Filmkritik

Die glorreichen Sieben / The Magnificent Seven

| Oliver Stangl |
Männer, die in Stiefeln sterben

Dass die nun ins Kino kommende Neuauflage der „glorreichen Sieben“ weder an Kurosawa Akiras Meisterwerk Die sieben Samurai (Shichinin no samurai, 1954), noch an dessen ordentliches Remake durch John Sturges (The Magnificent Seven, 1960) heranreicht, sollte nicht wirklich überraschen – die Steilvorlagen sind einfach zu hoch. Antoine Fuquas Version verfügt weder über die episch-philosophische Kraft des Originals noch über die coolen Dialoge, die Yul Brynner und Steve McQueen im US-Remake austauschten („We deal in lead, friend“).

Der Größe der Vorbilder mag man sich bewusst gewesen sein, und so tragen die Figuren nun andere Namen als in der ersten US-Version. Auch wenn man den neuen Film deshalb eher als Re-Imagining denn als Remake verstehen kann, ist der Plot gleichgeblieben: Ein Dorf, das sich von einem Bösewicht und seiner Entourage in seiner Existenz bedroht sieht, engagiert eine Gruppe von Männern zur Selbstverteidigung. Die Bedrohung ist diesmal allerdings kein simpler Bandit, sondern kommt in Gestalt eines grausamen Kapitalisten, der den Landstrich seinem Imperium einverleiben möchte, daher (Peter Sarsgaard hat Spaß an diabolischer Rollengestaltung). Nach einem Massaker beim Gottesdienst macht sich die junge Witwe Emma Cullen (Haley Bennett) auf die Suche nach Revolverhelden – und findet den Gesetzeshüter Sam Chisolm (Denzel Washington), der sogleich ein Häuflein an Männern für das Himmelfahrtskommando rekrutiert, darunter Chris Pratt als verschlagener Spieler, Vincent D’Onofrio als gottesfürchtiger Trapper oder Ethan Hawke (der mit Washington bereits in Fuquas Training Day vor der Kamera stand) als durch den Bürgerkrieg traumatisierter Scharfschütze. Ja, der Film hat seine Schwächen. Reichten in den vorangegangenen Versionen schon kleine Momente aus, um die Figuren zu charakterisieren, bleibt das Gros der Sieben hier blass. Am ehesten gewinnt der stets charismatische Washington an Profil (auch wenn die Hintergrundgeschichte, mit der man ihn versieht, Fragen aufwirft).

Dass sich der Gruppe sogar ein Komantsche (Martin Sensmeier) anschließt, wirkt in der hier präsentierten Form eher krampfhaft originell denn plausibel. Lässt man all diese Punkt aber beiseite, kann man sich von den Magnificent Seven dennoch gut unterhalten fühlen: Die Schießereien und die Schlacht um die Stadt, die von einem Söldnerheer attackiert wird, überzeugen gerade durch ihre Direktheit und sind dynamisch inszeniert. Auf klischierte Westerneinstellungen wird über weite Strecken verzichtet, zudem gestalten sich einige Szenen sogar spannend. Es ist was es ist: Das große Umlegen.

 


 

Interview Antoine Fuqua

Reine Dummheit

Regisseur Antoine Fuqua über sein Remake von „Die Glorreichen Sieben“, über die Arbeit mit Denzel Washington und über das Western-Genre.

Interview ~ Thomas Abeltshauser

 

Die Glorreichen Sieben ist Ihr dritter Spielfilm mit Denzel Washington in einer der Hauptrollen. Gelingt es ihm noch, Sie zu überraschen?
Immer wieder! Das können ganz kleine, kaum bemerkbare Gesten sein, die mir erst beim Schnitt auffallen. Aber auch am Set überrascht er mich, er ist einfach ein großartiger Schauspieler. Ich lasse ihm den Freiraum, weil ich weiß, dass er mir in einem der Takes etwas zeigt, das so niemand erwartet. Er tut das nicht zuletzt, um sich nicht selbst zu langweilen. Und manchmal bedeutet es auch, gar nichts zu tun. Und erst im Schnitt fällt mir dann eine subtile Nuance in seinem Blick auf. Und das ist das Schöne an der Arbeit mit ihm.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Bei Training Day haben mich Denzel und Ethan Hawke daran erinnert, warum ich Kino und Filmemachen liebe. Bei dem Film saß ich nie im Regiestuhl oder hinter einem Monitor, sondern mit im Auto auf der Rückbank. Und manchmal habe ich vergessen, „Cut!“ zu sagen und ließ sie einfach weitermachen. Was mich am Kino fasziniert, sind die Momente, in denen Schauspieler sich gegenseitig die Bälle zuspielen. Natürlich habe ich mich wochen- und monatelang vorbereitet und am Drehbuch gearbeitet, aber wenn es dann von Leuten wie Denzel oder Ethan gespielt wird, sehe ich es wie zum ersten Mal und lasse mich von ihnen überraschen.

