Hans-Christian Schmid im Gespräch über seinen Film „Was bleibt“, über Eltern und ewige Kinder, über Rollen und Erwartungen und über die Schwierigkeiten, einen Filmtitel zu finden.
Wie oft sehen Sie selbst Ihre Eltern?
Genauso oft wie Marko: Zweimal im Jahr. Es ist auch gerne mal kompliziert. Das ist ein Punkt, an dem vermutlich jeder anknüpfen kann.
Inwieweit ist der Film autobiografisch?
Natürlich würde ich nicht die eigene Familien-Überlebensgeschichte als Kinofilm erzählen. Aber der Film hat viel mit uns, unseren Familien und den Familien im Bekanntenkreis zu tun. Wir glauben, dass wir da bestimmte Symptome öfter erkennen können, sowohl in Bezug auf Marko und dessen Berliner Mittdreißiger-Existenz, aber auch in Bezug auf jemanden wie Gitte mit ihrer Krankheit und mit ihrem unausgefüllten Leben, das sie offenbar in den letzten Jahrzehnten geführt hat.
Dann sitzen Mittdreißiger aus bürgerlichen Familien im Kino und sehen sich Geschichten von Plusminusdreißigjährigen aus bürgerlichen Familien an. Ist das nicht eine Selbstbeschau? Lars Eidinger erzählte, er sei etwas beleidigt gewesen, dass Sie ihn deshalb für die Hauptrolle gecastet haben, weil er im Film auch ein bisschen für diese Generation, diese Schicht steht …
Das ist natürlich nicht so ernst gemeint. Aber ich konnte mir eben vorstellen, wie er so einen Typus verkörpert. Das hat erst mal nur mit seinem Erscheinungsbild zu tun. Jemand wie Lars gehört natürlich kaum zu jenen, die ziellos durch die Gegend driften. Er ist ein intelligenter, toller Schauspieler, und ich hätte ihn natürlich nicht besetzt, würde das nicht im Vordergrund stehen.
Wie kam der Film zu seinem Titel? Der englische Titel „Home for the Weekend“ ist ja viel programmatischer.
Es gibt für beide Titel komplizierte und auch ganz einfache Antworten. Die einfache Antwort ist, dass sich „Home for the Weekend“ nicht ins Deutsche übersetzen lässt. „Heimfahrwochenende“ ist ein einziges, langes, unmögliches Wort, das kann man gar nicht auf ein Plakat setzen. „Was bleibt“ lässt sich wiederum nicht gut ins Englische übersetzen. „What Remains“ erinnert zu stark an „Remains of the Day“. Wir hatten wie schon bei „Sturm“ eine sehr schwierige Titelfindung. Das Drehbuch hieß lange „That’s All“ nach dem Genesis-Song, der bis zur dritten Fassung drin war. Und dann ging die große Suche los. „In den besten Familien“, „Was man liebt“, „Nebenwirkungen“, alles Mögliche. „Was bleibt“ setzte sich dann in einer Testvorführung klar durch. Es ist eher assoziativ und öffnet so ein bisschen Raum nach hinten. Ich sehe das auch eher mit einem Fragezeichen. Es gab dann noch einen Korrespondenz mit Christa Wolf und deren Verlag, es gibt eine Novelle von Christa Wolf, die so heißt, und als wir das dann bekamen, waren wir alle eigentlich ganz froh mit dem Titel.
Man sieht im Film sehr schön, wie die ältere Generation ein Lügengeflecht aufbaut, das letztlich zur Realität wird. Es wäre sehr kompliziert, diese Lüge wieder aufzudröseln, das selbstgebaute Konstrukt ist inzwischen einfach praktischer geworden. Haben Sie die Hoffnung, dass die nächste Generation ehrlicher sein kann?
Ja. Mir kommt vor, wir stecken eher in vorübergehenden Lebenssituationen. Früher war die Regel: eine Heirat, ein Kind oder zwei, ein Haus wird gebaut. Ich hab’s immer als schön und vorteilhaft empfunden, dass man das erstmal nicht so macht. Man fängt ein Studium an, lebt gerade in Berlin erst mal günstig vor sich hin, es ist alles im Fluss. Und irgendwann kommt mir vor, als würden wir doch auch zurückschauen auf das letzte Jahrzehnt und uns manchmal wünschen, dass es doch etwas mehr gegeben hätte, was Spuren hinterlassen hätte. Aber man hat keine Strategie, wie sich das ändern könnte. Ich finde es immer schwer, für Generationen zu sprechen, weil es jedem anders geht. Aber die Tendenz kann man sicher feststellen.
