Die Diagonale-Intendanten Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber im Gespräch.
Zum ersten Mal leiten die beiden Oberösterreicher Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber, die gemessen am Durchschnittsalter österreichischer Kultur-Oberhäuptlinge geradezu Jünglinge sind, das Filmfestival Diagonale. Zwar werden sie das Festival-Rad nicht neu erfinden können, aber sie bringen definitiv einiges an Schwung und unverbrauchter Energie mit, was der Branche insgesamt nur guttun kann. Ein ausführliches Gespräch über die österreichische Filmlandschaft, über Festivalpolitik, über den Standort Graz und über das Feuer, das sie entfachen wollen.
Warum habt ihr euch dafür entschieden, mit dem Film Maikäfer flieg zu eröffnen?
Peter Schernhuber Was wir an dem Film gut finden, ist, dass er eine extrem starke Haltung hat. Im Gegensatz zu anderen Filmen, die historische Begebenheiten behandeln, hat er eine klare politische, antifaschistische Einstellung. Das macht den Film einzigartig, abgesehen davon, dass er rasend schön fotografiert ist.
Sebastian Höglinger Er hat auch die Breite, wie sie für einen Eröffnungsfilm wichtig ist. Es stellt sich ja immer die Frage, wie man sich positioniert und wie weit man in Richtung experimentellerer Formate geht. Insofern hat sich das gut getroffen, weil wir den Film persönlich sehr gerne zeigen wollten, weil die meisten sehr gut über Christine Nöstlinger Bescheid wissen und es auch eine konkrete Verbindung in unserer eigenen Biografie gibt, da wir die Arbeiten von Mirjam Unger sehr schätzen und so auch die Pop-Kultur ins Spiel kommt. Es ist auch Teil unseres Programm-Konzepts, diese Klammern zu setzen, und der Kreis schießt sich mit der Würdigung von Gabriele Kranzelbinders Schaffen, die auch den Eröffnungsfilm produziert hat.
Die Entscheidung für Gabriele Kranzelbinder ist auf jeden Fall sehr interessant und setzt ein Signal, da es sich um eine jüngere und keine etablierte, alteingesessene Produzentin handelt.
PS Ein Aufhänger für die Entscheidung war die Tatsache, dass Österreich ein Land des Autorenfilms ist. Gabriele Kranzelbinder hat auf der einen Seite ein sehr breites Potpourri an Filmen in ihrem Portfolio, von preisgekrönten Dokumentarfilmen über aus blühenden Nischen strahlende Spielfilme bis hin zu innovativem Kino. Auf der anderen Seite steht aber auch eine große Treue den Regisseurinnen und Regisseuren gegenüber, die sie über die Jahre als Produzentin begleitet hat. Diese Art zu produzieren empfinden wir als einen sehr wünschenswerten Zustand, dass Produktion und Regie im Sinne des Filmprojekts an einem Strang ziehen und sich nicht als Feinde gegenüber stehen.
SH Es geht uns mit der Diagonale auch darum zu fragen: Was ist der österreichische Film und was fängt man mit diesem Label an? Eines, worauf man immer wieder kommt, wenn man danach fragt, was dieses Kino so besonders macht, ist die Vielfalt. Das ist auch immer wieder einer der Hauptgründe, warum Menschen aus allen Teilen der Welt nach Graz kommen, und diese Vielfalt lässt sich in Gabrieles Portfolio sehr gut ablesen.
PS Zur Frage des Alters: Es war ja auch eine Idee, dass wir weggehen von der „Personale“ hin zu „Zur Person“, um zu zeigen, dass man in gegenwärtige Schaffensprozesse auch früher einsteigen kann. „Personalen“ können oft wie die Würdigung eines Gesamtwerks kurz vor der Pensionierung daherkommen, um es überspitzt zu formulieren. Das wollten wir vermeiden.
SH Das heißt jetzt nicht, dass es die neue Programmschiene ist, sondern es entwickelt sich aus der „Personale“ heraus. Langfristig gesehen soll es eine Schiene sein, die man dynamischer gestalten kann und die wegführt von der klassischen Würdigung einer Regie-Person, und die zudem die Würdigung anderer Departments zulässt. Deshalb auch die Umformulierung auf „Zur Person“.
Also haben wir international nicht mehr den Ruf, ausschließlich „Feel-Bad-Cinema“ zu produzieren?
