Federico Fellinis „8½“, als Musical wiederverfilmt. Wozu eigentlich?
Nine ist ein Filmmusical, das auf einer gleichnamigen Broadway Show basiert, die bereits 1982 ihre Premiere feierte, die ihrerseits einen der großen Klassiker des europäischen Nachkriegskinos adaptierte. Und dieser seltsam verschachtelte Bezug auf Federico Fellinis 8½ ist leider das einzig Interessante an Rob Marshalls aufgeblasenem, halbgarem Flop. Es ist wohl als Hommage zu verstehen, dass der Regisseur von Chicago seinen dritten Spielfilm zum Teil in den legendären römischen Cinecitta Studios gedreht hat und in einer Nebenrolle eine Grande Dame des italienischen Kinos leibhaftig herbeizitiert. Aber diese Besetzungsidee ist zugleich bezeichnend für die Beliebigkeit der Referenzen, denn Sophia Loren hatte mit 8½ nichts zu tun und spielte auch in keinem anderen Film Fellinis mit.
Zumindest das Handlungsgerüst teilt Nine aber mit 8½: Auch hier leidet ein Filmemacher Anfang der Sechziger Jahre an einer kreativen Blockade, während sein Filmteam ihn kurz vor Drehbeginn drängt, endlich ein Drehbuch herauszurücken. Vor diesem Trubel flüchtet der Mann aus Rom in einen Kurort an der Mittelmeerküste, wohin er, als hätte er nicht schon Sorgen genug, sowohl seine Geliebte als auch seine Ehefrau nachkommen lässt. Während Fellinis traumwandlerischer Erzählfluss die Grenzen zwischen Realität und Fantasie verschwimmen ließ, legt Marshall seinen Film als eine schlichte Nummernrevue an, in der jedem der vielen Stars mindestens ein Solo eingeräumt wird. Diese Musicaleinlagen werden im Prinzip wie Bühnenauftritte inszeniert, wobei Regie und Montage sich – wie auch schon in Chicago – paradoxerweise nicht darum scheren, die Choreografie optimal zur Geltung zu bringen. Statt dessen kurvt die Kamera ziellos herum, während Einstellungen – und manchmal auch das Filmmaterial – ohne ersichtlichen Grund wechseln.
Weil auch die Songs nie schmissiges Broadway-Mittelmaß überschreiten, muss man sich wundern, wen diese 80-Millionen-Dollar Produktion eigentlich erreichen will – bis eine Musicaleinlage, die der Komponist der Broadwayfassung eigens für den Film geschrieben hat, eine Antwort anbietet: Als amerikanische „Vogue“-Reporterin tanzt Kate Hudson über einen Laufsteg und singt ein Loblied auf das „cinema italiano“, wobei der Text Neorealismus, dünne Krawatten und hippe Kaffeebars auf den gleichen gemeinsamen Nenner reduziert und zur vermeintlichen Essenz eines „Italian style“ bestimmt. Nur wer solche Kurzsichtigkeit teilt, kann an Nine womöglich Gefallen finden.
