HINTERLAND

Hinterland | Interview

Neoexpressionismus

| Kirsten Liese |
Die Schauspielerin Liv Lisa Fries im Gespräch über ihren Beruf in Corona-Zeiten und ihren jüngsten Film „Hinterland“ von Stefan Ruzowitzky, der bei seiner Weltpremiere in Locarno den Publikumspreis gewann.

Die Berlinerin Liv Lisa Fries, Jahrgang 1990, war seit ihrer Jugend viel in Fernsehproduktionen zu sehen. Ihren Durchbruch auf der Kinoleinwand bescherte ihr die Rolle der an Mukoviszidose erkrankten Lea in Frederik Steiners Debütfilm Und morgen Mittag bin ich tot, für die sie 2014 als beste Nachwuchsdarstellerin mit dem Bayerischen Filmpreis und beim Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken ausgezeichnet wurde. Seit 2017 steht sie als Hauptfigur Charlotte Ritter in der aufwändigen Sky-Serie Babylon Berlin vor der Kamera. In Hinterland verkörpert sie die Gerichtsmedizinerin Theresa Körner, die dem Protagonisten dabei hilft, einen Serienmörder zu finden.

Stefan Ruzowitzky, vielfach preisgekrönter Regisseur von u.a. Die Siebtelbauern, Die Fälscher und Das radikal Böse, beschreitet in dieser eigenwilligen Genre-Mischung aus Thriller, Krimi und Gesellschaftsdrama neue Wege. Die meisten Schauplätze von einem seltsam entrückten historischen Wien in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg entstanden am Computer. Einige dieser Bauten, die schief und schräg in den Himmel wachsen, erinnern an klassische expressionistische Filme wie Das Cabinet des Dr. Caligari, Dr. Mabuse oder M – Eine Stadt sucht einen Mörder, von denen sich der Regisseur inspirieren ließ. Das passt zu der düsteren Handlung um den ehemaligen Kriminalinspektor Peter Perg, der 1920 aus zweijähriger russischer Kriegsgefangenschaft nach Wien zurückkehrt und vor den Trümmern einer zerbrochenen Existenz steht: Das einstmals riesige Kaiserreich ist mittlerweile eine kleine Republik, seine Frau hat es aufgegeben, auf ihn zu warten und hat die Stadt verlassen, die Gesellschaft braucht ihn nicht mehr, und zu alledem macht ein Serienmörder die Stadt unsicher, der seine Opfer grausam verstümmelt. Und ganz offensichtlich steht dieser Killer in irgendeinem Zusammenhang mit Pergs Kriegsdienst.

 


 

Viele Künstlerinnen und Künstler waren in Corona-Zeiten wenig beschäftigt und mussten sich sagen lassen, sie seien nicht „systemrelevant“. Wie ist es Ihnen in den vergangenen anderthalb Jahren ergangen?
Liv Lisa Fries:
Ich hatte das Glück, trotz Corona an drei Filmen mitzuwirken. Die erste Produktion war mit Detlev Buck für das Kino, Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull nach Thomas Mann. Durch die verschiedenen Lockdowns hatten wir ein paar Monate Unterbrechung bei den Dreharbeiten, aber mit Tests und Masken durften wir dann irgendwann weiterdrehen. Danach habe ich für einen Netflix-Film von Christian Schwochow, Munich: The Edge of War, vor der Kamera gestanden und zum Schluss noch in Zwischen uns, einem Erstlingsfilm. Also ich habe selbst unter diesen Bedingungen noch gearbeitet und war sehr dankbar dafür, dass das möglich war. Und jetzt drehen wir wieder Babylon Berlin. Ich habe also nicht so gelitten wie viele andere Kolleginnen und Kollegen, aber durch Corona wurde mir nochmal besonders klar, was eigentlich Kultur bedeutet im Angesicht all dessen, was wegfiel und nicht stattfinden durfte.

