Notes on Marie Menken – Poesie als Überlebensmotiv

Poesie als Überlebensmotiv

| Verena Teissl |

Ein Leben ist etwas sehr Komplexes, schreibt Martina Kudláˇcek. Wer könnte darum besser Bescheid wissen als eine Experimentalfilmemacherin, die vor über zehn Jahren begann, Filmessays über Leben und Werk von außergewöhnlichen Künstlern und Pionierinnen des Avantgardefilms zu drehen. Nach L’Amour Fou – Ludvik Šváb (1995) und Aimless Walk – Alexander Hammid (1996) erregte Kudláˇcek internationale Aufmerksamkeit mit In the Mirror of Maya Deren (2002) und Notes on Marie Menken (2005), der nun in die österreichischen Kinos kommt.

Mit ihrem bisherigen Werk zeigt sich Kudláˇcek als Chronistin der avantgardistischen Filmkunst anhand herausragender Persönlichkeiten, die dem kollektiven Gedächtnis verloren gegangen sind. Maya Deren (1917–1961) und Marie Menken (1910–1970) wurden von ihren Weggefährten als Musen geliebt und bewundert, Kudláˇcek aber dringt in ihre jeweiligen Welten als innovative Künstlerinnen ein und erzählt „von innen“. Der Begriff „Künstlerporträt“ würde deshalb für beide Filme viel zu kurz greifen, Kudláˇcek ist auch und vor allem eine Geschichtenerzählerin, sie vereint die Genauigkeit der Forscherin mit der Sensibilität der emphatischen Betrachterin und der Poesie des eigenen filmischen Ausdrucksvermögens. Es wirkt respektvoll und verspielt, immer aber überlegt, wie Kudláˇcek ihr „Rohmaterial“ – kostbare, aus Archiven geborgene Filmausschnitte oder Interviews mit den Weggefährten Derens bzw. Menkens – mit ihrer neugierigen Lust vereint, das „Feeling“ zu entdecken, mit dem Deren in Haiti drehte oder ihr Rhythmusgefühl auf die Filmweise übertrug; wie Menken in die Welt der Blumen eindringt oder mit Andy Warhol ein Filmduell mit einer Bolex und beträchtlichem körperlichen Einsatz austrägt. Beide Künstlerinnen werden in Kudláˇceks Filmen so körperlich, dass es eine reine Freude ist. In dieser spezifischen Körperlichkeit vermittelt sich zugleich die Notwendigkeit zum künstlerischen Ausdruck, in ihr entäußert sich, wieviel Lust und Tragik, Versuchung und Scheitern hinter der titanenhaften Kraft von Menken und der geheimnisvollen Erscheinung von Deren steht. Kudláˇceks Filme sind deshalb nicht nur für jene zugänglich und faszinierend, die ein spezifisches Interesse an Avantgardekunst haben.

Martina Kudláˇcek, geboren 1965, studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaften sowie Germanistik und Kunstgeschichte in Wien und legte das Kamera- und Dokumentarfilmregie-Diplom 1993 bzw. 1995 an der FAMU in Prag ab. Sie widmete sich der experimentellen Fotografie und Regiearbeit auf Super-8 und 16mm, nahm unter anderem an einem einjährigen Workshop bei dem Dokumentarfilmspezialisten Michael Rabiger teil und arbeitete als Forschungsstipendiatin an der Kunsthochschule für Medien in Köln bei Siegfried Zielinski. Bereits in Aimless Walk – Alexander Hammid (1996), mit Einsichten in Leben und Werk von Maya Derens erstem Ehemann, kündigte sich das tiefe Interesse an Deren selbst an. Von 1998 bis 2005 arbeitete Kudláˇcek am Anthology Film Archives in New York als Forscherin und Mitarbeiterin von Jonas Mekas, der seine Spuren nicht nur als legendärer Avantagarde-Filmemacher, sondern eben auch als Anthology-Direktor hinterlässt. 2004 wurde Kudláˇceks Einsatz mit dem Anthology Film Archives Film Preservation Award belohnt.

