Am 14. September feiert das Stephen-Sondheim-Musical „Sweeney Todd“ Premiere an der Wiener Volksoper. Direktor Robert Meyer im Gespräch über Operette und Musical, über Tim Burtons Verfilmung, über Helena Bonham Carter und über die Lust am abgrundtief Bösen.
Was hat Sie dazu bewogen, Stephen Sondheims „Sweeney Todd“ in den Spielplan aufzunehmen? Wie lange im Voraus müssen Sie so etwas planen?
Mit der Planung haben wir ca. zwei Jahre vor der Premiere begonnen. Das Musical-Repertoire der Volksoper besteht vorwiegend aus den Klassikern der vierziger bis sechziger Jahre: „My Fair Lady“, „Hello Dolly“, „Kiss me, Kate“ oder „Guys and Dolls“. „Sweeney Todd“ stammt aus dem Jahr 1979. Zeitlich liegt das nach Andrew Lloyd Webber, wo wir unsere Grenze gezogen haben. Aber „Sweeney Todd“ ist für mich kein reines Musical, sondern eher eine moderne Oper mit höchst anspruchsvoller Musik und mit einer tollen Geschichte. Es ist sehr schwer für Musical-Sänger, das einzustudieren, weil es keine gängigen Melodien hat. Oft geht die Gesangslinie weg vom Orchester. Das hat mich sehr gereizt. Wobei ich das Musical zunächst nicht kannte, aber unser Chefdramaturg Christoph Wagner-Trenkwitz lag mir schon lange damit in den Ohren. Eines Tages habe ich auf seinem Schreibtisch die DVD von dem Tim-Burton-Film entdeckt und nahm sie übers Wochenende mit. Mit dem Ergebnis, dass ich sie ihm mit den Worten: „Nur über meine Leiche“ wieder auf den Tisch legte. Der Film ist ein einziger Blutrausch, da spritzt das Blut meterweit. Die Musik von Stephen Sondheim kommt einfach nicht rüber. Sie wirkt im Film eher wie ein Klangteppich. Und wenn ich ganz frech sein darf, gibt es auch eine ganz krasse Fehlbesetzung, nämlich Helena Bonham Carter. Ich weiß, der Regisseur ist ihr Mann. Das ist immer gefährlich. Aber Mrs. Lovett ist keine junge, hübsche Frau, sondern eine schrullige ältere Dame. Außerdem hat das Stück einen ganz feinen schwarzen, britischen Humor, der im Film viel zu kurz kommt. Jedenfalls sagte Wagner-Trenkwitz: „Ich verstehe dich, aber du musst dir das Stück anschauen.“ Also flogen wir beide nach London und schauten uns „Sweeney Todd“ im Westend an. Ich war begeistert. Und jetzt ist es soweit. Wir hatten soeben die erste große Probe mit dem Orchester, und am 14. September kommt das Kind zur Welt.
Heißt das, dass Sie dem Film von Tim Burton gar nichts abgewinnen können?
Doch, doch, kann ich natürlich. Aber wenn man den Film sieht, hat man Schwierigkeiten, sich das Ganze auf der Bühne vorzustellen. Der Chor kommt im Film kaum zur Geltung, aber auf der Bühne ist er natürlich ganz wichtig. Mathias Fischer-Dieskau hat ein großartiges Bühnenbild gebaut. So einen Wahnsinn haben wir selten auf der Bühne gehabt, das ist auch technisch ungeheuer anspruchsvoll. Es sieht aus wie in einem riesigen Maschinenraum, mit gigantischen Schrauben, alles dreht sich und dreht sich in sich. Und natürlich gibt es unten die Pastetenbäckerei und oben, im 1. Stock, den Frisiersalon mit dem berühmten Sessel, der ja auch eine Hauptrolle spielt, vor allem nach der Pause. Das funktioniert ganz wunderbar. Ich bin selber schon gerutscht, weil ich ja den bösen Richter Turpin spiele.
Warum haben Sie sich entschlossen, die Rolle zu übernehmen?
Ich spiele sehr gerne Rollen, die anders sind, als das, was ich sonst spiele. Richter Turpin ist der Verursacher dieses ganzen Leids: Vor 15 Jahren hat er Benjamin Barker verbannt, vermutlich nach Australien, weil er auf seine Frau scharf war. Er vergewaltigt die junge Frau, die alleine mit einem Baby zurückgeblieben ist, vor einer riesigen Freundesschar. Daraufhin wird sie wahnsinnig. Er geht über Leichen. Das ist eine gnadenlose Szene, auch auf der Bühne. Dann kommt Barker zurück und sinnt auf Rache. Und Turpin ist um keinen Deut besser geworden. Das kleine Mädchen hat er eingesperrt und ist nur geil auf sie. Er hat vor, sein eigenes Mündel zu heiraten, um sie vor den „Schlechtigkeiten“ dieser Welt zu bewahren. Er ist wirklich ein ganz mieser Typ. Und es gibt für einen Schauspieler nicht Schöneres, als das abgrundtief Böse zu spielen.
