Filmfestival

No Looking Back

| Simon Stockinger |
Das Slash ½-Festival bietet – in Kooperation mit dem Crossing Europe Filmfestival in Linz – zum cineastischen Frühlingserwachen wie immer eine kleine, aber erlesene Auswahl von Filmen, die allesamt im Wiener Filmcasino gezeigt werden. Darunter auch der zweite Langfilm des jungen russischen Regisseurs Kirill Sokolov. Ein kleiner Geheimtipp, nicht nur für Genrefans.

Für die bitterböse Gewalt-Satire, die dieser Film ist, überrascht das Personal: Oma, Tochter und Enkeltochter liefern sich in No Looking Back einen atemlosen Schlagabtausch durch eine märchenhaft farbgesättigte russische Provinz – und sie ersparen einander absolut nichts.

Olya (Viktoriya Korotkova) möchte nach vierjähriger Haftstrafe mit ihrer Tochter Masha (Sofya Krugova) der tristen Heimat den Rücken kehren und in die Stadt ziehen. Die Oma Vera (Anna Mikhalkova) hält ihre Tochter allerdings für nichtsnutzig und denkt nicht daran, ihre Enkelin in deren Obhut zu entlassen. Die Eskalation folgt auf dem Fuß, erstes Blut fließt und Olya flieht mitsamt der dauerfluchenden Masha. Die skrupellose Vera schreckt dann nicht davor zurück, den Ex von Olya (Aleksandr Yatsenko) auf die Fliehenden anzusetzen, und das, obwohl Olya wegen eben dieses Mannes im Gefängnis war. Was folgt, ist ein schwarzhumoriges Roadmovie, bunt, blutig, schnell. Und dazu mit einer derartig coolen und souveränen Performance der Kinderschauspielerin Krugova, dass der Film schon ihretwegen den Kinobesuch wert ist.

Empowerment Noir
Die handlungstreibenden Figuren sind übrigens ausschließlich Frauen. Und im Gegensatz zu den allesamt passiven Männern, wollen sie ihr Leben nicht so führen, wie es ist. Sie sind widersprüchlich; gleichermaßen Produkte von, wie auch Rebellinnen gegen ihre Umwelt. Dies betrifft sogar die brutale Gefängniswärterin (Olga Lapshina), die sich für ihren desinteressierten Sohnemann einen Ausbruch aus dem zur Familientradition gewordenen Berufsweg als „prügelnder Aufseher“ wünscht.

Bereits in seinem Langfilmdebut Why Don’t You Just Die (2018) hat Sokolov unter Beweis gestellt, dass er das Genre-Handwerk versteht. Dem schwarzhumorigen Kammerspiel in einer Moskauer Wohnung war seine Orientierung an US-Vorbildern wie Quentin Tarantino oder Robert Rodriguez deutlich anzusehen, inklusive Action bis zum Splatter-Exzess und der gewitzten Verwendung von Western-Elementen á la Sergio Leone.

Auch No Looking Back bleibt diesen Stilmitteln treu, allerdings nuancierter und weniger ausschließlich auf die Inszenierung von schriller Gewalt fixiert. Die Familie, als Ort der generationenübergreifenden Weitergabe von Brutalität und Verrohung, wird hier reflektierter in den Blick genommen. So liefert No Looking Back bereits mit der Aufblende ein passendes Bild für diesen verhexten Wiederholungszwang: Masha, die auf einer Spielplatz-Tretmühle rennt und dabei flucht wie ein Rohrspatz.

Sokolov gibt in einem Interview mit dem Horror-Film Podcast „Devils and Demons“ zu verstehen, dass er die Familie als globale Metapher verwendet, um die spezifischen Verhältnisse seines Landes zu thematisieren. Seine Filme treiben diese Verhältnisse im Rahmen familiärer Konstellationen auf cartoonhafte Eskalationen zu und heben sie dadurch in die Bilderwelten des postmodernen Hommagen-Kinos á la Tarantino. So erhält ausgerechnet die extreme, aber eben immer stilisierte und übertriebene Gewalt eine entlastende Funktion, ohne die der Plot viel düsterer wäre. Und umgekehrt kann Sokolov düsteres sagen – etwa über Polizeigewalt oder die ohnmächtige Tristesse in ärmlichen und autoritären Verhältnissen – ohne dabei eine offen politische Stoßrichtung exponieren zu müssen.

Kino-Therapie
In dem erwähnten Interview redet Sokolov der therapeutischen Wirkung des Kinos das Wort. Und um diese ist No Looking Back sichtlich bemüht – erkennbar am zuweilen märchenhaften Score oder auch an der quietschvergnügten Kameraarbeit von Dmitry Ulyukaev.

Das erreicht zwar insgesamt nicht die emotionale Resonanz eines Martin McDonagh in Three Billboards Outside Ebbing, Missouri (2017) und auch nicht Park Chan-wooks Virtuosität im Genre-Mixen – beide sind cineastische Bezüge von Sokolov. Aber No Looking Back ist nichtsdestotrotz eine spaßige Tour de Force, die gesellschaftliche und familiäre Verhältnisse in Russland durch eine Genre-Linse betrachtet und dabei nie das Register des ausgefeilten Unterhaltungskinos verlässt.