Stilsicheres Drama um die Schrecken der NS-Euthanasie
Der Titel klingt reichlich nebulös, doch das Drama, das dahinter steht, ist nur zu real. Erzählt wird die im Kern authentische Tragödie des 13-jährigen Ernst Lossa, der Anfang der vierziger Jahre in die Mühlen des NS-Euthanasieprogramms gerät.
Eingestuft als „schwer erziehbar“ wird das Kind fahrender Händler in die sogenannte Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee in Schwaben eingewiesen – eine Vorstufe von Tötungsanstalten wie Hartheim, in denen Kinder und Kranke von den Nazis systematisch ermordet wurden. Gegen Kriegsende tötete man auch in Kaufbeuren selbst – vorzugsweise mittels so genannter „Reduktionskost“, einer Art verkochter Gemüsesuppe ohne Nährwert, bei der die Patienten trotz vermeintlicher Nahrungsaufnahme verhungerten.
Nebel im August ist so etwas wie das Spielfilm-Gegenstück zum 27 Jahre alten österreichischen Dokumentarfilm T4 Hartheim 1, ein im Ansatz durchaus konventioneller Versuch, das Grauen der NS-Euthanasie-Programme anhand eines Einzelschicksals zu verdeutlichen. Natürlich ließe sich derlei als altbackenes Problemfilm-Kino denunzieren, doch dem bisher mehr durch TV-Filme (Klemperer – Ein Leben in Deutschland) hervorgetretenen Regisseur Kai Wessel gelingt hier eine grundsolide Arbeit, die gerade in ihrem zurückhaltenden Gestus angemessen unter die Haut geht. In (vielleicht zu modisch nostalgiebraun getönten) Breitwandbildern kontrastiert Wessel den widerständig optimistischen Lebenswillen von Kindern mit der durchorganisierten Exekution braunen Rassenwahns. Hier agiert keine hektische Handkamera, hier wird nichts auf dramatische Effekte hin montiert, das Grauen entsteht vielmehr aus subtilen Details und diskreten Andeutungen. Da steht fast unbemerkt ein menschliches Gehirn im Glas herum, und wenn die Todesspritze aufgezogen wird, zeigt die Kamera nur die verschlossene Tür, hinter der sich der letzte Akt vollzieht.
Die Darsteller sind klug gegen den Typ besetzt: Der oft auf „gute Deutsche“ abonnierte Sebastian Koch gibt den fanatischen Anstaltsleiter, die engelsgleiche Krankenschwester (Henriette Confurius) entpuppt sich als Mörderin, die klobig-grobe Ordensschwester (Fritzi Haberlandt) als Humanistin. Karl Markovics hat nur fünf Minuten Leinwandpräsenz, aber die bleiben unvergesslich.
