Nocturnal Animals

Schön und gut

| Pamela Jahn |
Ob in der Mode oder im Kino, der Name Tom Ford steht für Stil, Qualität und Perfektion. Sieben Jahre nach „A Single Man“ legt der rastlose Kreativkopf mit „Nocturnal Animals“ nun seinen zweiten Spielfilm vor. Ein Gespräch über Loyalität, Serienkiller und die Schönheit im Detail.

Um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Wer es darauf anlegt, wird in Nocturnal Animals, dem zweiten Spielfilm des überaus erfolgreichen Modemeisters Tom Ford, alle Vorurteile bestätigt finden, die man gegen sein perfekt inszeniertes Kino hegen kann. In der Geschichte um eine kühle Galeristin, die sich über die Lektüre eines Manuskripts ihres Ex-Ehemanns auf eine emotionale Schleuderfahrt begibt und dabei ihre Vergangenheit und irgendwie auch sich selbst wieder findet, gibt es mitunter hoffnungslos stilverliebte Einstellungen. Man begegnet einer Reihe schöner Menschen, ungenierter Klischees und glänzender Oberflächen, hinter deren hochpolierter Fassade nichts ist, wie es scheint. Keine Frage, Nocturnal Animals ist ein Fest fürs Auge vom ersten bis zum letzten Wimpernschlag. Dennoch gelingt es Ford über die elegante Verschmelzung der verschiedenen Zeitebenen seines ineinander greifenden psychologischen  Dramas eine ungeheuer verlockende Atmosphäre zu kreieren, der man sich nur schwer entziehen kann.

Alles beginnt mit Susan in der Gestalt von Amy Adams, die nach ihrem exzellenten Auftritt als Sprachwissenschaftlerin in Denis Villeneuves Sci-Fi-Drama Arrival mit gleicher Bravour nun für Ford besagte Inhaberin einer renommierten Kunstgalerie in Los Angeles spielt, komplett ausgestattet mit hypermodernem Haus aus Glas und Beton und einem so makellosen wie untreuen Ehemann (Armie Hammer). Als der sie für ein Wochenende alleine lässt, weil er angeblich geschäftlich in New York zu tun hat, bekommt Susan unverhofft ein Buch ausgerechnet von dem Mann zugeschickt, den sie vor vielen Jahren auf extrem unschöne Weise verlassen hat. Während Susan den Roman, den ihr Ex-Mann Edward (Jake Gyllenhaal) ihr gewidmet hat,  vorsichtig zu lesen beginnt, spiegelt sich die Handlung des als Film im Film verpackten düsteren Thrillers ebenfalls vor den Augen der Zuschauer. Die Geschichte, die darin erzählt wird, ist eine packende Rachephantasie, in der eine harmlose Familie auf einem verlassenen Highway in Texas den Weg dreier Psychopathen kreuzt – mit fatalen Folgen. Die zwei  Zeitebenen zwischen Fiktion und Realität verbinden sich darüber hinaus mit Rückblenden in Susans eigene Vergangenheit, genauer gesagt, in ihre gemeinsame Zeit mit Edward, von der ersten Begegnung bis hin zum brutalen Bruch. Schuldgefühle, Schreckensphantasien und Sehnsüchte fügen sich auf vielfach geschickte Weise zu einem Kaleidoskop von farbigen Splittern, die um den dunklen Fleck der Erinnerung kreisen. Was letztendlich daraus entsteht, ist ein beklemmendes Wechselspiel der  Schauplätze und Genres, der Ängste und Emotionen, das seinesgleichen sucht.

Je weniger man im Vorfeld von der Geschichte weiß, umso besser, doch auch wer Austin Wrights Roman „Tony and Susan“ kennt, auf dem Nocturnal Animals basiert, der wird in Fords Umsetzung einen eigenständigen, stilsicher inszenierten Film finden. Schon mit seinem gefeierten Debüt A Single Man (2009), in dem Colin Firth als selbstbeherrschter schwuler Professor Furore machte, hatte Ford sein bemerkenswertes Gespür für gekonnt in Szene gesetztes Melodrama bewiesen. In Nocturnal Animals scheint er darüber hinaus nun auch selbst als Regisseur ganz zu sich gefunden zu haben. Manch einen wird Fords kühl kalkulierender Blick nach wie vor kalt lassen. Andere werden behaupten, all die Schönheit ziele am Ende ins Leere. Ford will gern alles, vielleicht manchmal zu viel, und er bezahlt dafür. Aber das Sympathische und Schöne ist, dass er stets mit einer innigen Leidenschaft bei der Sache ist, die man so manchen seiner Kollegen wünschen würde. Bleibt zu hoffen, dass sein nächster Film weniger lange auf sich warten lässt.