SH Das zieht immer noch seine Runden, aber ich empfinde das nicht so. Natürlich gibt es Filme, auf die dieses Attribut passt. Trotzdem finde ich, dass der österreichische Film nie diese reine Tristesse hat. Es gibt immer etwas Verschmitztes darin. Das würde ich eher als ein Grundmerkmal bezeichnen. Ich glaube auch nicht, dass Filmjournalisten und Programmer zur Diagonale anreisen um sich das neueste „Feel-Bad-Cinema“ anzusehen.
Wenn ihr das Festival retrospektiv eröffnen könntet, welchen Film des vergangenen Jahres würdet ihr wählen? Gibt es ein praktisches Beispiel dafür, was ihr am Österreichischen Film theoretisch schätzt?
PS Ein Film, der uns beiden sehr gut gefallen hat und der in diese Richtung geht, ist Stephan Richters Einer von uns. Er schlägt eine gewisse Tonalität an, lässt aber die Lesart offen. Man könnte auch hier sagen, dass es ein eigentlich tristes Thema ist, aber es gibt hier einen ganz anderen Umgang mit dieser Jugend-Clique, der uns am meisten beeindruckt hat. Es wird gezeigt, welche Lebensrealität sie haben und dass sie ihr Leben auf diesem Supermarkt-Parkplatz finden, in dieser suburbanen Tristesse, sich aber auch tatsächlich dort wohlfühlen. Der Film nimmt sie ernst, und es ist keine Jugend-Beschau. Die Schauspieler werden sehr gut in diese vermeintliche Authentizität geführt, die natürlich keine ist. Und man merkt auch am Soundtrack, wie ernst Richter diese Lebensrealität nimmt.
SH Ich bin der Meinung, dass es kein Aufzeigen von Tristesse ist, sondern auch ein Lustgewinn in diesem Nicht-Ort „Parkplatz“ zu finden ist. Es ist eine Szenerie, die ich auch aus meiner Jugend wieder erkenne, natürlich auf eine ganz andere Art, aber der Blick auf diese Orte, an denen man sich versammelt und zuhause fühlt, den finde ich bei Einer von uns sehr gelungen.
Mit dem Film hatten ja viele Menschen ein Problem, obwohl er diverse Preise bekommen hat. Ist das ein Problem, bei Filmen wie diesem, dass man oft mit der eigenen tatsächlichen Meinung über Filme zurückhaltend ist gegenüber Kritikern?
PS Natürlich ist das ein Problem, und ich denke, es wäre wünschenswert, zu einem diskursiven Umgang miteinander zu kommen, in dem man Dinge direkt ansprechen kann. Dazu braucht es natürlich eine große Vertrauensbasis, die Fähigkeit, Kritik anzunehmen, aber auch zurückweisen zu können – und ein hohes Maß an Selbstkritik.
SH Ich habe das Gefühl, wenn man die offene Rede pflegen will, gibt es sehr wohl einige Leute, die man adressieren kann. Ich habe z.B. sehr lange und offen mit Stephan Richter über seinen Film gesprochen. Da ist also eine Basis da, auf der man sich austauschen kann.
Immer wieder eine Gretchenfrage der Diagonale: Wird die gesamte Jahresproduktion gezeigt, oder habt ihr eine Auswahl getroffen?
SH Es war für uns ganz klar, dass die Abschaffung des Automatismus, den Barbara Pichler veranlasst hat, von uns nicht rückgängig gemacht wird. Die Diagonale war einmal eine Werkschau, aber das würde mit dem jetzigen Output ohnehin nicht mehr gehen. Dann wäre es wirklich nur noch ein Abspielen von Filmen, und bei einem Festival geht es schon darum, eine gewisse Haltung und Positionierung einzunehmen. Aber es ist schon so, und das ist eine Eigenheit der Diagonale, dass sowohl die Filme im Rückblick, als auch die aktuellen Filme im Wettbewerb laufen und es keine Nebenschiene gibt, mit Ausnahme der Rahmenprogramme. Man muss überlegen, wie das alles zusammengeht, denn man vergleicht alles miteinander. Diesen Umstand wollen wir in den nächsten Jahren noch hinterfragen. Das ist nicht unbedingt eine Sache, die wir im ersten Jahr unserer Intendanz in den Mittelpunkt gestellt haben.
PS Bei der Diagonale ist natürlich ein Austarieren zwischen Haltung und Repräsentanz gefragt, weil es eben nicht das kleine feine internationale Festival ist, wo man nach freiem Belieben ein Programm erstellt, sondern es stellt den Anspruch zu zeigen, was der österreichische Film ist und sein kann.
