Obwohl die Unterschiede in Genre, Stil und Sprache nicht größer sein könnten, findet sich einmal offensichtlicher, einmal versteckt, ein Thema in fünf österreichischen Filmen, die in den kommenden Wochen ihren Kinostart feiern.
Eine Perspektive, die man oft sehen, aber selten in dieser Form wahrnimmt, präsentiert Thank You for Bombing, nämlich die Perspektive der Kriegsberichterstatter. Anhand dreier Geschichten erzählt Barbara Eder über die Dämonen und die Nebenwirkungen, die dieser Job mit sich bringt. Protagonisten sind ein alter Hase im Journalistenbusiness, den der Balkankrieg in mehrfacher Hinsicht verfolgt, eine junge Journalistin, die sich in einer männerdominierten Machowelt behaupten muss und ein Berichterstatter, für den Krieg nur noch ein Geschäft ist. Krieg stumpft ab und lässt einen nie wieder los, sowohl die Reporter, als auch die Soldaten oder die Menschen, die im Kriegsgebiet leben. Jeder versucht durchzukommen, auf seine Weise vom Krieg zu profitieren. Man wirft Prinzipien über Bord, manipuliert, wenn es dabei hilft eine gute Story zu bekommen. Für die Emotionen der Lieben, die man daheim zurück gelassen hat ist man immer unempfänglicher, die friedliche Welt zuhause ist nicht nur geographisch weit entfernt.
Eine ganz andere Form von Krieg führen die modernen Kreuzritter in Daniel Hoesls WINWIN. Ihre Religion ist der Kapitalismus, ihre Heiligtümer Geld und Wachstum. In diesem puristisch gestalteten Film bewegen sich drei Investoren, die von Unternehmern, Politik und Gewerkschaften gleichermaßen als Retter der westlichen Welt gefeiert werden, durch eine absurd zugespitzte Welt. Bestechung, Absprachen unter der Hand und auswendig gelernte, hölzern herunter geratschte Floskeln stehen an der Tagesordnung. Die seelenlosen, austauschbaren Wirtschaftsjünger versuchen zwar, durch Freizeitaktivitäten und stylisches Essen interessanter zu wirken, doch die Selbstoptimierung reicht nicht bis zur eigenen Moral. Hoesl gelingt ein Film, der auf absurde, tragikomische Weise die wahnsinnigen Auswüchse des Kapitalismus aufzeigt. Dass unser westliches Wirtschaftssystem nicht nur Börsenkriege, sondern auch tatsächliche Kriege auslöst, spielt bei Angela Summereders Dokumentarfilm Aus dem Nichts eine Rolle. Die Kriege im Mittleren Osten etwas dienten unter dem Deckmantel der Terror- oder Rebellenbekämpfung hauptsächlich nur einem Ziel: dem Erschließen und Erobern von Ölquellen. Angesichts des Kampfes um die Ressourcen ist es nicht verwunderlich, dass Wissenschaftler auf der ganzen Welt nach neuen Energiequellen suchen. Eine dieser Möglichkeitenist die Raumenergie, die auf der These beruht, dass man mit einem entsprechenden Gerät unendliche, im Raum frei vorhandene Energie schöpfen könnte. Summereders Startpunkt befindet sich in Aurolzmünster in Oberösterreich, wo Carl Schappeller über seine Tochter, die er als Medium bezeichnete, Botschaften verbreitete und eine Raumenergiemaschine entwickelte. Das Prinzip der Raumenergie zählt bis heute zum Gebiet der Parawissenschaften, begleitet von Verschwörungstheorien und Widersprüchen. Ob man an der tatsächlichen Machbarkeit sich zweifelt, mag jedem Zuschauer selbst überlassen bleiben, wobei der Film recht einseitig an das etwas abstruse Thema herangeht. Was jedoch eher störend wirkt, ist die unstete Filmsprache. Zu Beginn verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Rückblende, was an sich eine sehr schöne Idee ist, doch der Rückblick wird durch Zeitlupen und andere Effekte verfremdet, was nicht so Recht zur restlichen stringenten Erzählweise des Filmes passt. Auch die Erklärung der Funktionsweise der Raumenergie bleibt etwas schwammig, was zusätzlich skeptisch macht.
Ebenfalls mit Verschwörungstheorien, diesmal jedoch mit beweisbaren, beschäftigt sich der Dokumentarfilm A Good American. Der 11. September 2001 diente den USA als Rechtfertigung für den Kampf gegen den Terror. Doch hätte der Anschlag auf das World Trade Center verhindert werden können? Wenn es nach Bill Binney, Whistleblower und ehemaligem NSA-Mitarbeiter geht, lautet die Antwort: Ja. Binney, ein brillanter Code-Breaker entwickelte nach dem Ende des Kalten Krieges gemeinsam mit anderen Metadaten-Experten das Programm „ThinThread“, das in der Lage ist, aus der schier unendlichen Menge an Daten die täglich im Umlauf sind, bestimmte Muster zu filtern, die auf kommende Ereignisse hinweisen. Dieses System hatte sich bereits bei der Vorhersage von sowjetischen Aktionen bewährt, doch Binney wurde in seinem Schaffen immer mehr sabotiert und ins Abseits gedrängt. Wie so oft in der Geschichte effektiver Ideen, wurden Binney und seine Mitstreiter Opfer von Ego- und Machtbesessenheit. A Good American ist ein packender Doku-Thriller, der sowohl inhaltlich, als auch stilistisch durch umfangreiche Recherche, detailreiche Feinarbeit und eine aufschlussreiche Erzählweise überzeugt.
Abseits vom Krieg der Daten führt uns ein besonders gelungener Film hin zum Ende des Zweiten Weltkrieges und den Erinnerungen an das Ende desselbigen. Christine Nöstlingers Roman „Maikäfer, flieg!“ ist weit über die Grenzen Österreichs bekannt und erzählt die Geschichte der neunjährigen Christl, die kurz vor Ende des Krieges mit ihrer Mutter und ihrer Schwester in die Villa jener Nazi-Gattin flieht, für die ihre Mutter als Bedienstete gearbeitet hat. Gemeinsam mit der Besitzerin und dem desertierten, verwundeten Vater harrt man in dem Versteck der Dinge die da kommen, denn das Ende des Krieges bringt die nächste Ungewissheit: die Rote Armee marschiert ein und eine Kompanie macht sich in der Villa breit. Während man versucht miteinander auszukommen, freundet sich Christl mit dem Koch der Truppe an. Mirjam Unger hat dieses vielschichtige Kinderbuch nun verfilmt, das von den drei Hauptdarstellern auf großartige Weise getragen wird Zita Gaier als Christl, der störrische Dickschädel mit dem großen Herz, Ursula Strauss als Mutter, die in ungewissen Zeiten ohne Struktur versucht ihre Töchter zu erziehen und die sich zwischen Haushalt, Angst und Ungewissheit auch gerne wieder einmal als Frau fühlen würde und schließlich Gerald Votava, der den müden, resignierten Vater gibt, der es satt hat sich ständig vor irgendjemandem zu verstecken. Sie erwecken diese Geschichte über die Orientierungslosigkeit, die unterschiedlichen Herangehensweisen an die neue Machtsituation und die grenzüberschreitende Kraft der Freundschaft auf wunderbare Weise zum Leben. Maikäfer, flieg! Wurde als Eröffnungsfilm der diesjährigen Diagonale ausgewählt.