Herr Ford, nach dem Erfolg mit Ihrem Regiedebüt „A Single Man“ haben Sie auch diesmal erneut einen Roman verfilmt. Was hat Sie an Austin Wrights Buch so sehr fasziniert, dass Sie schon vor Jahren die Rechte dafür erworben haben?

Ich habe „Tony and Susan“  zum ersten Mal gelesen, als der Roman 2011 neu aufgelegt wurde, und ich war auf Anhieb begeistert. Es war mit Abstand das spannendste Buch, das ich seit langem gelesen habe. Damals hatte ich natürlich noch keine Ahnung, wie daraus jemals ein Film entstehen könnte, vor allem weil das Buch sehr kompliziert strukturiert ist und vieles auf einem inneren Monolog basiert. Aber wenn ich eines gelernt habe, dann, dass man zuschlagen sollte, wenn man sich von etwas besonders angesprochen fühlt – und das habe ich dann auch getan. Danach verging aber wie gesagt noch eine ganze Weile, bis ich tatsächlich ungefähr eine Vorstellung davon hatte, wie man das Ganze eventuell doch filmisch umsetzen könnte, um den Kern der Geschichte zu erfassen. In erster Linie geht es darum, was passiert, wenn man Menschen, die einem Nahe stehen, irgendwann einfach wegwirft. Ich selbst bin von Natur aus sehr loyal. Ich lebe seit 30 Jahren mit der gleichen Person zusammen und versuche stets, die Menschen, die mir wichtig sind, in meinem Leben zu halten. Dagegen wird in unserer heutigen Wegwerfgesellschaft vieles und jeder viel zu schnell ausgetauscht oder ersetzt. Schon allein deshalb fand ich es interessant, darüber zu reden.

Ob Colin Firth in „A Single Man“ oder jetzt Amy Adams in „Nocturnal Animals“, Ihre Hauptfiguren wirken nach außen hin in beiden Fällen recht einsam und isoliert. Lässt sich darin nach zwei Filmen bereits ein gewisses Muster erkennen?

Es sind Menschen, die nach einer Beziehung suchen, oder besser gesagt, die eine besondere Beziehung hatten und diese verloren haben. Das stimmt schon. Und wie sagt es Edward im Film so schön: „Niemand schreibt jemals über etwas anderes als sich selbst.“ Ich nehme an, das trifft auch auf mich zu. Ganz konkret auf Susan bezogen, in ihrer Figur steckt sogar jede Menge von mir. Auch ich steuere mit meiner Arbeit meinen Teil zur Produktion von zeitgenössischer Kunst und Kultur bei. Auch ich kreiere unentwegt Dinge, die die Menschen für viel Geld kaufen wollen. Und ähnlich wie Susan, fühle ich mich in der Hinsicht oftmals im Zwiespalt mit der Welt. Ich weiß zwar nicht genau, ob das ihre Frage beantwortet, aber wie es scheint, haben Sie da nicht ganz Unrecht, nur war mir das bis eben noch gar nicht so genau bewusst.

Denken Sie, das Filmemachen könnte für Sie irgendwann zur Priorität werden?

