Ralph Fiennes Nurejew - The White Crow

Nurejew – The White Crow | Interview

Jekyll & Hyde

| Pamela Jahn |
Rudolf Nurejew war ein Jahrhunderttänzer und der erste sowjetische Künstler, der sich auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges in den Westen absetzte. Ralph Fiennes beleuchtet in seiner dritten Regiearbeit die Anfänge des Ballett-Genies. Ein Gespräch über russische Eigenheiten, zwiespältige Charaktere und darüber, warum wir nicht alle zum Gott geboren sind.

Es gibt nicht viele Menschen, denen Shakespeare in die Wiege gelegt wurde, die beiläufig „Julius Caesar“ zitieren wie andere übers Wetter reden, und den kompletten Hamlet aus dem Stegreif zusammenbringen. Noch seltener sind die, die seine Stücke nicht nur spielen, sondern die Werke zudem selbst adaptieren und inszenieren. Und dann gibt es Ralph Fiennes, der all das kann und überhaupt nur wegen Shakespeare Schauspieler geworden ist. In den achtziger Jahren machte sich der stets eloquente, stets zuvorkommende Brite zunächst auf den großen heimischen Bühnen einen Namen. Anfang der Neunziger kam er zum Film, spielte in einer Verfilmung von Wuthering Heights (1992) an der Seite von Juliette Binoche und wurde kurz darauf als SS-Hauptsturmführer Amon Göth in Steven Spielbergs Schindler’s List (1993) berühmt, bis er drei Jahre später für seine Rolle des gebrochenen Grafen Almásy in The English Patient eine Oscar-Nominierung erhielt. Dass er 2011 schließlich selbst hinter die Kamera trat, ist erneut Shakespeare geschuldet, denn Fiennes hatte sich nun einmal in den Kopf gesetzt, dessen vielleicht sperrigstes Stück „Coriolanus“ in einer modernen Version auf die Leinwand zu bringen. Und wie in seinem Debüt übernahm er auch in seiner zweiten Regiearbeit die Hauptrolle, diesmal als Charles Dickens, der sich in The Invisible Woman (2013) in eine Romanze mit einer jungen Schauspielerin verstrickt.

In seinem dritten Film tritt Fiennes nun erstmal auch vor der Kamera einen Schritt zurück, um dem Sujet entsprechend einem Newcomer auf der Leinwand die Aufmerksamkeit zu schenken, die er verdient. Der aus der Ukraine stammende Ballett-Tänzer Oleg Ivenko spielt in Fiennes The White Crow eines seiner großen Vorbilder: Rudolf Nurejew. Der wurde einst nicht nur als der größte sowjetische Ballettstar seiner Generation gefeiert, sondern auch als ein Held des Kalten Krieges, nachdem er Anfang der Sechziger in einem spektakulären Befreiungsakt die sowjetische Heimat hinter sich ließ, um im Westen seine Weltkarriere zu starten.

Als Mitglied des Leningrader Kirow-Balletts kommt der junge Nurejew 1961 nach Paris, lernt die Stadt, neue Freunde und die Kunst und Kultur Frankreichs kennen und lieben. Dem russischen Geheimdienst ist er allein deshalb ein Dorn im Auge, doch es ist der impulsive Charakter des jungen Hitzkopfs, der ihn schließlich in eine Sackgasse führt, aus der es nach Ansicht des KGB nur einen Ausweg geben kann: die Zwangsrückkehr nach Moskau. Fiennes selbst übernimmt in seinem nuancierten Drama mit Thriller-Potenzial die Rolle des Ballettmeisters Alexander Iwanowitsch Puschkin, der den jungen, ungestümen Tänzer unter seine Fittiche nimmt und damit bald auch sein eigenes Privatleben einigermaßen aus dem Gleichgewicht bringt. Für Fiennes eine Paraderolle, in der er meisterlich seine sanfte Seite zum Ausdruck bringt, während Ivenko sein Debüt vor der Kamera nicht nur aus tänzerischer Sicht spielend meistert.

