Nur für Personal

Filmkritik

Nur für Personal / Les femmes du 6ème étage

| Harald Mühlbeyer |

Großbürgertum trifft auf Dienstpersonal – eine Begegnung mit überraschenden Folgen.

Die Frauen aus der Bretagne sind out, als Dienstmädchen sind die Spanierinnen im Kommen, die sind sauber, immer verfügbar, selbst am Sonntag – welche Französin könnte das bieten! Die Damen der Pariser Großbourgoisie sind überzeugt, und Jean-Louis Joubert weiß das perfekte Dreieinhalb-Minuten-Ei zum Frühstück zu schätzen. Und auch Maria gefällt ihm außerordentlich gut, die junge Spanierin, die sich im Hintergrund seines Lebens um den Haushalt kümmert. Dass das Dienstpersonal in kleinen unbeheizten Kammern oben im sechsten Stock unterm Dach wohnt, mit Wasserhahn im Flur und verstopfter Gemeinschaftstoilette – daran wird kein Gedanke verschwendet, bis Monsieur Joubert zufällig einmal die enge, gewundene Hintertreppe hochsteigt. Und einer ganz neuen, ungeahnten Welt begegnet.

Er verliebt sich nicht nur in Maria, sondern in die ganze Gemeinschaft der Dienstmädchen: Pflicht, Ehre und Würde begegnen Lebensfreude, Herzlichkeit und Lebendigkeit, und alsbald wohnt er oben, in einer eigenen kleinen Stube. Während unten seine Ehefrau zur Erkenntnis kommt, dass sie in ihrem bisherigen formelhaften, prinzipientreuen, konventionell-bürgerlichen Leben eigentlich schon tot ist, und dass vielleicht jeder eine eigene kleine Kammer im sechsten Stock haben sollte. Womit die Moral des Films ausgesprochen wäre, der Regisseur Philippe Le Guay jede Szene widmet – und jede Filmfigur: Die grantige Concierge, die allmählich aufweicht; die kommunistische Spanierin, deren Kompromisslosigkeit nachlässt; die naiv-ignorante Ehefrau, die zur Einsicht kommt. Und natürlich Fabrice Luchini als Jean-Louis Joubert, der dem für ihn typischen Rollenfach des sanft lächelnden Großbürgers vollauf entspricht.

Wo aus der Reibung zweier Welten komödiantische Funken schlagen könnten, lädt die Begegnung der Gegensätzlichkeiten zum Kuscheln ein. Wo die Welt festgefahren ist – auch im Politischen, Anfang der Sechziger, mit De Gaulle in Frankreich und Franco in Spanien –, da reißt der Film zwar in kleinen Momenten Aufsässigkeit und Rebellion an, näht aber jeden Riss gleich wieder zu, um ja keinen Blick unter die Oberfläche zu bieten. Im Epilog, drei Jahre später, tritt eines der früheren Dienstmädchen als resolute Ehefrau auf, die ihren Mann streng unterm Pantoffel hält. Dass er mit diesem Witz sein Thema von der Angleichung der Unterschiede und von der Nivellierung der Hierarchien denunziert, merkt Le Guay nicht einmal.