Woher kam dein Interesse, dich mit Filmgeschichte zu beschäftigen?
Ich habe den Eindruck, dass ich an den Fußnoten der Filmgeschichte arbeite. Ich bin eine Filmemacherin, aber vielleicht bin ich im Herzen Archivarin. Doch zuallererst kommt der unmittelbare Impuls im Dialog mit meiner Welt und der Erfahrung mit Menschen um mich. Die Idee ist nie zuerst, sondern ich sehe mich plötzlich inmitten des Geschehens. Es ist einfach so, dass ich wahrnehme: Jemand muss da etwas tun, und die Zeit drängt. Ich lege Schichten frei, versuche, etwas sichtbar zu machen und es dann zu bewahren.

Als Forscherin am Anthology Film Archives bist du in ein Zentrum der Filmgeschichte vorgedrungen. War die Arbeit dort eine konsequente Fortsetzung deiner bisherigen Tätigkeit?
Ob ich im Zentrum oder in der Peripherie gelandet bin, weiß ich nicht so recht … Ich befinde mich auch in ständiger Bewegung. „Zentrum“ kann oft als Ort der Macht verstanden werden. Ich denke, dass die interessantesten Kunst- und Denkprozesse abseits von Machtzentren geschehen. Anthology Film Archives war für mich während einer bestimmten Zeit etwas wie eine Werkstatt, ein Laboratorium, ein Luftloch. Die Freundschaft zu Jonas Mekas hat mir geholfen. Sehr viele Freunde haben mich unterstützt. Ich durfte eine Gemeinschaft erleben, die sich nicht regional definieren lässt. Wien, Prag und Köln sind Orte, die für mich eine Zone bilden. Ich konnte an der FAMU in Prag forschen. Die Kunsthochschule für Medien in Köln und ihr Rektor, der Medienarchäologe Siegfried Zielinski, haben mir Impulse gegeben. In Wien bin ich geboren, das Filmmuseum und das Stadtkino habe ich regelmäßig besucht. So sind Synergien entstanden. Irgendwie bin ich meiner inneren Landkarte gefolgt.

Als ich im Juli 1997 nach New York kam, um meinen Film-essay Aimless Walk zu zeigen, läutete ich wieder einmal beim Anthology Film Archives. Jonas Mekas öffnete mir die Tür, er nahm gerade ein großes Poster mit handgeschriebenen Worten von der Wand: „Anthology is searching for a woman filmmaker (preferably, but not necessarily so) who would be willing to spend a few hundreds of hours – under my supervision – organizing all Maya Deren film materials deposited with us. Contact me, Jonas Mekas. PS: No money in it! Only love of cinema!“ Er hatte keine Antwort bekommen, und nach zwei Monaten gab er auf. Es war reiner Zufall, dass ich in diesem Augenblick vorbeikam. Ich hatte schon viel Zeit verbracht, Maya Derens Arbeiten zu studieren und bereits den Film mit Alexander Hammid gemacht, der mit Deren Meshes of the Afternoon geschaffen hatte. Jonas lächelte mich an, und seine Augen blinzelten. Ich nenne diese Art von Ereignis „die Gnade der Begegnung”, welche die Basis für jedes dokumentarische Arbeiten bildet. Das Thema hat mich gefunden – und ich konnte dem nicht mehr entkommen.

Mit Marie Menken endete ich wieder bei Jonas, nach so vielen Funden. Er half mir, diese mit einem kleinen Lastwagen zu Anthology Film Archives zu bringen. Er gab mir einen Platz in seinem kleinen und versteckten Arbeitsraum, um an meinem Menken-Material zu arbeiten – umringt bis an die Decke von Schachteln, Ordnern, Büchern, Magazinen, Bildern usw. Es war so wenig Platz, dass ich vor einem Picknicktisch, welcher als Arbeitsfläche diente, stehen musste. Doch dieses Zimmer mit einem kleinen Fenster zur Straße schien mir wie ein Lusthaus. An der Wand neben dem Fenster hing ein Zettel, auf den Jonas die Worte des japanischen Dichters Basho gekritzelt hatte: „Perform Random Kindness and Senseless Acts of Beauty.”

