Am 14. Jänner erscheint die erste Staffel von „Star Trek Picard“ auf DVD bzw. Blu-ray. Aus diesem Anlass bringen wir hier nochmals das Interview mit „Captain“ Patrick Stewart: Ein Gespräch über alte und neue Welten, Vorbilder, Haarteile und wem man heutzutage noch vertrauen kann.
Wer hätte es gedacht? Nach sieben langen Jahren Star Trek: The Next Generation (1987 – 1994) und dem Kinokassensturz von Star Trek: Nemesis 2002 hat sich Sir Patrick Stewart doch noch einmal davon überzeugen lassen, dass die Franchise und damit sein stets ehrenwerter Sternflottenführer Jean-Luc Picard noch längst nicht am Ende sind. Dabei hatte der heute 79-jährige britische Shakespeare-Schauspieler mehrmals verlauten lassen, dass Picard für ihn definitiv gestorben sei, zumal er sich ungern wiederhole und lieber nach vorn schaue – und zwar nicht vom Deck der Enterprise aus. Dass er jetzt doch noch einmal in die Rolle schlüpft hat viel damit zu tun, dass Star Trek: Picard der Handlung einen in der Gegenwart verhafteten Rahmen verleiht, weniger Sci-Fi-Action ist und trotz des Zukunftssettings im Jahre 2399 mehr über unsere Welt heute verrät, als dem einen oder anderen lieb sein dürfte. Picard selbst befindet sich zu Beginn der Serie längst im Ruhestand, lebt in Frankreich mit Hund und Weingut und will von der Vergangenheit ebenso wenig wissen wie der Schauspieler, der ihn verkörpert. Doch wenn Stewart erstmal ins Schwärmen gerät über seinen Picard, dann ist er gleich wieder ganz in seinem Element und wirkt so gefasst, ernst, heiter und berührt zugleich, dass man sich gerne von ihm und seiner einzigartigen Stimme überzeugen lässt, dass die Neuauflage nicht nur ihre Berechtigung, sondern auch ihren ganz speziellen Reiz hat.
Sir Patrick Stewart, es heißt, Sie wiederholen sich prinzipiell nicht gern, was auch erklärt, warum Sie bisher alle Anfragen, die Serie in irgendeiner Art und Weise weiterzuführen, abgelehnt haben. Was hat Sie dazu verleitet, nach siebzehn Jahren nun doch noch einmal als Jean-Luc Picard zurückzukehren?
Patrick Stewart: Es stimmt, ich habe viele Jahre, ohne mit der Wimper zu zucken, alle Vorschläge zurückgewiesen, die Serie neu aufzulegen. Nicht, weil ich nicht stolz darauf wäre, was wir mit Next Genration erreicht haben. Das war ich wohl und ich habe all die Leute, mit denen ich an der Serie zusammengearbeitet habe, sehr geschätzt. Aber ich dachte wirklich, ich hätte alles über Jean-Luc und die Enterprise gesagt, was es zu sagen gab, und über seine Beziehung zu den Mitgliedern der Crew und was weiß ich. Doch als ich mit Akiva und James, Kirsten Beyer und Alex Kurtzman zusammensaß und sie mir von der neuen Idee erzählten, fühlte sich das von vornherein unerwartet anders an. Trotzdem habe ich zunächst nichts dazu gesagt, sondern erst einmal nur zugehört. Und dann hielt ich meine übliche lange Rede darüber, warum ich das Angebot ablehnen würde, was sie in dem Moment, glaube ich, ziemlich überrascht hat. Doch dann redeten sie weiter, gingen noch mehr ins Detail der Handlung. Nach dem Gespräch bat ich sie darum, alles, was sie mir im Laufe unseres Treffens erzählten, schriftlich zu geben. Zwei Tage später hatte ich einen 35-seitigen Pitch vor mir liegen. Und was sie mir da anboten, war äußerst interessant. Es handelte sich um eine andere Welt, und das hat mich gereizt. Denn unsere Welt heute ist definitiv eine andere als die von vor siebzehn Jahren. Aus dem Grund habe ich das Angebot angenommen, eben weil die Serie weniger auf Next Generation zurückschaut, sondern den Blick auf die Welt richtet, in der wir heute leben. Und wie wir alle wissen, hat sich nicht viel zum Besseren verändert, denken Sie nur an den Brexit oder den Klimawandel. Es sieht schlecht aus, verdammt schlecht. Und ich habe mich schon immer sehr aktiv dafür eigesetzt, etwas daran zu ändern.
Die Serie handelt also eher von der Gegenwart…
Patrick Stewart: Gewissermaßen, ja. Unterschwellig und auf eine raffinierte Art, ohne mit dem Vorschlaghammer zu kommen. Aber die Föderation ist sicher nicht die von damals, und auch die Sternenflotte ist eine andere. Die Dinge haben sich auch hier geändert und ebenfalls nicht zum Guten.