Wir haben noch keine rechte Bedienungsanleitung für das Leben und bleiben in einer Endlosschleife hängen. Vielleicht ist es in zwei Generationen leichter, neue Lebensentwürfe zu verwirklichen?
Ich habe in der Vorbereitungszeit den österreichischen Dokumentarfilm Mein halbes Leben von Marko Doringer gesehen. Da waren wir gerade am Reden, Bernd Schlinger und ich. Das ist jemand, dem geht’s genauso, der zieht Bilanz und schaut, wo er steht.
Bei Frauen tickt dann noch irgendwann die biologische Uhr …
Aber die tickt heute auch nicht mehr so laut wie noch vor zehn oder 20 Jahren. Wenn man heute mit 40 ein Kind bekommt, ist das nicht so ein großes Ding. Ich glaube, jeder muss das irgendwann für sich einigermaßen klarbekommen. Und ich bin auch überhaupt nicht an dem Punkt, wo ich sagen würde, wir verpassen doch hier alles, sobald wir nicht anfangen, uns über Familiengründung Gedanken zu machen. Das sind alles nur Hypothesen, über die man diskutieren kann: Für den einen stimmt das, für den anderen nicht. Ich treffe bei der zwanzigjährigen Abiturfeier ehemalige Klassenkameraden, die haben die Zahnarztpraxis und haben die Frau, die sich um die Kinder kümmert, und ich kann ihnen nicht unterstellen, dass sie weniger glücklich wären als ich.
Jakob versucht ja, was den Erfolg angeht, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Wollten Sie auch zeigen, dass es in der heutigen Generation schwieriger ist, noch erfolgreicher oder auch nur genauso erfolgreich zu sein wie die Eltern?
Das ist auf alle Fälle ein Punkt, der für Jakob noch augenscheinlicher zutrifft als für Marko. Von Marko erahnen wir ja immer nur, wie sein Berliner Leben aussieht, wir sehen das ja nie. Aber mit so einem Erzählband in einem Verlag ist man nicht auf Dauer abgesichert, er wird wohl von seinem Vater monatliche Zuwendungen bekommen. Und bei Jakob – auf die Idee mit der Zahnarztpraxis hat uns vor einigen Jahren ein Artikel gebracht, da ging es um genau so einen jungen Zahnarzt. Vor 20 Jahren war es eine sichere Bank, wenn man eine Zahnarztpraxis eröffnet hat. Aber der hatte mit Patienten zu tun, die einfach die Rechnungen nicht bezahlten und musste die Praxis aufgeben, weil er einen zu hohen Kredit aufgenommen hat. Es ist heute definitiv nicht mehr so einfach wie im Westdeutschland der siebziger Jahre zur Zeit der Bonner Republik, wo man sich schon wirklich dumm anstellen musste, wenn man nicht Wohlstand erwirtschaften konnte, wenn man das wollte. Dass Jakobs Lebensentwurf nicht funktioniert, ist dieser speziellen Familienkonstellation geschuldet, in der der Vater den Sohn instrumentalisiert.
Egal, wie selten man am Wochenende nachhause fährt, man entkommt dieser Konstellation offensichtlich nicht …
Da gibt’s nur wenige, und die hatten dann offenbar von Anfang an ein sehr, sehr gutes Verhältnis zu den Eltern. Aber die Mehrheit sind auf alle Fälle die, die eigentlich nach 24 Stunden schon am Telefon sind und sagen, „Ich glaub, ich halt’s hier nicht länger aus“. Man verfällt immer wieder in diese alten Rollen, in die man eigentlich nicht wieder reinkippen möchte.
Was könnte es sein, was uns unsere Kinder einmal vorwerfen werden? Ich bin mir sicher, wir werden uns auch irgendwann einmal etwas anhören müssen …
Das wird möglicherweise dann auch so sein. Was die uns dann vorwerfen, schwer zu sagen. Wieso wir es nicht geschafft haben, uns so ein dickes Bankkonto zuzulegen, dass wir sie unterstützen können, das könnte ein Vorwurf sein (lacht).