 

Mister Fiennes, woher rührt Ihre Faszination für die russische Kunst und Kultur?
Ralph Fiennes: Ich bin zum ersten Mal Ende der Neunziger nach Russland gefahren, mit einer englischen Produktion von Anton Tschechows „Iwanow“. Wir traten damals im Maly-Theater in Moskau auf, und allein das war schon extrem beeindruckend. Meine Schwester Martha war bei der Reise ebenfalls dabei und fing bereits an, für unsere Filmversion von „Eugen Onegin“ mögliche Drehorte ausfindig zu machen. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie ich mich erst in Moskau, dann in St. Petersburg verliebte: Die Atmosphäre, die Museen, die Menschen, all das habe ich in mich aufgesogen, so gut ich konnte. Ganz speziell aber hat es mir die russische Literatur des 19. Jahrhunderts angetan. Ich kann nicht behaupten, dass ich mich damit auch nur annähernd genug auskenne, geschweige denn mit russischer Literatur im Allgemeinen. Aber was mich schon immer fasziniert hat, ist die Tatsache, dass Unterhaltungen im Russischen immer sehr schnell sehr intensiv werden. Gerade denkt man noch, man führt ein bisschen Smalltalk, da geht es bereits ums Ganze. Die Leute reden über existenzielle Dinge, über den Sinn des Lebens, über Glauben, Liebe und Tod. Wir haben damals große Diskussionen geführt, richtige Debatten darüber, warum Tatjana Onegin ablehnt. Und die Gespräche waren so tief und so ernst, wie man bei uns vielleicht nur über Politik redet. Das hat mir imponiert, dieser enge Bezug zu den Ideen, zu Werten und zum Sinn des Lebens.

Haben Sie damals auch begonnen, die Sprache zu lernen?
Ralph Fiennes: Mein Russisch ist sehr holprig. Über die Jahre habe ich immer mal wieder Unterricht genommen, und wenn ich ein paar Tage dort bin, wird es besser. Aber es war harte Arbeit für mich, die Sprache im Film auf diesem Niveau sprechen zu können. Ich habe extrem lange geprobt.

Proben ist ein gutes Stichwort. Auch Ballett hat ja in erster Linie sehr viel mit Disziplin und mit Training zu tun. Und die Magie, die später beim Tanzen auf der Bühne entsteht, lässt sich mit der Kamera nicht so leicht einfangen. Wie sind Sie an die Umsetzung herangegangen?
Ralph Fiennes: Sie haben vollkommen recht. Und man muss dazu sagen: Ich habe den Film nicht aus einer Leidenschaft für den Tanz heraus gemacht. Mir ging es um Nurejew als Person, als Charakter. Ich habe Ballett als Kunst schätzen und lieben gelernt, aber ich war nervös, was die Tanzszenen im Film betrifft, weil ich keine Ahnung hatte, wie man so etwas richtig filmt, damit es echt wirkt und die Leute bewegt. Also habe ich mich mit einer Schar von Ballettmeistern und Choreografen umgeben, die mir geholfen haben zu verstehen, worauf man achten muss.

Zum Beispiel?
Ralph Fiennes: Sehen Sie, ich bin mit Drama aufgewachsen und ich bin relativ sicher darin, eine dramatische Szene mit Schauspielern zu erarbeiten. Das habe ich gelernt. Aber ich musste mich auf andere Leute verlassen, wenn es darum ging, wie Oleg im Tanz wirklich Höchstform erreichten konnte. Leute, die mir sagten, wenn etwas nicht stimmte. Wenn er zum Beispiel einen Tick zu langsam war, wenn er hinter der Musik lag. Für „normale“ Augen und Ohren ist das kaum zu erkennen.