Macht einem diese Rücksichtnahme zu schaffen bzw. blockiert einen das, wenn man ein Programm zusammenstellen muss?
SH Ich glaube, vor diesem Problem steht jedes Festival: dass es Filme gibt, bei denen es Probleme geben könnte, aber es ist nicht immer so, dass das Filme sind, die man nicht zeigen will. Die Diagonale war ursprünglich ein Branchenfestival, das immer mehr zum Publikumsfestival wird, und natürlich herrscht immer noch ein wenig die Meinung vor, dass das Festival der Branche gehört. Dass dieser Spagat gelingt, ist nicht immer leicht, aber ich glaube nicht, dass wir uns aufgrund von Rücksichtnahme für Filme entschieden haben, hinter denen wir nicht stehen.
Gibt es umgekehrt Filme, die ihr gerne im Programm gehabt hättet, die ihr aber aufgrund bestimmter Sensibilitäten ausgelassen habt?
PS Natürlich gibt es mit jeder Abwahl eines Filmes auch immer „Bröseln“ aus vielerlei Ecken, und es werden auch immer wieder Ansprüche formuliert. Die Filmauswahl ist aber im Endeffekt immer ein Spiegel, und wir haben auch bei der Jury großen Wert darauf gelegt, dass sie sich aus Mitgliedern zusammensetzt, die einen Blick von außen auf die Filmauswahl werfen können, wodurch man noch einmal ein anderes Feedback für die Filme erzeugt.
SH Auch das ist etwas, das innerhalb der Branche immer wieder hinterfragt wird, weil es die Meinung gibt, es sei nicht notwendig, dass jemand von außen die Filme bewertet, aber wir empfinden es als zentral. Diese Herangehensweise bildet auch das Alleinstellungsmerkmal der Diagonale, auch in dem Kontext, dass die Preise sehr hoch dotiert sind.
Apropos von außen drauf schauen: Wenn ihr hört, dass J. C. Chandor ein Remake des Heisenberg-Films Der Räuber plant, löst das bei euch bestimmte Gedanken aus?
PS Mich freut das sehr, weil ich Der Räuber sehr mochte. Es ist manchmal schwierig, die berufliche Meinung und die private zu trennen, aber in diesem Fall bin ich schon sehr gespannt.
SH Da kann ich mir nur anschließen. Man muss natürlich abwarten, was aus dem Film im Remake gemacht wird.
Ein wenig überraschend ist die Tatsache, dass ihr auch zur Programmauswahl externe Beraterinnen und Berater hinzugezogen habt.
Schernhuber| Das gab es auch bisher immer. Es war uns wichtig, das auch offen zu sagen. Zum einen, weil es einem im ersten Jahr ein gewisses Maß an Sicherheit gibt, wenn man andere zu Rate zieht und das auch sichtbar macht. Zum anderen, weil es im Sinne der Transparenz nicht schlecht ist, wenn man aufzeigt, wer an den Entscheidungen beteiligt war.
Wenn man es polemisch sehen will: Jetzt gibt es zwei Intendanten, und sie brauchen trotzdem Beratung …
SH So kann man es auch sehen. Ich finde aber, Beratung ist immer notwendig, weil dadurch Diskussionen entstehen. Es gibt nicht immer die Möglichkeit, dass wir alle gemeinsam sichten. Peter und ich sichten zwar alles, was im Endeffekt in Frage kommt, noch einmal gemeinsam, aber in einer Erstdiskussion ist es gut, wenn man ein Gegenüber hat, mit dem man sich austauschen kann. Vor allem, wenn es eine Person ist, die völlig außerhalb des festivalpolitischen oder -pragmatischen Denkens steht. So diskutiert man über die Qualität des Films und kann dann entscheiden, ob er ins Konzept passt. Auch auf großen Festivals ist es nicht üblich, dass ein Verantwortlicher alle Filme sichtet, und ich empfinde Gruppendiskussionen als sehr bereichernd.
PS Für uns war es auch ein sympathischerer Zugang, alles gleich offen zu legen, denn auch andere Festivals haben Personen, die mitsprechen, nur passiert die Beratung zwischen Tür und Angel, und man erfährt als Außenstehender nicht, wer diese Leute sind. Wir fanden den offenen Weg auch fairer den Filmschaffenden gegenüber, damit diese wissen, wer ihren Film gesehen und darüber gesprochen hat.