Die Kulissen in „Hinterland“ sehen aus wie aus Pappmaché, die teils sehr prächtigen Kostüme – Sie tragen in mehreren Szenen vornehme Kleider und Hüte – schauen aus wie aus einem aufwendigen Kostümfilm. Wie fühlt man sich in einem solchen Setting?
Der Aberwitz ist ja, dass ich das Setting gar nicht hatte. Das ist für mich daran interessant: Dass ich mit einer anderen Person in einem leeren Raum spiele. Alles, was im Film zu sehen ist, haben wir nicht gesehen. Da liegt für mich eine Absurdität oder Diskrepanz drin: Zum einen frei zu sein, weil der Raum leer ist und es keine Referenzpunkte gibt, keinen Kontext. Und zugleich bin ich natürlich nicht frei, weil ich zu einer Präzision gezwungen bin, ob des fehlenden Settings. Wie erziele ich die? Ich nehme normalerweise schon sehr viel von dem mit, was um mich herum passiert. Am ersten Drehtag hatte ich auch wahnsinnige Kopfschmerzen von diesem ganzen Blau, das muss auch merkwürdig sein für das Gehirn.

Haben Ihnen wenigstens die anderen Menschen am Set geholfen?
Ja, gleichzeitig hat dieses Arbeiten in diesem Studio eine Ruhe generiert. Wir waren vollkommen unabhängig von allem, konnten zum Beispiel anfangen mit einer Szene bei Nacht, weil alles digital passiert, im Nachhinein. Wenn wir im Café am Tisch saßen, dann saßen wir auch am Tisch, aber auch der war ein bisschen schräg aufgebockt. Und das Einzige, worauf ich mich verlassen konnte oder wo ich Fixpunkte gesucht habe, waren Murathan Muslu und Stefan Ruzowitzky bei der Arbeit. Nicht zu vergessen Benedict Neuenfels, er ist für mich ein sehr spannender Kameramann. Zur Vorbereitung auf die Rolle als Gerichtsmedizinerin war ich auch in der Gerichtsmedizin in der Charité in Berlin, das war für mich auch eine wichtige Erfahrung.

Sie haben in letzter Zeit überwiegend an Ausstattungsfilmen mitgewirkt, angefangen bei „Babylon Berlin“, dann „Felix Krull“ und nun „Hinterland“. Fasziniert Sie persönlich das Historische, oder besteht die Gefahr, auf einen solchen Typ festgelegt zu werden?
Es trifft beides zu. Einerseits ist es so, dass – gerade auch durch Babylon Berlin – die Leute offenbar das Gefühl haben, dass ich optisch in diese Zeit passe. Und wenn das gut funktioniert, wird gerne auch auf einen solchen Zug aufgesprungen. Ich habe diese Produktionen aber auch zugesagt, weil sie mich wirklich interessiert haben, weil mich die Geschichten packen oder die Figuren. Und dann habe ich im vergangenen Jahr einen kleinen Kinofilm gemacht, der in der Gegenwart spielt, wo ich die Mutter eines autistischen Jungen spiele, und Sie können sich nicht vorstellen, wie befreiend ich es erlebt habe, mich wieder in der Gegenwart auszudrücken. Das liegt mir natürlich viel näher, ich kann mich da auch intuitiver bewegen, weil ich nun mal jetzt lebe. Wenn ich mich in die Vergangenheit bewege, in der ich nicht gelebt habe, bin ich viel vorsichtiger. Da muss ich mich viel genauer vorbereiten. Und gleichzeitig finde ich es aber auch schön, in Zeiten zurückzugehen. Aber es ist ein bisschen witzig, jetzt wird das alles fast zeitgleich ausgestrahlt bzw. kommt ins Kino, und man sieht mich nur in historischen Rollen. Aber es kommt auch wieder was anderes.

Oft hat man das Gefühl, wenn man einen Film sieht, der in einer anderen Zeit spielt, dass die Gesichter der Darsteller und die Sprache gar nicht zu dieser Zeit passen, das trifft zum Beispiel auch auf einige Mitwirkende in der neuen „Felix Krull“-Adaption zu. Vermutlich wird das wohl auch deshalb gemacht, damit die Figuren heutig wirken sollen?
Ja, das ist wohl die Absicht dahinter. Interessant, dass man das sofort spürt!