Was haben Sie in Nurejew gesehen, dass Sie nicht mehr losgelassen hat?
Ralph Fiennes: Seine Geschichte. Das Überlaufen Rudolf Nurejews in Paris hat mich schon jahrelang beschäftigt, lange, bevor ich überhaupt angefangen habe, selbst Regie zu führen. Sein starker Wunsch nach Freiheit und danach, seinem Talent zu folgen, hat mich inspiriert. In diesem Moment kam für ihn so viel zusammen. Da ist ein überaus begabter und ehrgeiziger junger Mann, der eine Lebensentscheidung treffen muss, weil er aufgrund seiner impulsiven Persönlichkeit den sowjetischen Behörden auffällig geworden ist. Der einerseits alles dafür gibt, ein großer Künstler, ein großer Tänzer zu werden. Und der sich schließlich entscheiden muss zwischen zwei Ideologien, der alles auf eine Karte setzt und mit seiner Flucht ein großes Risiko eingeht. Die Tatsache, dass er als Mensch durchaus auch unsympathisch sein konnte, dass er beleidigend sein konnte und zugleich angreifbar war, das alles hat ihn für mich als Figur nur noch interessanter gemacht. Aber ich musste die Geschichte erst zwanzig Jahre vor mir hergetragen, bis daraus jetzt endlich ein Film wurde.

Sie haben die Hitzköpfigkeit angesprochen, die Rudolf Nurejew neben seinem großen Talent bereits als junger Mann besaß. Haben Sie sich mit Oleg Ivenko bewusst für jemanden entschieden, bei dem sich die sanfte und die stürmische Seite vielleicht etwas mehr die Waage halten als bei der wahren Person?
Ralph Fiennes: Es ist wirklich interessant, dass Sie das so sehen. Vielleicht schon. In jedem Fall war es keine leichte Aufgabe, die Rolle zu besetzen. Und ich habe niemanden außer Oleg getroffen, der auch nur annähernd an den jungen Rudi herankam, so wie ich ihn mir vorstellte. Darüber hinaus darf man natürlich nicht den Fehler machen, den jungen mit dem alten Nurejew gleichzustellen, der vor allem für sein mitunter extrem aggressives Verhalten bekannt war. Der junge Nurejew konnte sehr schüchtern sein. Er war nicht immer nur ein Großmaul und ein Angeber. Und David Hare und mir ging es nicht darum, den monströsen Nurejew zu zeigen, der in den Sechzigern im Westen zum großen, aber unausstehlichen Ballettstar wurde. Uns interessierte der junge aufstrebende Tänzer mit der Sehnsucht im Blick, der von Zeit zu Zeit von seiner Enttäuschung, seiner Wut, seiner Leidenschaft übermannt wird. Und für mich ist in Oleg all das zusammengekommen.

Hatten Sie Bedenken, einen Tänzer und keinen professionellen Schauspieler mit der Hauptrolle zu besetzen?
Ralph Fiennes: Keine Frage. Ich konnte im Voraus ja nicht wissen, ob und dass es funktioniert. Meine Intuition hat mir gesagt, er ist die richtige Wahl, und ich habe fest daran geglaubt. Aber ich kann nicht behaupten, dass es im Vorfeld nicht auch Momente gab, in denen ich Angst hatte, einen Fehler gemacht zu haben. Er mag ein erstklassiger Tänzer sein, aber er hat keinerlei Filmerfahrung, und wir haben nur wenig proben können. Natürlich fragt man sich da als Regisseur, was mache ich, wenn er dem Druck, vor der Kamera zu stehen und zu filmen, einfach nicht standhält? Aber dann, am ersten Tag am Set, haben wir die Szene gedreht, in der er vor dem Louvre in ein Croissant beißt und die Putzfrau nach der Öffnungszeit fragt. Und ich weiß, es klingt total nach Klischee, aber in dem Moment haben wir alle aufgeatmet, weil klar war, dass er auch das Zeug zu einem großen Schauspieler hat.