Gibt es eine bestimmte Arbeitsaufteilung zwischen euch, oder macht ihr alles gemeinsam?
SH Grundsätzlich ist der Anspruch, dass wir alles gemeinsam entscheiden, aber je näher Herbst und Winter kamen, desto mehr haben wir uns intern aufgeteilt. Es ist aber trotzdem so, dass wir uns mehrmals am Tag updaten und besonders wichtige Dinge gemeinsam entscheiden. Wenn es jedoch um die Sichtungen geht, ist es tatsächlich so, dass wir gemeinsam dafür verantwortlich zeichnen.
PS Es ist wahrscheinlich generell eine Frage der Arbeitsweise. Als wir noch für das (Welser Jugendfilmfestival, Anm.) YOUKI gearbeitet haben, waren wir es gewohnt, in größeren Teams zu arbeiten, und die Zeit der großen, polternden, cholerischen Intendanten, wie man sie aus früheren Tagen kennt, ist ja zum Glück vorbei.
SH Wobei es manchmal schön wäre zu poltern. Man wäre wahrscheinlich mehr mit sich im Reinen, wenn man das Selbstverständnis hätte zu poltern.
Schernhuber| Unabhängig von deinem Seelenheil, ist das doch die Methode, mit der wir in den letzten Jahren gut gefahren sind. Wir hätten auch etwas gegen eine zu große Kluft zwischen einem Direktionsbüro und einem Team, das nur ausführen muss.
SH Wobei diese Aufteilung zwischen uns beiden wahrscheinlich auch im ersten Jahr wichtiger ist, da es da Dinge zu erledigen gibt, die in den kommenden Jahren so nicht mehr anfallen werden. Wo genau die spezifischen Arbeitsbereiche dann sind, wird sich erst zeigen.
Wie hat die Aufteilung praktisch ausgesehen?
SH Wo wir sicher stärker ein Auge drauf haben, als das vorher aus zeitlichen Gründen möglich war, sind die Rahmenveranstaltungen wie die Eröffnung oder die Preisverleihung, aber auch protokollarische und zeitliche Abläufe. Da haben wir versucht, dass einer von uns beiden immer den Überblick hat. Bei den Sichtungen war es so, dass vor allem ich bei der ersten Runde und den Beratungen dabei war, und die zweite Runde samt Beratungen wurde dann gemeinsam bestritten.
PS Das hängt auch mit dem speziellen Rhythmus von Festivals zusammen, weil ja die Arbeit bis kurz vor dem Festival immer mehr wird, und im Gegensatz zu Kunst- oder Theaterfestivals ist die Zeitspanne zwischen Bekanntgabe des Programms und Start des Festivals sehr kurz. Zu zweit kann man es sich zum Glück erlauben, noch einen Blick auf den Katalog zu werfen oder nachzusehen, was mit den Filmen passiert, wie die kommuniziert und aufbereitet werden.
Ihr steht natürlich jetzt hinter eurer gesamten Auswahl, aber als Intendanten hat man natürlich die Möglichkeit, innerhalb des Programms noch einmal gesondert auf etwas hinzuweisen. Was wäre das?
SH Worüber wir uns sehr freuen, ist die historische Programmschiene Österreich: zum Vergessen, bei der wir mit dem Österreichischen Filmmuseum, dem Filmarchiv Austria und mit Synema kooperieren. Auch das ORF-Archiv ist mit an Bord.
Das heißt, sie tragen alle etwas bei.
SH Sie haben ihre einzelnen Programme und decken unterschiedliche Perspektiven ab. Wir sind mit einem sehr dezidierten Wunsch in die Planung gegangen und freuen uns über das Vertrauen der Kooperationspartner. Auch Ruth Beckermann ist dabei, und zwar mit einem Work-in-Progress zu ihrem Waldheim-Film. Das freut uns auch sehr, dass dieses Programm zustande gekommen ist.
PS Wir haben überlegt, wer sind die österreichischen Dokumentarfilmerinnen und –filmer und generell Leute der Filmbranche, die sich Gedanken über Zeitgeschichte machen und diese auch in ihren Filmen behandeln. Natürlich ist da Ruth Beckermann eine der ersten, an die man denkt, und Sebastian Brameshuber in einer jüngeren Generation gleich ein anderer. In einem Vorgespräch haben wir dann beide adressiert und uns auch über das Programm ausgetauscht, und natürlich kam die Rede irgendwann auf Beckermanns sich in Vorbereitung befindendes Waldheim-Filmprojekt, bei dem Brameshuber auch an der Vor-Recherche beteiligt war. Das war dann eine sehr schöne Koexistenz, denn es hat sich vorab auch die Frage gestellt, inwiefern Kurt Waldheim im Jahr 2016 noch relevant ist.
