Die Präsentation des Zweiten Österreichischen Film Gender Reports unter dem Motto „Braucht Film Quote?“ legt die Antwort nahe: „Ja, und“ statt nur „Ja, aber“
Vor vollen Stuhlreihen im Filmquartier Wien präsentierte das Österreichische Filminstitut den in Kooperation mit der Universität Innsbruck erarbeiteten Zweiten Österreichischen Film Gender Report. Birgit Moldaschl (ÖFI) und Paul Scheibelhofer (Leopold-Franzens-Universität Innsbruck, Institut für Erziehungswissenschaften) führten durch den knapp 140 Seiten starken Bericht, der Film-Förderdaten von 2017 bis 2019 genauestens auf Gender Equality untersucht und die Ergebnisse in zahlreichen unmissverständlichen Diagrammen aufbereitet und zudem einige österreichische Filme aus den Jahren 2012 bis 2019 qualitativ hinsichtlich ausgewählter Kriterien untersucht.
Die große Kernaussage lautet: Frauen erhalten nur 25 Prozent der hiesigen Filmfördermittel. Weniger als ein Drittel für Kinoprojekte, weniger als ein Fünftel für TV-Projekte. Paul Scheibelhofer verweist zunächst auf ein nicht selbstverschuldetes Manko: Ausgewertet werden konnten nur die Gelder der diversen Förderstellen, etwa 150 Millionen Euro, nicht aber die 280 (also beinahe doppelt so vielen) Millionen, die der ORF 2017 bis 2019 vergeben hat. Verfahren wurde, so Scheibelhofer, anhand des schwedischen Berechnungsmodells: Ein Filmprojekt wird auf die drei hauptverantwortlichen Stabstellen Regie, Drehbuch und Produktion hin betrachtet, und jeder dieser Stabstellen wird ein Drittel der jeweiligen Fördersumme zugerechnet. Insgesamt wird dann mit einem Frauenkonto und einem Männerkonto gearbeitet; gehen zum Beispiel von 30.000 Euro Fördersumme je ein Drittel an eine Regisseurin, eine Drehbuchautorin und einen Produzenten, befinden sich 20.000 auf dem Frauen- und 10.000 auf dem Männerkonto, Geschlechterverhältnis rund 67 zu 33 Prozent.
Die gute Nachricht: Seit dem letzten Report sind die Anteile, der Frauen zugesagt wurde, in fast allen Bereichen ein bisschen gestiegen. Sicherlich auch aufgrund von Gender Incentives, einem „Anreizsystem, demzufolge Filmprojekte mit einem signifikanten Anteil an weiblichen Beschäftigten in bestimmten Stabstellen mit zusätzlichen Fördermitteln für neue Projekte belohnt werden“. Gleichzeitig ist jedoch zu sehen, dass der Anstieg des Frauenanteils im sehr hoch dotierten Segment der Kino- und TV-Herstellung am schwächsten angestiegen ist, lediglich um vier Prozent. Die vom Report zur Spezifizierung getroffene Unterscheidung zwischen Projekten mit exklusiv oder mehrheitlich oder ausgewogen weiblich/männlich besetzten Kernteams (ergo die drei Haupt-Stabstellen) bringt eine große Menge (im negativen Sinne) beeindruckender Fakten zutage; exemplarisch zwei davon: Kein einziges exklusiv weiblich besetztes Kernteam erhielt große (453.000 bis 910.812 Euro) oder sehr große (924.000 bis 3.322.000 Euro) Förderbeträge für Kinoprojekte. Große Beträge bekamen zu 43 Prozent rein männliche Kernteams, zu weiteren 43 Prozent mehrheitlich männliche Kernteams und nur zu 14 Prozent mehrheitlich weibliche Kernteams. Sehr große Förderbeiträge bekamen gleichsam keine Projekte mit exklusiv weiblichen Kernteams, immerhin 28 Prozent davon bekamen mehrheitlich weibliche Kernteams. 69 Prozent der sehr großen Förderbeiträge gingen an mehrheitlich oder exklusiv männliche Kernteams. Eine besonders düstere Realität zeigt auch die Aufteilung von Projektzusagen im TV-Bereich: Zusammen 76 Prozent Spielfilmprojekt-Zusagen für exklusiv und mehrheitlich männliche dominierte Kernteams, 11 Prozent für mehrheitlich weibliche und 2 Prozent für exklusiv weibliche sprechen eine drastische Sprache. Von den 13 im erhobenen Zeitraum Fernsehserien-Projekten, die eine Zusage erhielten, waren gar 100 Prozent mindestens mehrheitlich männlich geleitet.