Das ist für mich eine Schwachstelle an dem Film, dass Alan Rickman den Richter gar so unterkühlt spielt, schon böse, aber doch sehr zurückgenommen…
Ich kann mich gar nicht so sehr daran erinnern. Es gibt noch eine schlimme Szene, wo er sie sieht und sich dann selbst auspeitscht, weil er dabei erotische Gefühle hat, und dann stellt er sich als ihr zukünftiger Bräutigam vor. Das ist so grausam, so abstoßend. Aber toll geschrieben.
Wie erarbeitet man bei den Proben ein Musical? Wie kann man sich das vorstellen?
Die eigentliche Probenzeit beträgt nur sechs bis sieben Wochen. Deshalb studieren die Sängerinnen und Sängern lange vor Probenbeginn die Rollen mit Korrepetitoren ein. Genauso macht es der Chor mit dem Chorleiter. Das heißt, wenn die Proben beginnen, müssen die Künstlerinnen und Künstler komplett „studiert“ sein. Dort erst die Rollen zu lernen, dafür ist es zu spät. Dann wird auf der Probebühne das Bühnenbild so einigermaßen nachgestellt, und dann tasten wir uns langsam vor. Irgendwann kommt der feierliche Moment, in dem die Solisten und der Chor zum ersten Mal mit dem Orchester zusammentreffen. Das Tolle an der Volksoper ist, dass nicht wie am Broadway oder im Westend 20 Musiker im Orchester sitzen sondern 56 Musiker, und die sind auch nicht überdeckt. Ich habe amerikanische Freunde, die große Musical- und Operfans sind, und die sind jedes Mal völlig begeistert, wenn sie unser Riesenorchester im Graben sehen. Im Programmheft vom Londoner Westend sind die Musiker einzeln aufgeführt. Das sind zwanzig Personen, zwei Erste Geigen und eine Zweite. Wir haben acht Erste und acht Zweite und sechs Celli. Das „fährt“! Da muss man natürlich aufpassen, dass man die Sänger oben auf der Bühne auch noch hört. Und dafür singen wir mit Mikroports.
Sie haben ja auch zwei ausgesprochene Musical-Spezialisten als Regisseur und als Dirigent…
Matthias Davids, unser Regisseur, leitet im neuen Linzer Musiktheater die Musicalabteilung. Er hat an der Volksoper 2002 „Anatevka“ gemacht, eine sehr schöne Arbeit, die wir auch wieder aufnehmen werden. Joseph R. Olefirowicz, ein polnischstämmiger Amerikaner, hat bei uns schon „Guys and Dolls“ und eine konzertante Aufführung von Bernsteins „Candide“ dirigiert.
Was können Sie zur Besetzung sagen? Wenn Sie sagen, Helena Bonham Carter sei eine Fehlbesetzung…
Sie ist meiner Meinung nach zu jung … Unsere Mrs Lovett, Dagmar Hellberg, die die Rolle auch schon gesungen hat, ist eine Vollblutkomödiantin. Das braucht man für diese Rolle: Sie ist eine Pastetenbäckerin, und weil das Fleisch so teuer ist, schmiert sie alles auf die Pasteten, auch Kakerlaken und dergleichen. Als Sweeney Todd bei der Tür hereinkommt, ruft sie ganz entzückt: „Kundschaft!“ weil sonst nie jemand kommt. Da ist Dagmar Hellberg einfach großartig. Unser Sweeney Todd ist Morten Frank Larsen, ein Opernsänger. „Sweeney Todd“ ist, wie ich schon sagte, wie eine moderne Oper. Tatsächlich ist das Werk auch an großen Opernhäusern gespielt worden, z.B. in London in Covent Garden. Ich habe es 300 Meter weiter im Adelphi gesehen. In Chicago und Los Angeles wurde Sweeney Todd zur Gänze mit Opernsängern besetzt. Wobei Opernsänger nicht gerne Musical singen, nicht, weil es ihnen zu niedrig ist, sondern weil es eine andere Art zu singen ist. Sie fürchten, dass sie ihre Operngesangstimme dadurch kaputtmachen könnten. Wir haben ein gemischtes Ensemble: Patricia Nessy als Bettlerin kommt vom Musical, Vincent Schirrmacher als Pirelli hat auch schon den Cavaradossi in der „Tosca“ gesungen hat, Anita Götz als Johanna ist eine ganz junge Sängerin aus dem Haus, Alexander Pinderak als Anthony singt auch Oper und Operette und Tom Schimon als Toby hat bei uns schon Sondheim („Die spinnen, die Römer!“) gesungen hat. Der Büttel ist Kammersänger Kurt Schreibmayer, der nach „Kiss Me Kate“ und „My Fair Lady“ wieder Musical singt. Also eine wilde Mischung, aber das funktioniert sehr gut.