SH Es wird aber kein reines Waldheim-Programm. Das Filmmuseum wird die Jahre 1982 bis 1992 beleuchten, da bietet Beckermanns Film eine Brücke. Eine sehr schöne Sache steht erst seit kurzem fest: der ORF hat uns die Erlaubnis gegeben, eine Alltagsgeschichte aus dem Jahr 1988 mit dem Titel Am Stammtisch zu zeigen, übrigens die einzige noch nie ausgestrahlte. Diesen Film werden wir im Programm zusammen mit Susan Kordas Vienna Is Different: 50 Years after the Anschluss präsentieren. In der Folge der Alltagsgeschichten geht es um Stammtische in Gasthäusern, und man kann sich ungefähr vorstellen, in welche Richtung das geht. Es ist nicht der große Aufreger, den man sich erwarten würde, aber es ist auf jeden Fall ein wahnsinnig interessantes Zeitdokument. Damals war es trotzdem so brisant, dass entschieden wurde, die Sendung nicht zu zeigen.
PS Meiner Meinung nach erzählt der Film mehr über patriarchale Strukturen, immanent geht es aber auch um latenten Antisemitismus.
SH Bei Vienna Is Different geht es um das Gedenkjahr 1988, wo die kulturelle Öffentlichkeit in Form von Gustav Ernst oder Josef Hader zu Wort kommen. Der Film hat bei seinem Erscheinen 1989 vielleicht gar nicht so sehr für Aufregung gesorgt, aber für uns, die wir in einem Alter sind, wo man diese Zeit noch gar nicht so richtig erfasst hat, ist es ein sehr spannendes Zeitdokument. Am Sonntag zeigen wir zudem Michael Hanekes Der siebente Kontinent, und er wird danach ein Gespräch über die Achtziger mit Alexander Horwath führen. Das freut mich persönlich sehr, weil Der siebente Kontinent für mich definitiv eine der eindrücklichsten Positionen des heimischen Kinos darstellt. Uns war aber auch wichtig, dass es in der Programmreihe dann nicht nur um die kritische Öffentlichkeit geht, sondern auch um die Selbstinszenierung als unbescholtenes Land und das Vergessen. Das Filmarchiv wird deshalb den Fokus auf die Nachkriegszeit legen, z.B. mit Sturmjahre – Der Leidensweg Österreichs, einem Film, der immer wieder zitiert wird, den aber trotzdem vielen Leuten unbekannt ist. Ein ganz erstaunlicher Film.
PS Es geht darin nicht nur um Eskapismus, sondern um den definitiven Glauben, man wäre ohnehin im Widerstand gewesen. Das mündet in einem Aufmarsch aller parteilichen und unparteilichen Jugendorganisationen für ein neues Österreich, und darum ein Signal auszusenden, als wäre Österreich die große Widerstandsbastion gewesen. Hintergedanke, diese „Säulenheilige“ und „Wegbereiter des Vergessens“ auf die Leinwand zu bringen ist der Wunsch nach einer ideologiekritischen Perspektive, die auch für den gegenwärtigen österreichischen Film wünschenswert wäre.
Wie kommt der Trash-Klassiker „Surf Nazis Must Die“ ins Diagonale-Programm?
SH Das führt zu der Reihe In Referenz. Hier geht es darum, heimisches Filmschaffen miteinander, aber auch mit internationalen Positionen in Korrespondenz zu setzen. Weil er es auf die Titelseite eines auflagenstarken Blattes geschafft hat, haben wir Surf Nazis Must Die im Programm. Der feierte 1987 in Cannes Premiere und landete auf dem Titelblatt der „Kronen Zeitung“, die sich furchtbar über den Film aufgeregt hat und darin auch eine Verunglimpfung Waldheims und insbesondere Österreichs erkennen wollte. Es war auch von einer „Waldheim-SS“ die Rede. Ich habe jetzt schon einige Versionen des Films gesehen, und in keiner kam eine „Waldheim-SS“ vor.
