Von Wölfen und Wunden
Für die einen sind sie eine gefährliche Plage, für die anderen ein Märchenschreck: Wölfe können es kaum jemandem recht machen. Hannah hingegen verehrt die edlen Wildtiere; die junge Forscherin beobachtet die wenigen Exemplare im österreichischen Nationalpark an der Grenze zu Tschechien auf Schritt und Tritt. Als einer ihrer Schützlinge über Nacht verschwindet, macht sie sich auf die Suche. Die Spuren führen sie in ein kleines Dorf, das sie nur allzu gut kennt. Was sie dort findet, ist ihre Familiengeschichte: Schmerzliche Erinnerungen aus dem Leben der Mutter und die tragischen Nachkriegserfahrungen der Großmutter.
Keine der drei Frauen, die in Nebelkind im Mittelpunkt stehen, ist glücklich oder war es einmal. Keine von ihnen hatte es jemals leicht, weder in der Kindheit noch später. Dieser Umstand zwingt dem Drama unweigerlich eine Schwere auf, die von Anfang an spürbar ist. Wie ein unsichtbarer Schleier überschattet sie die Bilder. Da kann noch so viel Sonne auf die magischen Landschaften einbrechen. Im Ausloten der Grauzonen findet der Film seine Bestimmung: Vergangenheit und Gegenwart treten in einen Dialog mit der Realität. Grenzen werden hier zugleich physisch und psychisch ausgelotet, in Frage gestellt und überschritten. Kotyk erzählt Hannahs Geschichte im Wechsel der verschiedenen Zeitebenen, vom Zweiten Weltkrieg über die neunziger Jahre bis ins Heute. Die zahlreichen Rückblenden sollen Klarheit bringen in das diffuse Daseinsgefühl ihrer Protagonistin. Es geht um sexuelle Gewalt, Zwangsumsiedlung, offene Wunden und generationsübergreifende Traumata.
Was in der Beschreibung platt klingt, spiegelt sich bei Kotyk subtil in der Bildsprache wider ebenso wie in einer präzisen Blick- und Körperregie. Vor allem die Szenen zwischen Hannah und ihrer verbitterten Mutter Miriam geben Aufschluss über die tiefen emotionalen Gräben, die beide überwinden müssen, um eine Art Seelenfrieden zu erlangen. Lange arbeitet sich Miriam am baufälligen Gasthof ab, der ihrer österreichischen Familie 1945 weggenommen wurde. Wie bereits ihre Mutter Viktorie zuvor, ist auch sie im Dorf nach all den Jahren noch immer eine Außenseiterin: die Tochter ehemaliger Eindringlinge, die zurückgekommen ist, um zu bleiben – und die nicht davon ablässt, dreiste Besitzansprüche zu stellen.
Den tiefen Schmerz, der diese drei Frauen umschleicht, versucht Kotyk mit zahlreichen Naturaufnahmen und einem eindringlichen Klangteppich abzufedern. Nicht immer entwickelt sie dabei genügend Balance, um auch eine gewisse Leichtigkeit unter dem historischen Ballast zu entdecken. Die findet Hannah nur mit ihren geliebten Wölfen. Im Wald. In der Unabhängigkeit.
