Ben Affleck über seinen Viennale-Eröffnungsfilm „Argo“
Diese Geschichte ist selbst für Hollywood-Verhältnisse unglaublich, doch sie ist tatsächlich, zumindest so ähnlich, geschehen. Im Dezember 1979 stand der Iran kurz vor dem Sturz des Schah und der Machtübernahme durch die islamischen Revolution. Die Proteste vor der US-Botschaft in Teheran wurden zunehmend aggressiver, der aufgebrachte Mob stürmte schließlich das Gelände und nahm Hunderte Amerikaner als Geiseln. Nur sechs konnten unerkannt fliehen und beim kanadischen Botschafter Unterschlupf finden. Ein CIA-Agent versucht schließlich, diese sechs Personen, als Filmteam getarnt, außer Landes zu schmuggeln – mit Hilfe Hollywoods. US-Schauspieler und Regisseur Ben Affleck verfilmte die Ereignisse in seiner dritten Regiearbeit Argo, die am Donnerstag die 50. Viennale eröffnen wird.
Was hat Sie an dieser Geschichte interessiert?
Es war vor allem das Drehbuch, das ein wirklich exzellentes Drama war und dazu noch auf wahren Begebenheiten basierte, die so unfassbar sind, dass man sie wohl in einer erfundenen Geschichte nie glauben würde. Die Akten über diese Rettungsaktion wurden 1997 freigegeben und Joshuah Bearman, ein Journalist des Magazins „Wired“, recherchierte weiter und veröffentlichte schließlich einen langen Artikel darüber. Auf den wurden schnell etliche Leute aus L.A. aufmerksam, einfach weil die Geschichte so toll war. Der CIA rettet mit Hilfe Hollywoods US-Bürger aus dem Iran! Das wollten alle haben. George Clooney kaufte schließlich die Rechte und beauftragte Chris Terrio mit dem Drehbuch. Das zog sich ein paar Jahre hin, bis es schließlich auf meinem Schreibtisch landete. Als ich es las, war ich sofort begeistert, weil es Politdrama, Actionthriller und Hollywood-Satire zugleich war.
Wie gingen Sie es an, damit aus diesen drei Tonlagen ein stimmiges Ganzes wird?
Ich dachte, mit dem satirischen Teil könnte ich eine Art Gegengewicht schaffen zu den ernsten Tönen vor allem im zweiten Teil des Films, wenn man mit den Ängsten und Nöten der amerikanischen Flüchtlinge konfrontiert wird. Zum Glück hatte ich mit John Goodman und Alan Arkin zwei großartige Schauspieler, die in der Lage sind, komische Szenen zu spielen, ohne sie banal wirken zu lassen. Es fühlt sich authentisch an, was sie da tun und sagen. Ich war fest davon überzeugt, dass ich etliche der Witze, die im Drehbuch waren, aus der finalen Version des Films rauschneiden würde, aber das war überhaupt nicht notwendig. Und das liegt einzig und allein am Talent dieser beiden Schauspieler.
Ihr Film erinnert aber auch an die politischen Thriller der Siebziger Jahre.
Ich habe sogar ganz bewusst den Stil einiger der Filme kopiert. Diese Ära ist eine der besten, wenn nicht die beste in der amerikanischen Filmgeschichte. Ich habe mich bei allen bedient, von All The President’s Men über Killing of a Chinese Bookie, bei Costa-Gavras’ Filmen bis hin zu The Battle Of Algiers. Und dieser Diebstahl ließ sich leicht rechtfertigen: Wenn ich meinen Film im Stil der Siebziger drehe, wird es für heutige Zuschauer unbewusst glaubwürdiger, dass er in dieser Zeit spielt.
Der Film basiert auf wahren Begebenheiten und vieles wirkt sehr authentisch. Beim Showdown haben Sie sich allerdings fiktionale Freiheiten genommen, oder?