Wie wird das, sagen wir einmal, eingesessene Volksopern-Publikum reagieren?
Da bin ich auch sehr neugierig. Das Stück hat ja diesen wunderbaren britischen Humor, und in London wurde sehr viel gelacht, jedenfalls bis zu dem Punkt, wo es wirklich nichts mehr zu lachen gibt.
Stephen Sondheim selbst hat ja von einer „tiefschwarzen Operette“ gesprochen. Was heißt das genau? Hat er einen anderen Operettenbegriff als wir hier in Wien?
Ich nehme an, er hat auch gemerkt, dass er kein Musical geschrieben hat, davon ist es ganz weit weg. Das ist sehr fein gebaut und komponiert. Manche Musicals haben sehr einfache Melodien. Hier haben wir sogar ein Leitmotiv, das sich durch das ganze Stück zieht, fast wie in der Oper. Fast jede Figur verwendet dieses Motiv: „Johanna!“ (singt). Das ist toll. Ich glaube, dass Sondheim deswegen von einer Operette spricht und nicht von einem Musical.
Filmmusik kommt ja auch vor, Zitate aus Psycho etwa.
Ja, Filmmusik, Oper, es ist einfach eine tolle Mischung.
Wie geht man auf der Bühne mit der zweifellos vorhandenen Gewalt in dem Stück um?
Wir haben diesmal ausnahmsweise eine Altersbeschränkung – ab zwölf Jahren.
Ab zwölf schon? Nun gut, bei Ihnen wird das Blut nicht so spritzen wie im Film.
Ja, erstens das, und schauen Sie sich an, was im Fernsehen läuft, da spritzt das Blut viel mehr, und die Kids sitzen ziemlich ungerührt davor. Und Sie dürfen nicht vergessen, der Film ist einfach sehr düster, viel düsterer als das Stück.
Was glauben Sie, ganz grundsätzlich gesprochen, macht die Faszination von Musical aus, das ja seit Jahren boomt, egal wie und egal wo? Wo genau ist denn der feine Unterschied zur klassischen Operette?
Die Operette hat ein altmodisches Image, aber das hat sie schon seit gut 60 Jahren. Sie erreicht junges Publikum nicht in dem Ausmaß, wie sie es sollte. Ich selbst fand diese ZDF-Operettenverfilmungen Anfang der siebziger Jahre so schrecklich, dass ich lange in keine Operette gegangen bin. Das Musical ist wohl die Folgeform der Operette. An der Volksoper, wo wir vier Sparten, also Oper, Operette, Musical und Ballett, spielen, hat das Musical den größten Erfolg. Da gehen verstärkt jüngere Leute hinein. Das ist eine Musik, mit der sie etwas anfangen können. Musical ist meistens sehr schwungvoll, mit einer fetzigen Musik, wenn auch für meinen Geschmack an den meisten Häusern – bei uns nicht – viel zu laut aufgedreht wird. Und es gibt nicht diese Schwellenangst, die viele bei der Oper haben, obwohl es dafür eigentlich auch keinen Grund gibt. Man muss ja nicht gleich mit dem „Ring des Niblungen“ anfangen.
Welche weiteren Musical-Pläne haben Sie?
Wir versuchen, jedes Jahr ein neues Musical aufzuführen, und die, die wir schon länger nicht im Repertoire hatten, nehmen wir gerne wieder auf. „Guys and Dolls“ werden wir im Jänner nach zwei Jahren Pause wieder spielen. So bauen wir unser Musical-Repertoire sukzessive auf. Der größte Renner bei uns ist „My Fair Lady“, das steht seit gut 35 Jahren auf dem Spielplan. Und jetzt bin ich sehr, sehr gespannt, wie diese Blutoper „Sweeney Todd“ in Wien ankommt.
Stephen Sondheim und „Sweeney Todd“
Stephen Sondheim, geboren 1930 in New York. Musikstudium am Williams College in Williamstown, Massachussetts. 1957 schrieb er die Texte zu Leonard Bernsteins „West Side Story“, 1962 sein erstes eigenes Musical „A Funny Thing Happened on the Way to the Forum“, das 1966 verfilmt wurde. In der Folge entstanden zahlreiche sehr erfolgreiche Musicals, darunter „Company“ (1970), „A Little Night Music“ (1973), „Sunday in the Park with George“ (1984), „Into the Woods“ (1987) und „Bounce“ (2003). Sondheim erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter auch einen Academy Award für seinen Song „Sooner or Later“ aus Warren Beattys Dick Tracy (1990) und den Pulitzer-Preis (Drama) für „Sunday in the Park with George“. „Sweeney Todd“ (Buch: Hugh Wheeler) wurde am 1. März 1979 unter der Regie von Harold Prince am Broadway uraufgeführt, ein Jahr später auch in London. Stephen Sondheim wird zur Premiere in Wien anwesend sein.