Die Statistik lügt nicht: Je höher die Fördersummen, desto weniger Frauen sind in den Kernteams des Projekts. Stabstellen mit Entscheidungsgewalt sind immer noch klar männerdominiert, wie der Bericht ebenfalls ausführlich belegt. Der Anstieg des Frauenanteils in Regie, Buch und Produktion von Kinospielfilmen beispielsweise betrug im Vergleich zu 2012-2017 im nun untersuchten Abschnitt 2017-2019 nur gerade einmal 2 Prozent. Dies ist ebenfalls ein klares Indiz dafür, was der neue Gender Report in vielerlei Hinsicht aussagt: Die Veränderung passiert, sie passiert nur viel, viel zu langsam. Es gilt zu handeln, will man auch die neue Generation unterstützen, die auch gute Hoffnung macht: Im Vergleich zum „Etablierten-Film“ (24 Prozent der Fördermittel an Frauen) war die die Förderung des „Nachwuchsfilms“ (definiert als Erst- oder Zweitfilm der Regie) schon deutlich geschlechtergerechter – beim Nachwuchsfilm gingen 35 Prozent der Fördermittel auf das Frauenkonto.
Ein wichtiger Aspekt der Fördergeld-Verteilung ist im Bericht nicht unbedingt prominent, aber doch vertreten – in Ermangelung der Daten anderer lediglich hinsichtlich der vom ÖFI selbst verteilten Förderungen: Die zugesagten Fördermittel (28 Prozent gingen davon auf das Frauenkonto, 72 auf das Männerkonto) deckten sich beinahe exakt mit den beantragten Mitteln; Projekte mit Frauen-Kernteams beantragten auch nur 27 Prozent der insgesamt beantragten Gelder. Einige Wurzeln des Problems liegen also schon bei den Projektanträgen und davor. Dass um so viel weniger angesucht wird, liegt natürlich keineswegs daran, dass Frauen – wie manchmal argumentativ billig immer noch behauptet wird – weniger Geld für Film haben wollen, wie schon die derzeitige Lage zeigt: Wohl auch stark dank neuer Maßnahmen und den Quoten-Plänen konnte das ÖFI letzthin ein Verhältnis der Einreichungen von 50:50 verzeichnen.
Um die eindeutigere Beantwortung der über all dem stehenden Frage „Braucht Film Quote?“ ging es im Anschluss an die Report-Präsentation – die im letzten Teil noch ihre inhaltliche Analyse rezenter österreichische Filme anhand der Kriterien Diskriminierungsfreiheit, Geschlechtergleichstellung, Sexismusfreiheit und Diversität, also über bloße Bechdel-Wallace-Test-Logik hinaus darlegte, deren Fazit wenig überraschend ergab, dass Filme männlicher Kernteams sehr, sehr deutlich schlechter abschnitten – in Fragerunden mit den Projektverantwortlichen und einigen Filmschaffenden. Wenngleich mitunter lebhaft diskutiert wurde, sprachen sich eigentlich alle Anwesenden mehr oder weniger explizit für eine Gender-Quote in der österreichischen Filmförderung aus. Als beste und optimistisch stimmende Schlussworte bleiben neben einer trockenen, zielgenauen Diagnose aus dem „Publikum“ (Eva Spreitzhofer sinngemäß: „Die Quote ist genau deshalb bei vielen nicht beliebt, weil sie wirkt.“) vielleicht die Erfahrung Nina Kusturicas, dass eine neue Generation von den Filmschulen kommt, die sehr genau weiß, was sie sich nicht mehr gefallen lassen will, und auch die Klarstellung von Report-Auftraggeberin Iris Zappe-Heller (Stv. Direktorin und Beauftragte für Gender & Diversity des ÖFI): Eine Quote alleine reicht keineswegs. Auch hinsichtlich Familienfreundlichkeit und Care-Arbeit in filmischen Berufen gibt es allerhand zu tun. Und man hat bereits begonnen.
