt dabei der 65-minütige Animationsfilm Prince Nezha’s Triumph Against Dragon King (1979) von Wang Shuchen, Yan Dingxian und Xu Jingda, der vom legendären Shanghai Animation Film Studio produziert wurde und 1980 sogar außer Konkurrenz beim Filmfestival in Cannes gezeigt wurde. Der Film war quasi das Comeback des Studios nach den trüben zehn Jahren der Kulturrevolution. 1946 gegründet, produzierte man dort praktisch alle Klassiker des chinesischen Animationsfilms, darunter Pigsy Eats Watermelon (1958), Where Is Mama? (1960) und, wohl am bekanntesten, Havoc in Heaven (1961/64), eine von vielen Erzählungen rund um den nicht minder populären „Affenkönig“ Sun Wukong. Mit diesen liebevoll und phantasiereich animierten Filmen – und das erklärt in gewisser Weise auch den Erfolg des aktuellen Ne Zha-Blockbusters – sind Generationen von Kindern aufgewachsen, sie sind sozusagen Teil der chinesischen DNA geworden. Es gibt praktisch niemanden in der Volksrepublik, der diese Klassiker nicht kennt, und jede Neuinterpretation ruft folglich starkes Interesse hervor.
FEUERWERK
Von daher ist es auch nicht überraschend und vor allem sehr klug, dass Regisseur Yang Yu im Kern der alten, heiß geliebten Erzählung folgt. Das wichtigste Element hat er beibehalten, denn „eines der ikonischsten Elemente der Nezha-Geschichte ist seine Darstellung als rebellischer Sohn seines strengen Vaters – eine wesentliche Quelle der Anziehungskraft und des Charmes der Figur, insbesondere in einer Gesellschaft, in der kindlicher Respekt traditionell als höchste Tugend galt. Heutzutage gilt Nezha sogar als antipatriarchalische Ikone.“ (www.theworldofchinese.com) Yang Yu hat dieses Element stärker betont als frühere Adaptionen. Sein Nezha hat zunächst gar nichts Liebliches an sich, jemand im Internet sprach treffend von einer „Punk-Attitüde“. Der Regisseur meinte dazu in einem Interview: „Wir alle haben uns sattgesehen an „cuten“ und „coolen“ Charakteren in Animationsfilmen. Ich wollte auf jeden Fall ganz etwas anderes machen.“ Sein Nezha ist tatsächlich ein Rebell, rotzfrech, ungehobelt, maßlos egoistisch und sich selbst überschätzend – darin gleicht er auf wundersame Weise dem schon erwähnten anderen großen mythologischen Helden Sun Wukong, dessen große Erzählung „Xiyou ji“ („Journey to the West“, ebenfalls aus dem 16. Jahrhundert) möglicherweise die am öftesten verfilmte Geschichte weltweit ist. Nezha taucht darin übrigens als Nebenfigur auf. Noch ein interessantes Detail: Der prominente taiwanesische Regisseur Tsai Ming-liang nannte 1992 seinen aufsehenerregenden ersten Film über ein aufsässigen Jugendlichen Qīngshàonián Nézhà(„Adolescent Nezha“) – im Englischen hieß er Rebels of the Neon God.
Und dennoch hat es Yang Yu geschafft, seiner Figur und seiner Geschichte noch viele andere Aspekte abzugewinnen. Der Rüpel Nezha hat auch eine unglaublich zarte, fast feminine Seite, die verblüffend ist und die in seiner dualen Existenz mit seinem Zwilling/Antagonisten Ao Bing besonders auffällt. Oder nehmen wir den vermeintlichen Bösewicht Shen Gongbao (eine schon rein optisch herrlich designte Figur), der so viele Facetten hat, die man anfangs gar nicht vermuten würde. Es geht um Selbstfindung, um Beziehungen zu geliebten Menschen, um Aufrichtigkeit und Verrat, um Liebe und Schmerz und noch vieles andere mehr. Das US-Branchenblatt „Variety“ mäkelte denn auch ein wenig herum, der Film habe „zu viel Inhalt“, aber genau das macht auch seine Stärke aus. Mag sein, dass man sich als westliche Person nicht immer ganz genau auskennt mit den zahlreichen erzählerischen Wendungen, aber schon im übernächsten Moment hat man den Faden wieder gefunden, und selbst wenn nicht, kann man sich einfach diesem Kosmos an Farben, Gefühlen, unglaublichen Figuren und, ja, Humor ergeben – oder ganz einfach das unfassbare technische Feuerwerk genießen, das der Regisseur und sein Team fast zweieinhalb Stunden lang abbrennen.
Warum heißt der Film eigentlich Ne Zha 2? Es gibt natürlich einen ersten Teil des Epos, 2019 entstanden, mit dem Yang Yu, der bis dahin gerade einmal zwei Kurzfilme zu Buche stehen hatte, mit einem Paukenschlag die Szene betrat. Es schadet nicht, Teil 1 zu kennen, aber unbedingt nötig ist es nicht, denn im Großen und Ganzen bietet der aktuelle Film auch eine flotte Zusammenfassung dessen, „was bisher geschah“. Und so gut (und erfolgreich) der erste Teil auch war, verglichen mit dem zweiten wirkt er doch eher wie der Anlauf zu etwas ganz Großem. Ne Zha 2, man muss es so sagen, reiht sich ein unter die ganz, ganz wenigen Filme, bei denen der zweite Teil den ersten übertriff. Welche das sind, darf jede/r für sich überlegen, man kann sich da leicht die Finger verbrennen. Das große Verdienst von Yang Yus erstem Nezha lag aber vor allem darin, dass er (und andere chinesische Filme, die zu dieser Zeit herauskamen) den 3D-Animationsbereich in der Volksrepublik enorm vorangetrieben hat. Er setzte Maßstäbe und trug entscheidend dazu bei, die chinesische Animationsindustrie auf die nächste Stufe zu heben, auf eine Ebene, auf der sich nur noch wenig anderes behaupten kann, am ehesten vielleicht, wenn man an Hollywood denkt, die animierten Spider-Man-Filme. Mit Ne Zha 2 jedenfalls hat Regisseur Yang Yu/Jiaozi den Olymp erklommen – viel Besseres wird man in nächster Zeit vermutlich nicht zu sehen bekommen. Apropos: Es lohnt sich unbedingt, während der Endcredits sitzen zu bleiben. Es kommt noch etwas …