PS Das ist auch im Kontext von Boulevard und Film sehr interessant. Denn wann interessiert sich der Boulevard für den österreichischen Film? Wenn er sich angegriffen fühlt. Natürlich spielt der Anti-Amerikanismus auch eine Rolle, denn das ist ein sehr schön aufgelegtes Feindbild. Aktuell begegnet uns das Verhältnis von Boulevard und Film bei Einer von uns, wo bereits rund um die Veröffentlichung des ersten Trailers massiv Stimmung gegen den Film gemacht wurde.
SH Der zweite Teil des Referenzprogramms war die Einladung an Sebastian Brameshuber, ein kleines Programm zu Österreich und Identität, Erinnern und Vergessen rund um den Film Und in der Mitte, da sind wir. Er hat Matt Porterfield eingeladen, dieser wird nach Graz anreisen und es wird ein Gespräch und eine Master Class geben.
Jetzt wäre es natürlich spannend, zu hören, welche möglicherweise prominenten Filme aus dem Programm herausgefallen sind?
SH Herausgefallen ist vielleicht das falsche Wort. Wir haben dieses Jahr ein kleines Timing-Problem. Ein paar große Namen verpassen wir dieses Jahr. Das hat bei manchen Filmen mit internationalen Verwertungsstrategien zu tun, aber teilweise geht es sich wirklich produktionstechnisch nicht aus. Aber wir haben dafür andere große Namen wie Ruth Beckermann dabei, über deren Die Geträumten, der ja eben erst in Berlin Premiere hatte, wir uns sehr freuen. Es ist ein sinnlicher Film. Man taucht wirklich ein in die Geschichte von Ingeborg Bachmann und Paul Celan, und man sieht auch, wie die Schauspieler auf deren Texte reagieren und wie sich ihre Gespräche aufbauen. Der Film zeigt die feine Klinge, mit der an die Sache herangegangen wurde, abgesehen davon, dass die Kameraführung fantastisch ist.
PS Ich finde es überhaupt sehr spannend, dass im diesjährigen Programm einige Filme dabei sind, die formale Grenzen überschreiten. Los Feliz von Edgar Honetschläger etwa ist ein Roadmovie, das im Studio gedreht wurde. Es ist eine große Freude, diesen Film im Programm zu haben und dementsprechend haben wir ihn auch positioniert, weil die Diagonale auch immer sehr zahlreich von Filmstudenten besucht wird und wir finden, dass speziell sie diesen Film sehen sollten um herauszukommen aus dem Schubladendenken, weg vom Reißbrett.
SH Der dritte Film, der da noch hereinspielt, ist Patric Chihas Brüder der Nacht, der eher als Dokumentarfilm daherkommt. Der bühnenhafte Stil des Films ist großartig. Das ist eine starke Entdeckung, und dann wird natürlich auch Daniel Hoesl mit WINWIN über das Festival brettern. Ein Punkt, den man sich in den kommenden Jahren vielleicht noch überlegen muss, betrifft den Kurzfilm. Der ist momentan begrenzt auf 55 Minuten, es gibt aber auch immer mehr Einreichungen im mittellangen Segment. Da stellt sich die Frage, ob man das zusammenlegt oder ob das schon wieder eine eigene Spielart von Film ist. Ich finde es auch immer schwer, diesbezüglich Entscheidungen zu treffen, gerade wenn es um das Kurzspielsegment geht, denn ein Fünfminüter wird natürlich ganz anders erzählt, als ein Film, der 40 bis 50 Minuten dauert. Da haben wir z.B. Esiod 2015 von Clemens von Wedemeyer. Für einen in Wien lebenden Menschen ist es immer spannend zu sehen, wie ein Blick auf diese Stadt anders funktionieren kann. Wo man einen speziellen Bildausschnitt nimmt und sich plötzlich in einem postapokalyptischen Zwischenort wiederfindet.
Barbara Pichler hat ja in ihrer Schlussbilanz angesprochen, dass zu viele Filme eingereicht würden, die ihrer Meinung nach gute Kurzfilme wären, aber aufgrund der mittlerweile leicht zugänglichen technischen Möglichkeiten zu lang geraten und nicht wirklich funktionieren. Habt ihr das jetzt auch so erlebt?
PS Teilweise trifft das zu. Die Diagonale ist ein Festival des Kinofilms, und das Privileg des Kinofilms im Gegensatz zu TV-Produktionen ist ja, dass man einen sehr langen Vorlaufprozess hat und noch einmal genauer überlegen kann, was man wie macht. Man sollte darauf achten, dass der Film noch einmal von außen betrachtet wird. Natürlich muss man mit solchen Äußerungen vorsichtig sein, aber in den meisten Fällen ist Verdichtung gut.