Ich liebe es, Filme zu machen, und es ist mir sehr ernst damit. Ich arbeite seit 30 Jahren im Modegeschäft. Und obwohl es nicht immer einfach ist, ist es eine Arbeit, die ich gewohnt bin. Filmemachen dagegen ist eine Herausforderung. Und wenn man die Möglichkeit hat, etwas zu machen, dass einen komplett begeistert, dann überträgt sich das meiner Erfahrung nach auch auf die anderen Lebensbereiche und alles was man tut, wird automatisch reizvoller und kreativer. Ob Sie es glauben oder nicht, aber ich denke, ich bin ein besserer Modedesigner, wenn ich einen Film drehe. Ich bin glücklicher, mein Geist ist wacher und ich bin mehr engagiert. Wir haben den Film in London geschnitten. Ich habe ein Schneideraum in meinem Büro eingerichtet und mein Tag sah ungefähr so aus: vier Stunden schneiden, dann ein paar Stunden Arbeit an der Kollektion, dann zurück an den Schneidetisch, und am Ende wieder zurück zur Kollektion. Aber ich war die ganze Zeit über bestens gelaunt. Es hat einfach unheimlich viel Spaß gemacht. Und ungelogen: Ich habe in der Zeit definitiv bessere Mode entworfen als vorher.

Worin genau liegt für Sie der Reiz in diesem Doppelspiel?

Na ja, wenn ich ehrlich bin, habe ich als Regisseur ganze sieben Jahre gebraucht, um meinen zweiten Film fertig zu stellen. Ich hatte gehofft, es in drei Jahren zu schaffen, aber solange braucht man alleine schon um das richtige Projekt zu finden und das Drehbuch zu schreiben, und bis man dann irgendwann soweit ist, den Film zu besetzen und schließlich zu drehen, vergeht auch noch einmal Zeit. Dagegen liebe ich die Schnelligkeit der Modewelt. Und nur in der Kombination funktioniert das für mich. Ansonsten würde ich, glaube ich, irgendwann verrückt werden. Das Wunderbare am Film ist aber, dass er sich von den anderen Dingen abhebt – und dass er bleibt. Was man mit einem Film sagen kann, das kann die Mode einfach nicht. Als ich A Single Man gedreht habe, dachte ich manchmal, dass ich das Ganze nicht überleben würde, weil mir der Film so unheimlich wichtig und alles sehr persönlich war, auch im Hinblick darauf, an welchem Punkt ich mich selbst in dem Moment in meinem Leben befand. Damals habe ich mir immer vorgestellt, dass wenn ich mal einen Sohn hätte und er sich irgendwann fragen würde, was für ein Mensch sein Vater war, er sich dann im Grunde nur den Film ansehen müsste, weil alle Hinweise darin enthalten sind. So sehr ich die Mode liebe, das schafft man mit Kleidung allein einfach nicht.

Wie würden Sie persönlich Ihren Stil als Regisseur beschreiben?

Mir wird immer mehr bewusst, dass ich eine erweiterte, verstärkte Realität interessanter finde als die Realität an sich. Ich mag die Überhöhung von Emotionen, in dem Fall Melodrama. Aber ich bin auch ein großer Freund von gutem Humor, davon hat man bisher nur noch nicht allzu viel auf der Leinwand gesehen. Eigentlich wollte ich zunächst eine Komödie drehen, aber daraus ist dann am Ende nichts geworden. Davon abgesehen, finde ich es wichtig, den Dingen stets einen perfekten Rahmen zu geben. Aber nicht als reine Zierde oder allein um der Schönheit willen. Ganz im Gegenteil. Vielmehr um uns dabei zu helfen, die Geschichte besser einzuordnen und verstehen zu können. Andererseits bin ich aber auch ziemlich altmodisch in der Hinsicht, dass ich Filmstars auch als echte Filmstars sehen will. Ich möchte, dass sie fabelhaft aussehen.

Lassen Sie uns kurz über Ihre großartige Besetzung sprechen. Aaron Taylor-Johnson zum Beispiel ist im Film kaum wiederzuerkennen.