Der junge Nurejew war ein Außenseiter. Ist das etwas, was Sie mit ihm verbindet?
Ralph Fiennes: Ja, definitiv. In der Schule habe ich mich auch immer als Außenseiter gefühlt. Ich war nie gut im Sport. Ich war nie jemand, der sich instinktiv sofort irgendeiner Clique anschloss. Ich habe mich immer als anders empfunden. Ich hatte Freunde, das schon. Aber jedes Mal, wenn ich versucht habe, irgendwo dazuzugehören, wurde ich abgelehnt. Ich weiß auch nicht, warum. Erst als ich mit achtzehn an die Kunstakademie kam, wurde es besser. Da war die Atmosphäre eine ganz andere, und ich habe mich auf Anhieb freier gefühlt. Ich hatte das Gefühl, endlich mehr Kontrolle über mein Leben zu haben. Die Schulzeit kam mir eher wie eine lange Warteschleife vor. Warten darauf, dass es endlich richtig losgeht mit dem Leben.

Sie sagen, Sport war nicht Ihre Sache. Haben Sie es in Ihrer Kindheit auch mal mit Tanz versucht?
Ralph Fiennes: Nein, um Himmels willen. Ich bin ein wirklich miserabler Tänzer. Ganz schlimm.

Wofür haben Sie sich begeistert?
Ralph Fiennes: Fürs Zeichnen. Ich habe das Zeichnen geliebt. Bis ich entdeckt habe, dass ich eine gewisse Sicherheit im Sprechen aufwies und gut darin war, dramatische Texte vorzutragen. Mir fiel es relativ leicht, in der Klasse vor allen anderen Shakespeare zu rezitieren. Andere Jungs sind gut im Rugby oder sie haben ein Faible für Naturwissenschaften. Bei mir war es eben Shakespeare. Er war der Grund, weshalb ich überhaupt Schauspieler werden wollte.

Im Film spielen Sie Alexander Puschkin, Nurejews Lehrer. Denken Sie, dass vieles im Leben davon abhängt, ob man den richtigen Lehrer trifft, der einen fördert und in die richtige Richtung schiebt?
Ralph Fiennes: Unbedingt. Da muss ich sofort an meine Zeit an der Royal Academy of Dramatic Art denken. Dort hatte ich eine großartige Bewegungslehrerin. Was sie wohl heute macht? Sie unterrichtete Bewegung nicht als Tanz, aber angelehnt ans Tänzerische. Und sie benutzte Taiji-Techniken. Sie lehrte uns Bewegung auf eine Art und Weise, die sich nicht unmittelbar auf eine Rolle in einem Theaterstück anwenden lässt. Es ging vielmehr darum, den eigenen Körper verstehen zu lernen und darüber einen Weg zu finden, wie man den Körper als Ausdrucksmittel auf der Bühne und im Hinblick auf die Figur einsetzen kann.   

Man hat den Eindruck, dass Sie ein sehr überlegter, eher zurückhaltender Mensch sind. Gibt es auch den ungestümen Ralph Fiennes?
Ralph Fiennes: Nicht wirklich. Ich kann zwar schon auch mal harsch und rücksichtslos sein, aber dann überfallen mich sofort Schuldgefühle, und ich bekomme ein schlechtes Gewissen. Manchmal wünschte ich, ich würde mich etwas weniger leicht schuldig fühlen. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich wäre nicht gern dabei gewesen, wenn Nurejew einen seiner Ausbrüche hatte. Aber es hat auch etwas Reizvolles. Er kommt mir manchmal fast wie ein griechischer Held vor. Wie eine Inkarnation von Achilles. Wir sind fasziniert von solchen Menschen, weil wir selbst nicht so sind, weil wir nie so sein können. Ich für meinen Teil bin dafür auch viel zu vorsichtig. Ich zögere viel zu lange. Und ich habe immer Angst, dass ich irgendjemandem mit dem, was ich sage oder tue, auf die Füße treten könnte. Aus mir wird also auch nie ein Gott werden.