Dänisches Filmwunder, Teil 426: „Schändung – Die Fasanentöter“, die zweite Verfilmung eines Bestsellers von Jussi Adler-Olsen ist ein knallharter Thriller und war ein unglaublicher Erfolg in der Heimat.
Rund 770.000 Menschen haben diesen Film in Dänemark gesehen, also rund ein Siebentel der Bevölkerung. Umgelegt auf Österreich hieße das, dass ein heimischer Blockbuster rund 1,15 Millionen Tickets verkaufen müsste – leider völlig undenkbar, wie man weiß. Aber das ist noch nicht alles: Mikkel Nørgaards Thriller, der zweite aus Jussi Adler-Olsens Buchreihe rund um Kommissar Carl Mørck vom Sonderdezernat Q, die derzeit sechs Bände umfasst, ist nicht nur erfolgreich, er ist auch noch richtig gut, auch wenn gegen Ende hin die Gesetze der Logik ein wenig aus den Angeln gehoben werden.
Jussi Adler-Olsen, 1950 geboren, war in allen möglichen Berufen tätig, ehe er 1997 seinen ersten Roman „Alfabethuset“ („Das Alphabet-Haus“) schrieb. Mit „Kvinden i buret“ feierte der spätberufene Autor 2007 einen fulminanten Erfolg. Auf Deutsch heißt das schlicht und einfach „Die Frau im Käfig“, der Titel der deutschen Ausgabe war allerdings „Erbarmen“. Der Unfug, der seit einigen Jahren mit deutschen Krimititeln getrieben wird, ist in der Tat beklagenswert. Während man diese Unsitte im Filmbereich endlich weitgehend ad acta gelegt hat, ist sie auf dem Gebiet der Kriminalliteratur so richtig ausgebrochen: Tana Frenchs „In the Woods“ wird zu „Grabesgrün“, aus „Faithful Place“ wird „Sterbenskalt“; aus Chelsea Cains „The Night Session“ wird „Totenfluss“, aus „Kill You Twice“ macht man „Sterbensschön“. Ähnlich verhält es sich bei Adler-Olsen: Weder „Erbarmen“ noch „Schändung“ haben irgendetwas mit den Büchern zu tun, die diese deutschen Titel tragen. „Fasandræberne“ heißt genau das, was der deutsche Zusatztitel sagt: „Fasanentöter“, und wenn man das Buch gelesen bzw. den Film gesehen hat, weiß man auch, was es mit dem Titel auf sich hat.
Held des Sozialismus
Wie auch immer: Mit dem Kommissar Carl Mørck hat Adler-Olsen eine faszinierende Figur geschrieben. Nichts an ihm ist besonders neu: Er ist geschieden, er ist mürrisch, er trinkt und raucht zu viel – das genaue Gegenteil von einem Superbullen. Er ist auch nicht wirklich brillant, kein Muskelprotz und kein Actionheld, aber er ist völlig besessen von seiner Arbeit und von seinem Anspruch, den „kleinen Leuten“ zu ihrem Recht zu verhelfen – wie er das in einer markanten Szene gegen Ende auch deutlich ausspricht. Wer sich mit nordischer Kriminalliteratur auskennt, weiß, dass das klassenkämpferische Element eine lange Tradition hat: Die schwedischen „Ureltern“ des Genres, Maj Sjöwall und Per Wahlöö, waren glühende Sozialisten, und das merkt man ihrer zehnbändigen Reihe um Kommissar Martin Beck (1965 bis 1975) auch an: Stramm gegen die Reichen und Mächtigen, immer für die Armen und Schwachen, das ist die Devise. Ähnlich verhielt es sich bei dem früh verstorbenen Stieg Larsson (dessen „Millennium“-Trilogie inzwischen erfolgreich verfilmt wurde), der ein deklarierter Antifaschist war, und auch Adler-Olsen macht aus seiner Verachtung für eine völlig pervertierte und dekadente Oberschicht – und zwar ausschließlich für deren männlichen Vertreter – kein Hehl.
Wenn eine dänische Jagdgesellschaft aus vermeintlich feinen Pinkeln frühmorgens im Nebel antritt, um ein eigens bereitgestelltes Zebra (!) abzuknallen, dessen Kopf sie sich dann neben den des vermutlich auf ähnliche Weise erlegten Nashorns an die Wand hängen können, dann ist das zwar auch komisch, aber vor allem ist es gruselig. Es handelt sich bei den Herrschaften um ehemalige Angehörige des Elite-Internats Griffenholm. Einige von ihnen haben nicht nur während der Schulzeit für Angst und Schrecken gesorgt, die Absolventen halten auch später, im Berufsleben, nach Art eines Geheimbundes wie Pech und Schwefel zusammen.
