Filmkritik

Nobody

| Marietta Steinhart |
Ein Actionheld in der Midlife-Krise

Wir kennen das. Ein pensionierter Ex-Geheimagent hat ganz besonders ausgeprägte Fähigkeiten, die er sich im Laufe einer langen Karriere in der Unterwelt zugelegt hat. Diese Fähigkeiten kommen allerdings nur dann zum Einsatz, wenn jemand seine Familie bedroht. Liam Neeson, der mit Handgranaten im Koffer in den Familienurlaub fuhr, hat diese Rolle mit Taken (2008) legendär gemacht. Jetzt haben wir mit Nobody womöglich ein neues „Dad-Revenge“-Franchise.

Der 58-jährige Bob Odenkirk spielt Hutch Mansell, den „Niemand“ im Titel des Films, der ein ziemlich belangloses Vorstadtleben führt. Er arbeitet in der Fabrik des Vaters seiner Ehefrau (Connie Nielsen), die ein Kissen verwendet, um die beiden im Bett voneinander zu trennen. Seine Kinder finden ihn langweilig. Der einzige Hinweis darauf, dass dieser Kerl vielleicht doch mehr drauf hat, als er vorzugeben scheint, ist, dass er einmal am Tag, während er auf den Bus zur Arbeit wartet, das Wartehäuschen dazu benutzt, um Klimmzüge zu machen.

Dann passiert das Unerwartete Zwei unerfahrene Diebe brechen in sein Haus ein. Weil er Mitleid mit der maskierten Räuberin hat, haut er ihr nicht mit dem Golfschläger auf den Kopf – und lässt sie gehen. Dieser Moment des Mitgefühls ist ein Tiefpunkt. Sein Sohn hält Hutch für ein Weichei, seine Frau sieht ihn enttäuscht an, jeder denkt, dass er ein Feigling sei. Als er merkt, dass das Freundschaftsarmband seiner achtjährigen Tochter gestohlen wurde, reißt ihm dann endgültig der Geduldsfaden. Auf der Busfahrt nach Hause verprügelt er fünf Schlägertypen, die eine junge Frau belästigen. Hutch erwürgt einen Mann mit einem Haltegriff, schlägt einen anderen Trottel mit einer gelben Haltestange und führt eine Tracheotomie mit einem Taschenmesser und einem Strohhalm durch. Unglücklicherweise ist einer der Kerle der Bruder einer russischen Unterweltgröße.

Die Tatsache, dass Bob Odenkirk kein besonders starker Kerl ist, macht Hutchs Amokläufe umso unterhaltsamer. Der komplizierte Jedermann, den er in Breaking Bad und Better Call Saul perfektioniert hat, überträgt sich gut auf seine Rolle hier. Nobody ist kein besonders origineller Film, er erweist sich sogar als gründlich rückständig. Der Held wird für seine Frau attraktiver, sobald er blutverschmiert nach Hause kommt. Wenn es ernst wird, packt er sie samt Kindern ins Auto und schickt sie fort – der Rest ist Männersache. Es wäre jedoch übertrieben, die kulturelle Bedeutung zu weit zu treiben. Es ist nämlich unmöglich, Bob Odenkirk nicht zu mögen. Er ist die unwahrscheinlichste Ein-Mann-Armee seit Bruce Willis – der damals, bevor er John McClane spielte, in gewisser Hinsicht auch ein Nobody war.