Im Umgang mit Gitte sieht man, dass auch in einer sehr wohlhabenden Gesellschaftsschicht wenig Platz ist für einen Menschen, die nicht nach Vorschrift funktioniert.
Es ist auf alle Fälle schwer für jemanden, der seiner vorgezeichneten Rolle nicht entsprechen kann. Der Umgang als Angehöriger mit jemandem, der manisch depressiv ist, ist etwas sehr Belastendes. In der Hinsicht bemühe ich mich auch, Günter zu verstehen, auch wenn der im Film ein bisschen die Rolle des Patriarchen hat, die undankbarste Rolle. Weil Gitte fliegen ja sofort die Sympathien zu durch ihre von Herzen kommende Bitte, sie für voll zu nehmen. Aber ich glaube, das ging auch bei Günter bis an die Belastungsgrenze, und ich kann mir vorstellen, dass er jemanden wie Susanne, seine Geliebte, braucht, um sich austauschen zu können. Deshalb finde ich das aber noch lange nicht richtig. Ich versuche zu verstehen und nachzuzeichnen, wie diese auf Heuchelei aufbauende Patt-Situation, die die in den letzten Jahren hatten, zustande kam.
Inwiefern ist denn Gitte nicht Teil der Familie?
Alle haben sich in den letzten Jahrzehnten auf so ein Kümmern eingerichtet, das hat aber wenig mit Liebe zu tun. Das würde noch eine ganze Zeitlang so weitergehen, jeder würde die Rolle, die sich über die Zeit verfestigt hat, einfach weiterspielen können. Aber mit dieser Ansage, dass sie die Medikamente absetzt, die natürlich für alle viel zu plötzlich kommt, um die eingefahrenen Mechanismen plötzlich über den Haufen zu werfen, ist sie nicht sofort vollwertiger Teil der Familie. Das überfordert die anderen. Der einzige, der sich anfängt, drauf einzulassen, ist Marko. Und auch das ist wahrscheinlich falsch, sie stecken in einer tragischen Konstellation. Ich wüsste nicht, welche Lösung man dafür anbieten könnte. Soweit sind sie nicht: Günter müsste sensibler sein, Marko müsste vielleicht auch noch ein zweites Mal überlegen, ob sie die Wahrheit verträgt. Am besten wäre, wenn sich die beiden abgesprochen hätten, wer ihr was wann sagt.
Die eindrucksvolle Szene ist die, in der die ganze Familie einen Schlager singt – wie haben Sie die entwickelt?
Die kam sehr spät ins Buch, bis zur letzten Fassung war die Idee, dass Marko und Jakob eine Art Stück aufführen, und in diesem Stück hätte Marko seinen Eltern einen Spiegel vorgehalten. Das hätte dann zur großen Provokation geführt. Das fanden wir falsch, weil Jakob zu diesem Zeitpunkt schon so viele andere Probleme hat, dass wir gemerkt haben, der würde sich nie darauf einlassen. Dann kam Bernd mit diesem Charles-Aznavour-Lied an mit diesem wunderbar merkwürdigen Text. Es war sehr spannend, wie sich daran knüpfen ließ, was Gitte in diesem Moment beschäftigt und wie Günter sich verhält. Wir hatten wenig Vorbereitungszeit, das heißt, wir trafen uns mehr oder weniger am Tag vorher in diesem Wohnzimmer. Lars hatte Klavierstunden genommen und konnte die Anfänge vom Lied, der Rest kam über Playback. Ich hab erstmal gar nichts gemacht. Es war vom Drehbuch her gesetzt, dann hab ich einfach zugeschaut, was die Schauspieler anbieten. Corinna (Harfouch) war mir zu extrovertiert, die hätte es geliebt, nochmal zu zeigen, was für die Figur der Gitte alles möglich ist. Ein gezielter Eingriff war, dass es während des Stückes wieder etwas ins Melancholische und Ruhige abkippt. Der Rest ist improvisiert.
Die Filmmusik ist von The Notwist, wie sind Sie darauf gekommen?
Ich mag diese Musik eigentlich sehr, weil ich sie nicht als typische Filmmusik empfinde. Es war jedes Mal ein ganz neues Ausprobieren, wie sie selber den Film empfinden, oft sind sie selbst mit Themen und Stücken gekommen, die gar nicht passten, und zuletzt entstand dann immer doch etwas, was ich besonders und unverwechselbar finde.