Cold Case
Demgegenüber steht das pompös betitelte, aber in Wahrheit lächerlich unterbesetzte „Sonderdezernat Q“, das man eigens geschaffen hat, um den unbequemen Mørck (den „Säufer“, wie man ihn hinter seinem Rücken nennt) und seinen kongenialen Partner, den stoischen „Araber“ Assad, loszuwerden. In einem Büro, das so abgefuckt wie – immerhin – raucherfreundlich ist (ein weiteres Indiz dafür, dass Mørck so etwas wie ein lebender Anachronismus ist), vegetieren die beiden dahin, immer auf der Suche nach einer neuen Sekretärin, weil die jeweils letzte es nicht mit Mørck ausgehalten hat. Dort dürfen sie sich mit ungelösten Fällen herumschlagen, die so kalt wie Eis sind, weil sie niemanden mehr interessieren und der herrschenden Polizistenkaste am Arsch vorbeigehen, wie man so schön sagt. Das ändert sich schlagartig, als in vorliegendem Fall die Nobelschule Griffenholm ins Gerede kommt. Rund um das Internat haben sich, wie Mørck und Assad bald herausfinden, vor 20 Jahren signifikant häufig brutale Verbrechen ereignet, darunter der bestialische Mord an einem jungen Geschwister-Paar. Der angebliche Täter wurde damals blitzschnell gefasst, aber Mørck hat so seine Zweifel, ob dabei alles mit rechten Dingen zugegangen ist: Der junge Bursche, dem man die Tat umgehängt hatte, war ein einfacher Mann aus dem Volk, und es ist nicht ganz klar, wie er sich den teuersten Anwalt Dänemarks (selbstverständlich auch er ein Griffenholm-Absolvent) leisten konnte. Mehr kann man gar nicht verraten, will man die Geschichte nicht spoilern. Nur so viel: Mit der ehemaligen Schülerin Kirsten („Kimmie“) Lassen, die seit eben diesen Vorfällen spurlos verschwunden ist, ist Adler-Olsen eine außergewöhnliche Figur gelungen, die einen packt und noch lange nicht loslässt.
Obwohl man als zuschauende Person jederzeit einen Wissensvorsprung gegenüber den beiden Polizisten hat, ist Schändung unglaublich spannend und packend. Die gewalttätigen Ausbrüche, von denen es einige gibt, muss man aber schon aushalten, wenn man etwas von dem Film haben will. Sie sind verstörend, weil sie erschreckend realistisch sind, und weil die Kamera nicht wegschaut, wenn es zur Sache geht. Schändung – Die Fasanentöter hat nichts Konstruiertes an sich, wie zuletzt etwa David Finchers Verfilmung von Gillian Flynns Roman „Gone Girl“. Story und Dramaturgie sind eher schlicht, aber umso wirkungsvoller. Mikkel Nørgaard, der zunächst vor allem Regisseur von Fernsehserien war – unter anderem inszenierte er auch vier Folgen der viel gerühmten Serie Borgen (siehe „ray“ 05/15) – verlässt sich, wie schon in der ersten Adler-Olsen-Verfilmung, auf eine schnörkellose, flotte Inszenierung, die wenig Raum für komplizierte Abschweifungen lässt. Wenn jemand Auto fährt, dann ist er auch bald am Ziel – diese Art von Film. Stützen kann er sich auf zwei charismatische Hauptdarsteller: Nikolaj Lie Kaas, verdiente Fachkraft des dänischen Film-, Fernseh- und Theaterwesens, ist ein herrlich verschrobener Kommissar, den Assad spielt Fares Fares, der aus dem Libanon stammende Schwede. Er wurde als Komödiant (Jalla! Jalla!, Kops) bekannt und war auch in einer kleinen Rolle in Kathryn Bigelows Zero Dark Thirty zu sehen. Unbedingt erwähnen muss man Danica Curcic, die die schwierige Rolle der Kimmie mit Bravour meistert. Die 29-Jährige spielte unter anderem in mehreren Folgen der beliebten dänisch-schwedischen TV-Serie Die Brücke.
Das Erfolgsduo Kaas/Fares wird man 2016 auch im dritten Teil der Adler-Olsen-Reihe zu sehen bekommen, Flaskepost fra P (auf deutsch, nun ja: Erlösung). Regie wird diesmal der Norweger Hans Petter Moland (Kraftidioten) führen – ein weiterer schlagender Beweis für die hervorragende Zusammenarbeit der nordischen Länder. Man darf sich darauf freuen.