Auf einer mehr persönlichen Ebene war Picard immer eine Art Vorbild für viele Zuschauer und Fans der Serie. Denken Sie, daran wird sich jetzt etwas ändern?
Patrick Stewart: Dass Sie das so empfinden, berührt mich sehr. Und ich habe das auch schon öfter von Leuten gehört, die mit der Serie aufgewachsen sind. Aber die in der Hinsicht bewegendste Reaktion hatte ich von einem Polizeibeamten in Las Vegas, der mir einen sehr langen Brief schrieb über das Leben als Polizist und wie sehr er seinen Job liebte und dass er schon immer zur Polizei wollte. Aber er meinte auch, dass es Tage gebe, da würde er nach Hause kommen und fast der Verzweiflung nahe sein nach allem, was er während der Schicht gesehen, erlebt und bezeugt hat. Und dann würde er ein Videotape aus dem Regal nehmen – damals gab es noch Videorecorder – und Next Generation anschauen, und damit wäre seine Hoffnung schnell wiederhergestellt. Das ist natürlich schön zu hören. Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen: Dieser Mann, wie wir ihn zu Beginn der neuen Serie sehen, um den ist es ziemlich schlecht bestellt. Doch das beginnt sich schon im Laufe der ersten Episode zu ändern, als er auf Isa Briones trifft, die Dahj spielt. Das heißt, graduell bewegt er sich wieder in eine andere Richtung, und wir sehen wieder mehr von dem spirituellen Führer und davon, was es heißt, sozial aufmerksam zu sein.
Vertrauen spielt eine große Rolle in der Serie. Wem, denken Sie, kann man heute noch vertrauen?
Patrick Stewart: Es gibt bestimmte Menschen, denen ich vertraue. Ich glaube zum Beispiel an David Miliband, der jetzt das Internationale Rettungskomitee in New York leitet und der wirklich eigentlich Großbritannien leiten sollte, aber wir alle wissen, was dann passiert ist. Aber es gibt auch einige Präsidentschaftskandidaten in den USA, für die ich großen Respekt habe. Doch ich bin mir bewusst, dass sich die Dinge nicht unbedingt in die Richtung entwickeln, in die ich sie gerne steuern sehen würde.
Haben Sie sich auch alte Episoden von Next Generation angeschaut, um sich auf die neue Serie vorzubereiten?
Patrick Stewart: Im Laufe von Next Generation sind Patrick und Jean-Luc ziemlich gute Freunde geworden. Und es gab einen Punkt, ich denke ungefähr zur Hälfte der zweiten Staffel, da wurde mir klar, dass ich nicht mehr genau wusste, wo Patrick aufhörte und Jean-Luc einsetzte. Wir waren ineinander verschmolzen. Ich wusste, wie er in dieser oder jener Situation reagieren würde. Ich musste mir nichts mehr erarbeiten. Ich hatte ein Gefühl, das mich leitete. Und das gefiel mir, weil ich mir nicht mehr den Kopf darüber zerbrechen musste, wer der Mann war und was er womöglich zum Frühstück hatte, um eine Szene auf der Enterprise zu spielen. Und so geht es mir heute noch, das Gefühl ist immer noch da. Auch wenn sich die Welt um ihn herum, wie gesagt, extrem verändert hat.
Wie haben Sie für sich den Moment erlebt, in dem Sie sich dazu entschlossen, die Rolle noch einmal zu übernehmen?
Patrick Stewart: Ich saß mit meiner Frau bei einem Glas Wein. Wir teilen alles, auch was in unserem Arbeitsleben vorgeht. Sie ist ein ganzes Stück jünger als ich und ist ebenfalls mit der Serie aufgewachsen. Und während der Vorgespräche hat sie sich lange Zeit sehr neutral verhalten. Erst als ich meinte, ich würde es eventuell in Erwägung ziehen zuzusagen, war sie total begeistert. Und das hat mich sehr in meiner Entscheidung bestärkt. Sie hat sonst nicht viel für solche Sachen übrig, aber diesmal war das was anderes.
Es gab eine Zeit lang die Idee, dass Sie das Voice-over mit französischem Akzent sprechen sollten. Gab es noch andere wilde Neuerungen, die dann wieder verworfen wurden?
Patrick Stewart: Na ja, es gibt Footage, da trage ich ein Haarteil. Das war bei meinem letzten Vorsprechen. Es war ein sehr gutes, glaubhaftes Haarteil, aber es wurde danach nicht wiedergesehen. Aber es stimmt, es muss auch ein Tape geben, auf dem ich das Voice-over am Anfang mit erbärmlich schlechtem französischem Akzent spreche. Gott sei Dank wurde das gestrichen.
Wenn man Sie heute reden hört, möchte man meinen, für Sie persönlich sei zumindest keineswegs an Ruhestand zu denken?
Patrick Stewart: Auf keinen Fall. Ich würde allmählich aus dem Gedächtnis schwinden. Ich möchte weitermachen, so lange es geht. Das ist wichtig.