Corinna Harfouch erzählte, dass sie in nächster Zeit keine Lust mehr hat, eine Frau in ihrem Alter zu spielen, die unglücklich ist. Sie hat das vier Mal hintereinander gemacht, gleichzeitig auch am Theater und findet, dass man in diesem Alter gar nicht so unglücklich ist…
Corinna als Mensch, soweit ich sie kenne, ist weit, weit weg von dieser Gitte-Figur. Ganz anders sozialisiert, in Ostdeutschland. Sie hat auch nie in Erwägung gezogen, ihr Leben komplett den Kindern zu widmen. Sie wollte immer nebenbei arbeiten. Das war eine richtig weite Bewegung von Corinna hin zu dieser Rolle. Aber deswegen ist sie auch Schauspielerin. Sie hat mir irgendwann erzählt, sie will eigentlich keine Filme mehr machen, das hat sich dann aber geändert. Aber ich kann mir schon vorstellen, wenn man vier Mal hintereinander so etwas Ähnliches spielen soll, dass man sich sagt: Habt ihr eigentlich noch andere Ideen, womit ihr mich besetzen wollt? Ich fand sie richtig für Gitte, weil sie so eine Energie ausstrahlt und weil wir die Figur immer als das Gegenteil einer leidenden, kranken Frau zeigen wollten. Sie ist ja eine Zeitlang die normalste und am klarsten denkende Figur. Man sollte sich vorstellen können, was sie für eine tolle Frau sie sein konnte oder kann.
Man könnte meinen, wenn man 30 Jahre zuhause bleibt ohne eigenen Anspruch auf Selbstverwirklichung, den der Mann ja offensichtlich sehr stark umsetzt, könnte man auch ohne Depression relativ schnell einsam, traurig und unzufrieden werden…
Wir haben lange überlegt, ob man Gittes Krankheit benennen muss oder nicht. Ob es nicht möglich ist zu sagen: Gitte steht für viele Frauen aus dieser Generation, die zwei, drei Kinder großgezogen haben, die vielleicht gerade am Anfang waren, ihren Beruf auszuüben und dann nach dieser langen Zeit nicht mehr anschließen konnten. Aber das war uns aus dramaturgischer Sicht zu wenig, um dieses Wochenende anzustoßen. Der Preis, den man dafür bezahlt hätte, wäre gewesen, dass man an verschiedenen Heimfahrwochenenden zeigt, wie sich die Dinge in der Familie entwickeln. Deswegen brauchte das am Ende des ersten Akts einen ziemlich deutlichen Impuls.
Eine Generation, die in der Jugend nicht mehr rebellieren musste: Fallen Marko und Jakob in dieses Bild?
Sicher, wogegen soll man denn sein, wenn man Eltern hat wie Gitte und Günter. Ich musste mich nie völlig von meinem Elternhaus absetzen. Als ich sagte, ich gehe nach dem Abitur für ein Jahr nach England, waren sie einverstanden. Als ich gesagt habe, ich gehe an die Filmhochschule, waren sie auch einverstanden. Es gab in der Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, in Altötting, nur einen Freund, der sich Anfang der Achtziger von Montag auf Dienstag zum Punk gewandelt hatte. Und ich verstand das nicht so ganz, ich empfand das mehr als Attitüde. Aber auch wenn man aus einem linken oder liberalen Milieu kommt, gehen die Lebensentwürfe auseinander. Das führt dann zu den Missverständnissen an den Heimfahrwochenenden. Man fällt zum Einen in die alten Rollenmuster zurück, zum Anderen ist es einem natürlich überhaupt nicht egal, wie die Eltern finden, wie man lebt. Man will schon zeigen, dass man das, was man wollte, geschafft hat.
Glauben Sie, es macht einen Unterschied, ob man in der Jugend rebelliert hat?
Wie würde es mir gehen, wenn ich mich einmal wirklich freikämpfen hätte müssen? Ich kann’s mir nicht gut vorstellen, wie das wäre, wenn ich ein anderer Mensch wäre. Ich konnte mir einfach in Ruhe mein Leben aussuchen. Ich finde das gut!