SH Wobei ich schon das Gefühl habe, dass wir gerade dieses Jahr sehr viele mittellange Einreichungen haben, die diese Länge ganz bewusst gewählt haben und sich dieser Vorgabe auch bewusst sind. Es wäre also eigentlich ein sehr gutes Jahr gewesen für den mittellangen Film, man kann aber nur wenige auswählen, weil die Rahmenbedingungen im Programm nicht gegeben sind.
PS Es sollte nicht versucht werden, einen Langfilm auf einen Kurzfilm zu komprimieren oder einen Kurzfilm auf einen Langfilm auszudehnen. Das sind zwei Paar Schuhe, und um nochmals auf Matt Porterfield zu kommen, ist es ja toll, wenn Regisseure beide Formen für sich entdecken und sich beides zu eigen machen. Der Kurzfilm ist auf jeden Fall mehr als eine bloße Vorstufe zum Langfilm.
Wie habt ihr die Gespräche im Rahmenprogramm konzipiert? Das Problem an diesen Diskussionen ist ja meist, dass einander so gut wie alle kennen. Wie kann man da Spannung erzeugen?
PS Das war ein zentraler Punkt in unserer Vorbereitung. Wir haben uns das angeschaut und einmal mehr festgestellt, dass das Personal in der Branche nicht sehr zahlreich ist. Das heißt, man gibt einander immer wieder die Klinke in die Hand. Deshalb haben wir versucht, mit gezielten Einladungen über den Tellerrand hinaus zu sehen, Wahlverwandte aus anderen Kulturbereichen einzuladen, aber auch internationale Gäste. Eine Diskussion, die stattfinden wird, orientiert sich an einem Titel von Nanna Heidenreich, die es im Deutschland-Radio einmal so formuliert hat: „Deutsch-türkische Hochzeitskomödien sind kein Fortschritt“. Es wird also stark um Diversität und (falsche) Toleranz gehen. Bei dieser Diskussion ist beispielsweise auch Sonja Eismann auf dem Podium neben Nanna Heidenreich selbst, das sind Namen, die bisher in Graz nicht präsent waren. Wir empfinden es als sehr wichtig, kritische Geister zu Diskussionen einzuladen, die in Österreich offen reden können. Es geht darum, dass man gewisse Themen ansprechen, aber auch Kritik zurückweisen kann. Der österreichische Film würde kaum Sinn machen, wenn er sich nur im eigenen Kreis bewegt. Das aufzubrechen, wollen wir mit den Gesprächen erreichen.
SH Ein zweites Gespräch wird es in Kooperation mit dem Forum Alpbach geben, wo wir versuchen wollen, Politik und Filmschaffende zusammenzubringen – auch hinsichtlich aktueller Tendenzen, die sich im Film momentan ablesen lassen.
Das klingt danach, als würdet ihr im österreichischen Film eine klare politische Haltung vermissen.
PS Das ist eine komplexe Diskussion: Politische Filme gibt es hierzulande viele und auch sehr gute – wobei oft auch jene die besseren politischen Filme sind, die diesen Anspruch nicht mit der Brechstange formulieren oder ihren politischen Anspruch als Flagge vor sich her tragen. Wo wir Nachholbedarf sehen ist bei der Korrespondenz zwischen Politik, öffentlichem Leben und dem österreichischen Film. Anders gesagt ist es wünschenswert, österreichische Filme verstärkt auch als Beiträge zu Gesellschafts-Debatten zu verstehen. Ein Nachdenken über die Leinwand quasi.
SH Es ist auch nicht unser Ansatz, groß belehren zu wollen, sondern wir wollen einen Rahmen bieten, in dem man einen Diskurs führen kann, und so lassen sich auch rote Fäden durch das Programm spannen. Bei der Diversity-Diskussion ist natürlich auch geplant, sie im Filmprogramm sichtbar zu machen, und wir werden auch mit internationalen Positionen andocken.
PS Wir leben in einer Zeit, in der vieles im Unklaren liegt. In den achtziger und neunziger Jahren gab es beispielsweise noch Zeitzeugen, da wusste man, wer aus welcher Ecke kommt. Heute müssen wir uns in einem ideologischen Dschungel zu Recht finden, und da ist ein bisschen mehr Zweifel angebracht. Dazu fällt mir ein Pop-Zitat der Band Tocotronic ein: „Im Zweifel für den Zweifel“. Ich denke, das wäre eine gute Parole, die man ausgeben könnte.