Ich trage als Regisseur zweifache Verantwortung: ich will den bestmöglichen Film machen und ich will ihn so authentisch wie möglich machen. Ich muss also eine Balance finden. Und die Essenz ist wahr: Sechs Amerikaner konnten bei der Stürmung der US-Botschaft in Teheran 1979 fliehen, der kanadische Botschafter gewährte ihnen Unterschlupf, und der CIA-Agent Antonio J. Mendez kam schließlich auf die Idee, sie, als kanadisches Filmteam getarnt, außer Landes zu bringen. Die meisten Sünden, die ich begangen habe, sind Details, die ich weglassen musste. Und das Ende ist sicherlich der fiktionalste Teil des Films. Die wenigsten realen Ereignisse funktionieren nach der klassischen Dreiaktstruktur eines Spielfilms. Ich wollte kein Dokudrama machen, deshalb habe ich, wenn nötig, die Spannung und Tempo in Momenten erhöht, die in Wirklichkeit länger dauerten. Die Verfolgungsjagd am Ende versinnbildlicht die Anspannung und Angst, die diese sechs Menschen hatten. All die Kontrollen zuvor im Flughafen haben alle so stattgefunden, und sie mussten sich lange im Warteraum aufhalten, während ihr Flugzeug repariert wurde. Und sie wurden fast enttarnt. Mir war aber auch wichtig, die biografischen Details dieser Menschen so genau wie möglich richtig darzustellen. Das ist damals wirklich passiert und viele von ihnen leben heute noch, deshalb wollte ich der Essenz dieser Ereignisse treu bleiben.
Haben Sie versucht, Teile des Films vor Ort im Iran zu drehen?
Ich hätte wahnsinnig gern im Iran gedreht, um es realistischer zu machen, oder auch nur ein Kamerateam hingeschickt oder iranische Filmemacher gebeten, Außenaufnahmen für mich zu drehen. Aber all das war nicht möglich. Wir hatten keine staatliche Unterstützung, und selbst die iranischen Filmemacher, mit denen ich gesprochen habe, hatten Angst, für mich zu drehen. Das sagt viel darüber, wie sehr dieses Regime unterdrückt. Nicht die Möglichkeit gehabt zu haben, im Iran zu drehen, ist eines der Dinge, die ich wirklich bedauere.
Stattdessen haben Sie in der Türkei und in Kalifornien gedreht …
Weil es in Kalifornien mehr Perser gibt als in Teheran! Über eine halbe Million Perser leben in L.A., oder Teherangeles, wie es manche nennen. Die meisten Exilanten sind nach dem Umsturz 1979 in die USA geflohen. Bei den Dreharbeiten in der Türkei hatten wir große Schwierigkeiten, Perser als Darsteller zu finden, weil sie Angst um ihre Familien hatten. Da meinte der Besetzungsdirektor in L.A.: Wir haben hier jede Menge Perser, die Farsi sprechen! Also machten wir ein Casting, und eine Menge Exilperser kamen, etliche von ihnen sogar Schauspieler. Wir drehten mit ihnen dann die Massenszene im Flughafen, der aussieht wie in Teheran, in Wahrheit aber der von Ontario, Kalifornien, ist.
Die Geschichte scheint sich gerade zu wiederholen mit den gewalttätigen Protesten in einigen arabischen Ländern, Angriffen auf US-Botschaften und dem angespannten Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran. Glauben Sie, dass der Film nun in einem anderen Licht erscheint?
Der Film ist kein politisches Statement, und natürlich ahnten wir beim Drehen nichts davon, wie sich die Situation in den arabischen Ländern entwickeln würde. Wir sind wie alle geschockt von den Ereignissen in Bengasi und den Protesten vor der Botschaft in Kairo. Man kommt nicht umhin, da Parallelen zu sehen. Als ich den Film machte, hatte ich gehofft, es geht um die Folgen einer bestimmten Revolution geht, als 1979 im Iran der Schah gestürzt wurde und das islamistische Regime die Macht übernahm, dasselbe Regime wie heute. Ich sah natürlich die Verbindungen zum Arabischen Frühling und der Grünen Welle. Was jetzt gerade passiert, ist tragisch und schrecklich, aber davon ahnte ich nichts. Aber natürlich zollt der Film Diplomaten Anerkennung, die ins Ausland gehen und ihrem Land dienen und sich nicht selten Gefahren aussetzen. Die tragischen Ereignisse jetzt zeigen, dass sie all unseren Respekt dafür verdienen.
Wann beschlossen Sie, neben der Regie auch die Hauptrolle zu übernehmen?
Als Schauspieler ist man immer auf der Suche nach guten Rollen, und ja, das Drehbuch wurde mir als Regisseur angeboten, aber meine Schauspielerhälfte hat die Chance einer tollen Rolle gesehen. Es war dann recht problemlos, die Rolle zu bekommen. Schließlich habe ich mit dem Regisseur geschlafen.