Ja, ich finde, er ist spektakulär. Ich wollte einen richtigen Fiesling, der aber irgendwie originell ist, deshalb habe ich für ihn eine kleine Hintergrundgeschichte entworfen, dass er sich insgeheim als verkannter Rockstar sieht. Und Sie haben es wahrscheinlich in der einen Szene so schnell nicht bemerkt, weil Aaron da auf dem Klo sitzt und sich alle Augen darauf richten, aber neben ihm steht eine rote Gitarre an die Wand gelehnt, was wiederum erklärt, warum er im Film so lange Fingernägel hat, eben weil er ein Instrument spielt. Es sind Kleinigkeiten wie diese, die geholfen haben, dass er sich in seiner Rolle gewissermaßen als Künstler fühlt. Ein anderes Beispiel ist der kleine Diamantenring, den er in der ersten Einstellung am Finger trägt. Im Grunde liegt darin ein versteckter Hinweis auf das, was einen erwartet, weil man davon ausgehen kann, dass der Ring vermutlich einem seiner früheren Opfer gehörte. Aber man weiß ja, dass Serienmörder durchaus charmant sein können und in einigen Fällen auch sehr gut aussehen. Das ist ihre Masche, damit wickeln sie ihre Opfer um den Finger. Jeffrey Dahmer zum Beispiel, oder Ted Bundy,  das waren Typen, die besaßen diese Fähigkeit. Und Charles Manson sah vielleicht nicht so gut aus, aber auch er konnte Leute definitiv dazu bringen, ihm zu folgen. Ich fand das sehr spannend im Hinblick auf Aarons Figur, wenn es für ihn auch nicht immer einfach war, das zu spielen.

Der Film ist zum einen Teil Drama, zum anderen mitunter ein ziemlich brutaler Thriller.

Der Film ist brutal, aber die Gewalt dient einem ganz bestimmten Zweck: Vergeltung. Denn genau das ist es ja, was Edward mit dem Buch sagen will, nämlich: „Das hast du mir angetan!“ Das heißt, es musste intensiv sein und aus dem Bauch heraus. Für mich spielt sich dieser Teil des Films wie ein klassischer Western ab, oder wie eine moderne Version davon, mit Michael Shannon als dem leicht übertriebenen Stereotypen à la Marlboro Man, der dem üblen Schurken an den Kragen geht, und auf der anderen Seite diese kranken Typen, die einfach losziehen und unschuldige Leute terrorisieren, so ähnlich wie in Kubricks A Clockwork Orange.

Wer hat Sie außer Kubrick noch inspiriert?

Das ist so schwer zu sagen. Wenn es um spezielle Genres geht, wie zum Beispiel Film noir, dann ganz offensichtlich Hitchcock. Kubrick eher in Bezug auf ganz bestimme Filme, oder auch Roman Polanskis Rosemary‘s Baby. Was die Mode angeht, habe ich einmal eine ganze Kollektion auf Fassbinder aufgebaut, weil ich seine Frauenfiguren immer unheimlich interessant und stark fand. Und Wong Kar-wai war eine große Inspiration für A Single Man. Sie sehen also, es ist ein breites Feld.

Sie haben Ihre Mode bisher stets konsequent vom Kino getrennt. Eine bewusste Entscheidung, nehme ich an?

Ja. Ich bin wahrscheinlich etwas paranoid, was das angeht. Aber ich möchte auch als Filmemacher erst genommen werden. Das ist kein Hobby für mich. Deshalb bin ich so sehr darauf bedacht, die beiden Welten soweit es geht voneinander fern zu halten. Es gibt kein einziges Kleidungsstück oder Accessoire von Tom Ford in Nocturnal Animals, auch wenn so manche der Figuren im Film wahrscheinlich meine Kunden wären, etwa Leute wie Susans Ehemann, gespielt von Armie Hammer. Aber darum geht es nicht. Der Film ist keine Werbung für meine neueste Kollektion.

Können Sie eigentlich gut mit Kritik umgehen?

Bisher waren die Reaktionen fast durchweg positiv. Ein Vorwurf, der meinen Filmen allerdings immer wieder gerne gemacht wird, ist, dass sie zu makellos sind, zu schön, zu stylisch. Das liegt wahrscheinlich zum größten Teil daran, dass die Leute wissen, was ich in der anderen Hälfte meines Lebens tue. Nach A Single Man kamen tatsächlich Menschen auf mich zu, die meinten, sie hätten nicht gedacht, dass ich so einen tiefgründigen Film machen könnte. Das ist ganz schön schockierend! Nun will ich mich keinesfalls mit Hitchcock vergleichen, aber auch er hat beispielsweise Wochen damit verbracht, Haare, Make-up und Kleidung seiner Hauptdarstellerinnen zu perfektionieren. Es war ihm wichtig, weil all diese Dinge eben viel über eine Figur an sich aussagen können, über ihren Charakter, ihre Seele – und bei mir ist das im Grunde nicht anders.