Noch lange keine Lipizzaner

Filmstart

Noch lange keine Lipizzaner

| Ania Gleich |
Ein Film über Herkunft, Bürokratie und das fragwürdige „Wir“.

Wenn Wiener Lipizzaner eines Tages die Staatsbürgerschaft beantragen würden, stünden ihre Chancen vermutlich schlechter als gedacht. Mit ähnlich trockenem Humor seziert Noch lange keine Lipizzaner die Frage, wer in Österreich eigentlich dazu gehört – und wer nicht. Der Dokumentarfilm der Regisseurin Olga Kosanovic´– in Österreich geboren und aufgewachsen, mit serbischen Eltern – erzählt nicht nur ihre persönliche Geschichte, sondern hinterfragt auch, wie willkürlich solche biografischen Zuschreibungen im Alltag funktionieren. Mal spricht man von „Wurzeln“, mal von „zweiter Generation“, mal gar nicht – je nachdem, bei wem, in welchem Kontext und welche Herkunft gerade als unproblematisch gilt. Damit stellt sie unsere Vorstellungen von Zugehörigkeit, Heimat und nationalem „Wir“-Gefühl pointiert infrage. Ausgangspunkt ist Kosanovic´s eigener Weg zur österreichischen Staatsbürgerschaft – und der gesellschaftliche Eiertanz rund um Namen, Herkunft und das diffizile Konzept von „echter“ Zugehörigkeit. Dabei entsteht eine kurzweilige Collage, die mit erzählerischer Kreativität die Debatte aufmischt und dabei ebenso viele Fragen stellt, wie sie unbequeme Antworten liefert. Dabei gelingt es Kosanovic´, das Politische stets mit dem Persönlichen zu verweben. Was bedeutet es, „Heimat“ zu haben oder sie abgeben zu müssen? Welche Rolle spielen Hautfarbe, Akzent, Vermögen, wenn es um Zugehörigkeit geht? Und vor allem: Wie viele eingeborene Österreicher würden die Hürden nehmen, die der Staat all jenen in den Weg stellt, die zwar hier geboren und aufgewachsen sind, aber trotzdem als „zweite Generation“ gelten – zumindest, wenn man den Pass fragt?

„Wenn eine Katze in der Hofreitschule Junge wirft, sind das noch lange keine Lipizzaner“. Mit diesem Fundstück aus dem Online-Forum eines großen österreichischen Mediums gibt Kosanovic´ den Ton vor. Der Kommentar bezog sich auf eine TV-Debatte zur Staatsbürgerschaft, in der die Regisseurin eingeladen war und war nichts anderes als ein direkter Angriff auf ihre Zugehörigkeit. Die Aussage wird zum roten Faden ihres Films – und schneidet sich am Ende selbst ins Fleisch. Denn was bleibt, ist weniger eine Definition des „Österreichischen“ als vielmehr die Erkenntnis, dass Nationen sich über Ausschlüsse definieren. Die wirklich verbindenden Elemente eines Gemeinwesens – Solidarität, Erfahrung, Humor – lassen sich schwer in einem Staatsbürgerschaftsverfahren nachweisen. Besonders nicht als dritt-restriktivstes Land weltweit. Wie Diplomat Emil Brix treffend sagt: „Österreich verhält sich wie ein Inselstaat – ohne Insel.“ Noch lange keine Lipizzaner führt das in einem klug verwobenen Wechselspiel aus Interviews, Animation und Erzählung vor Augen – und entwirft ein Bild dieses Landes, das es sich selbst öfter zumuten sollte.