Neues vom estnischen Kino: „Mushrooming“ von Toomas Hussar
Der estnische Film Seenelkäik – international unter dem Titel Mushrooming veröffentlicht – hat im Jahre 2012 einige Preise abgeräumt, Zu den Erfolgen zählen zahlreiche Festivalteilnahmen, darunter auch die Deutschlandpremiere beim Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg. Der Film von Toomas Hussar ist eine schwarze Komödie, die als estnischer Beitrag für die Academy Awards (bester ausländischer Film) eingereicht wurde, allerdings nicht Eingang in die endgültige Shortlist fand.
Mushrooming ist so amüsant und absurd, wie man das sonst nur von skandinavischen Komödien gewohnt ist. Man denke da etwa an Dänische Delikatessen (2003) oder Adams Äpfel (2007), zwei ikonische Filme der dänischen Popkultur. Dank seines unglaublich trockenen Humors und seiner dunklen Situationskomik weiß der Zuschauer nur selten, ob er lachen oder weinen soll. In Mushrooming erfährt der Politiker Aadu Kägu, dass seine Verwicklung in einem Korruptionsskandal kurz vor dem Auffliegen ist. Doch noch bevor ein investigativer Journalist ihn kontaktieren kann, verschwindet er mit seiner Frau zum Pilze suchen in den Wald. Da es mit seiner Geliebten ohnehin auch nicht gut läuft, nützt Kägu die Auszeit, um seine Ehe zu retten. Auf der Fahrt treffen sie den verwahrlosten Rocker Zäk, der die ordentliche Welt der beiden Spießbürger ins Chaos stürzt.
Als sie endlich ihr Ziel erreichen, müssen sie feststellen, dass dieser Pilzwald überlaufen von Touristen ist. So begeben sich die drei immer weiter hinein in den mythischen, estnischen Wald, der scheinbar lebt und nicht glücklich über die drei unangekündigten Besucher ist. Schwierig wird es vor allem dann, als die drei wieder hinausfinden wollen. Überall lauern Gespenster und seltsame Wesen, und bald verheddern sich die Themen wie das Geäst der Bäume: die Abscheulichkeiten des Medienbetriebs, die Korruptionsgeilheit der Politiker, und was es bedeutet, an der Macht zu sein.
In schlanken 93 Minuten weist Mushrooming dem Zuschauer einen Pfad durch die estnischen Gegebenheiten und vor allem den Humor. Ähnlich wie der Film Deemonid, der im November 2012 in die estnischen Kinos kam, setzt Mushrooming auf einen zeitgemäßen Film-Dadaismus, der sich, anders als kommerzielle europäische Erfolge, traut, Genre-Kategorien zu verwischen und die Absurdität der Geschichte an die erste Stelle zu setzen, und das mit Witz und Finesse. In Deemonid etwa gehen Freunde zusammen ins Casino, ohne zu ahnen, dass das Gebäude von Dämonen heimgesucht ist – nämlich ihren eigenen. Was sich anhört wie die Grundlage für einen schlechten B-Horrorfilm aus Hollywood, ist tatsächlich ein ernstes Film über das Thema Spielsucht: wie man es erkennt, überlebt, und welche Probleme die Betroffenen und ihre Familien damit haben.
Das estnische Kino – genauso wie das skandinavische insgesamt – kann in vielerlei Hinsicht wohl nicht mit den etablierten Genre-Produktionen Hollywoods konkurrieren. Dafür spezialisieren sich viele Regisseure und Drehbuchautoren auf die Absurditäten im eigenen Land. Mit Filmen wie Mushrooming wachsen sie über sich hinaus.