Maya Deren und Marie Menken sind kraftvoll. Sie zu porträtieren hat etwas Intimes, fordert die eigene Persönlichkeit heraus und ist eine ständige Gratwanderung zwischen Identifikation und dem eigenen Bewusstsein als „Biografin“…
Ich sehe mich durch einen roten Faden mit den Filmemacherinnen der Vergangenheit verbunden. Ihr Werk lebt im Heute. Notes on Marie Menken ist die Schwester zu In the Mirror of Maya Deren. Beide waren Pionierinnen der Filmpoesie und kannten einander im New York der 40er und 50er Jahre. Ich begab mich auf Spurensuche, Marie Menkens Spielfreude stimmte mich ein. Die Erzählweise betont den fragmentarischen Charakter, denn die Erinnerung besteht aus Fragmenten, und es gibt nur mehr wenige konkrete Spuren. Meine Bilderwelt ist von Improvisationen zu Motiven, Orten und Menschen um Menken geleitet. Ich mache ein Notizbuch mit der Kamera und knüpfe an Menkens richtungsweisendes Werk Notebook an. So verlieren wir uns von ihrem Alltag und die Gegenwart. Immer bleibt ein Geheimnis. Notes on Marie Menken zeigt auch eine menschliche Tragödie und versucht, Überlebensmotive unserer Existenz zu verstehen, zu denen die Poesie zählt.

Du hast für die Filme über Deren und Menken mit John Zorn zusammengearbeitet. Wie passiert deiner Meinung nach Zeitverschiebung, wenn ein moderner Komponist Musik für eine verstorbene Avantgardistin schreibt?
John Zorn hat große Begeisterung für das Kino; das zeigt sich auch in seiner Arbeitsserie Filmworks. Er spielt regelmäßig Benefizkonzerte im und für Anthology Film Archives, hat ein ausgeprägtes Bewusstsein für die Notwendigkeit von Filmarchivierung und -restaurierung. Bei solchen Konzerten improvisiert er mit seinen Musikern auf der Bühne vor der Kinoleinwand – mit Vorliebe zu Filmen der Avantgardefilmgeschichte. So erlebte ich Live-Improvisationen zu Filmen von Marie Menken. Selbstverständlich kann es problematisch sein, wenn man beliebig Filme nimmt und sie vertont. Doch trifft John eine Auswahl an Filmen, zu denen er einen besonderen Bezug hat, und die den Dialog mit der Musik erlauben. Manchmal öffnet die Musik die Augen des Zuschauers, um den Film neu zu sehen. John Zorn choreografiert den imaginären Raum des Filmbilds.

Ich habe bei Notes on Marie Menken nicht nur fertige Filme, sondern auch Filmreste und nicht vollendete Filme von Marie Menken verwendet. Bei ihren Filmen gibt es teilweise Filmmusik, andere sind stumm. Manche Filme zeigte Menken mit Vertonung, manchmal entschloss sie sich auch erst später zu Musik, und zu manchen Filmen wünschte sie sich Musik, was sich aber unter anderem aus finanziellen Gründen nicht realisieren ließ, wie ich anhand von Briefen, die ich fand, belegen konnte.

Ich sehe es als Impuls von Menken selbst, ihr Material in einen Dialog zu setzen. Sie war immer mit der jüngeren Generation um sich verbunden. Da ich mich in meinem Film auch auf einer Interpretationsebene bewege, scheint es mir legitim, den Blick aus der Gegenwart zu machen. Ich verwende die Musik von John Zorn nicht illustrativ und habe ihr Raum in meiner Arbeit gelassen. Es wird deutlich, dass die Musik aus dem Heute kommt, obwohl manche Originalmusik von Teiji Ito zeitlos scheint. Hier verschwimmen die Grenzen. Ich selbst glaube, dass die Vergangenheit die Gegenwart ebenso wie die Gegenwart die Vergangenheit beeinflusst. Ich denke, dass John auch mit mir in einem einfühlsamen Dialog stand. Ich liebe den Soundtrack Bolex Dancing. Ich wollte schon immer Musik mit einer Bolex-Filmkamera! Ich ging in ein Tonstudio und nahm alle möglichen Geräusche der Bolex auf. John hat dann mit diesen Aufnahmen weitergearbeitet.

Bei Notes on Marie Menken war ich eine „one woman production“. John schreibt: „The process of composing music can only begin for me with the flash of inspiration.“ Das wünsche ich mir in einer kreativen Zusammenarbeit. Solche Freuden gab es einige bei Notes on Marie Menken. Dieser Film ist eigentlich „armes Kino“ ganz groß.