Bestechend präzise Bestandsaufnahme vom Rande der Welt
Wenn es etwas „Pauschales“ über das Kino der zentralasiatischen Länder zu sagen gibt, dann, dass sie seit Jahr und Tag einen scheinbar ganz mühelosen, wie nebenher gepflegten Umgang mit der Realität haben. Da muss nichts übertrieben, nichts dramatisch überhöht werden, diese einfachen Geschichten über einfache Menschen funktionieren ganz für sich selbst. So ist es auch in diesem Debütfilm von Mirlan Abdykalykov, der 1998 in dem Film Beshkempir (Der fremde Sohn) seines Vaters Aktan, einem der herausragenden Beispiele des kirgisischen Kinos, die jugendliche Hauptrolle spielte.
Der deutsche Titel „Nomaden des Himmels“ hat mit dem Film rein gar nichts zu tun, der Originaltitel natürlich schon: „Sütak“, so heißt ein Vogel der kirgisischen Mythologie. Es handelt sich um ein Mädchen, das nach einem Fluch in eben diesen verwandelt wurde. Immer wieder zieht der Sütak seine Kreise über dem abgelegenen Tal, in dem der Film spielt. Großvater, Großmutter, Schwiegertochter und Umsunai, die siebenjährige Enkelin, leben dort und züchten Pferde in einer intakten Landschaft mit herrlichem Bergpanorama. Der Vater des kleinen Mädchens ist tödlich verunglückt, doch gemäß einem anderen alten Volksmärchen, das ihr der Großvater erzählt, glaubt Umsunai, dass er nicht tot sei, sondern als Adler hoch in den Lüften weiterlebe.
Umsunais großer Bruder Ulan studiert in der Stadt Architektur und „wird nicht mehr zurückkehren“, wie die Großmutter mutmaßt. Doch er kommt noch einmal, um seine Sommerferien in der Heimat zu verbringen. Und dann ist da noch Ermek, der in der nahen gelegenen Wetterstation arbeitet, ein Auge auf Shayir, die verwitwete Schwiegertochter, geworfen hat und gelegentlich mit dem Auto zum Einkaufen fährt. Das Leben der Familie ist einfach, aber völlig selbstbestimmt und steht im Einklang mit der Natur, den Jahreszeiten und den alten Mythen. Das alles inszeniert Abdykalykov ohne Ethno-Schmus und Folklore, nüchtern, sachlich, mit einem Anflug von Humor, vor allem in den altklugen Äußerungen des kleinen Mädchens.
Dass die Idylle eine trügerische ist, liegt allerdings fast auf der Hand, und als der Großvater eines Tages wegreitet, um einen alten Freund zu besuchen, donnern ihm mehrere Lastwagen entgegen, auf einem von ihnen befindet sich ein Bagger. Es wird, wie Ermek vorher schon angekündigt hat, mit dem Bau einer Eisenbahnlinie durch das prächtige Tal begonnen. Die sogenannte Zivilisation wird auch diesem Naturjuwel ein Ende bereiten, und das nomadische Leben, das es ohnehin nur noch sporadisch gibt, ist endgültig dem Untergang geweiht. Abdykalykov konstatiert das mit Bedauern, aber ohne Rührseligkeit. Eine großartig einfache und genaue Erzählung aus einem Land im Umbruch.