Gab es in Die Glorreichen Sieben auch solche Momente des Improvisierens?
Nicht ganz so, weil es ein Ensemblefilm und stärker choreografiert ist. Aber wir hatten eine lange Vorbereitungsphase, und wenn wir drehen, ist Denzel ganz im Moment. Und ich sorge dafür, dass das Umfeld darauf eingestellt ist, wenn er etwas Unerwartetes tut. Das betrifft vor allem die Kamera. Bei Denzel ist das nichts, was er bewusst plant, es passiert einfach.

Von Außen betrachtet scheint es ein riskantes Unterfangen, ein Remake zweier Filmklassiker, Akira Kurasawas Die sieben Samurai von 1954 und John Sturges’ Die glorreichen Sieben von 1960, zu drehen. Was hat Sie bewogen, es dennoch zu wagen?
Reine Dummheit! Als sie mich fragten, war meine erste Reaktion: Auf keinen Fall. Dann las ich das Drehbuch und war nicht überzeugt. Dann sah ich mir nochmal Kurosawas Film an und dachte: Das ist eine gute Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden. Aber wie bekommt man einen interessanten, aktuellen Bezug hin? Bis mir klar wurde: Es geht um Terrorismus. Wenn man eine Kirche abfackelt, Leute auf offener Straße umbringt und ihre Religion auslöscht, dann ist das Terrorismus. Ganz ähnlich zu dem, was heute fast tagtäglich in den Nachrichten zu sehen ist, nur eben im Wilden Westen. Sieben Männer kämpfen gegen einen Tyrannen, der eine Kleinstadt terrorisiert, ihnen Hab und Gut abnimmt, wie heute die Typen der Wall Street. All das, wovon Kurosawa spricht, passiert heute ganz ähnlich.

Sehen Sie in der heutigen Realität auch Helden wie diese glorreichen Sieben?
Kann es jemanden wie Denzels Figur geben? Absolut! Besonders heute. Barack Obama ist der erste schwarze Präsident der Vereinigten Staaten, das ist heroisch. Sein Leben ist sehr viel gefährdeter als unsere. Sein Posten ist ein Höllenjob.

Was macht den Western als Genre so besonders, dass er immer wieder Renaissancen erlebt?
Weil er archaische Geschichten erzählt. Man kann sich hinter nichts verstecken. Keine Helikopter, schnelle Autos und Explosionen, es geht nur um die Charaktere. Sie müssen stark und besonders sein. Als ich mit den Studiobossen über die Figuren redete, sagte ich: Ich will Denzel Washington auf einem Pferd sehen! Ich will einen schwarzen Mann über einen Bergrücken reiten sehen, mit Staub und Hitzeflimmern. So hat man Denzel noch nie gesehen, und das werden die Leute lieben. Die Bosse waren erst mal baff und meinten dann: Wenn du ihn dazu bringen kannst, nur zu! Also flog ich nach New York, traf mich mit ihm zum Mittagessen und spielte im Filmmusik aus Sergio Leone Western vor und sagte: Stell dir vor, wie du hinter einem Berg auf einem Pferd auftauchst. Als er zusagte, kam die Sache ins Rollen. Ethan bekam davon Wind und meinte: „Es heißt Die Glorreichen Sieben, Denzel ist einer davon, bleiben sechs übrig. Ich bin einer von ihnen.“

Wie fanden Sie die restlichen fünf?
Ich wollte eine möglichst vielfältige Besetzung, wie man den Wilden Westen noch nicht gesehen hat. Dabei waren die Cowboys damals alle Einwanderer aus verschiedensten Winkeln der Welt. Ich wollte Kurosawas Vorlage im Kern treu bleiben, der Loyalität und der Freundschaft der Männer, aber mit einem aktuellen Bezug für eine jüngere Generation. Als mir das klar wurde, fühlte ich mich sicher genug, den Film zu drehen. Ich hatte die richtigen Intentionen. Ob es mir gelungen ist, müssen die Zuschauer entscheiden.