SH Das ist vermutlich das am meisten verwendete Zitat unserer Zusammenarbeit.
Was genau bedeutet eure Ankündigung, die Stadt Graz stärker einbeziehen zu wollen?
SH Wir haben ein Büro in Wien und eines in Graz, aber das Festival findet in Graz statt. Wir wollen zeigen, dass wir uns in Graz wohlfühlen, die Infrastruktur sehr gut ist, und wir wollen auch das Besondere der Diagonale hervorheben, dass es hier gelingt, den Österreichischen Film mit dem Publikum zusammenzubringen. Deswegen war unsere Idee, das Festival aus der Stadt heraus zu entwickeln. Wir hatten schon im Sommer Gespräche mit Leuten vor Ort, Leuten über die Filmbranche hinaus, die die Kreativstadt Graz aktiv mitgestalten und haben signalisiert, dass wir hier gemeinsam etwas auf die Beine stellen wollen. Dann hat sich auch noch die Frage gestellt, wo man hingeht mit einem Festivalzentrum. Das Kunsthaus ist da natürlich wunderbar gelegen, weil es in der Mitte zwischen den Bezirken 8010 und 8020 liegt, aber auch ein Flaggschiff der Stadt ist. Wir waren trotzdem unsicher, ob es der ideale Ort ist, um sich gemütlich zu treffen. Das Presse- und Gästebüro wird dort bleiben – ebenso wie unsere Ausstellung, und wir werden das Café bespielen, aber wir wollen das Ganze ausweiten in einen „Festival-Distrikt“, wenn man so möchte. Im Haus der Architektur (HDA) werden jetzt die Diskussionen und Partys stattfinden, und was neu dazu kommt, ist, dass wir die Hotelbar im Hotel Mariahilf, das schräg gegenüber vom Haus der Architektur liegt, einbeziehen werden. Das soll so eine Art Branchen-Café werden, wo es jeden Abend Happy Hour geben wird.
PS Wenn man jetzt im größeren Rahmen denkt, stellt sich für ein Festival schon die Frage, welche Bedeutung Film und Kino für eine Stadt haben. Natürlich befinden wir uns in der glücklichen Lage, dass die Diagonale in Graz stattfinden kann, weil es hier noch ausreichend Kinos gibt. Auf der anderen Seite ist es aber auch so, dass wir die Kinos massiv aufrüsten müssen, gerade für das historische Programm, und da kommt man dann wieder zu einem viel diskutierten Begriff, nämlich dem der Filmkultur. Wenn ein Museum gebaut wird, ist es völlig selbstverständlich, dass ein Bildspeicher dazu gebaut wird und entsprechend ausgestattete Ausstellungsflächen vorhanden sind, bei Kinos ist das alles nicht selbstverständlich.
SH Wir haben momentan in Graz kein einziges Kino, wo man Archivkopien abspielen kann. Das erschwert die Programmierung generell, es bedeutet zusätzliche Organisation und Mehrkosten. Wir wollen aus dem Festival dieses Jahr auch mit der Motivation hinausgehen, einen Bewusstseinsprozess in Gang gesetzt zu haben. Es wäre schön, wenn es in Graz zumindest einen Kinosaal gäbe, der über alle technischen Möglichkeiten verfügt.
Was sind eure Erwartungen und Hoffnungen für eure erste Diagonale?
PS Einerseits wäre es großartig, ehrliches Feedback zu bekommen, sowohl positiv als auch negativ. Andererseits wäre es schön, wenn es gelingt, das Publikum für den österreichischen Film zu begeistern. Wir wissen, dass das bis zu einem gewissen Grad eine Utopie ist, denn nur ein bestimmter Teil der Gesamtbevölkerung in Österreich ist kulturinteressiert, und innerhalb dieser Gruppe gibt es wieder nur einen Teil, der sich für Film und in weiterer Folge für den österreichischen Film interessiert. Wenn es uns gelingt, die bisherigen Kinogänger anzulocken und wir einige, neue, auch im jüngeren Segment dazu gewinnen können, wäre das schon ein Erfolg.
SH Wir wollen, dass die Diagonale als Festival gilt, auf dem man seine Filme gerne präsentieren möchte, wo es auch neue Impulse gibt, die die Branche auch immer wieder updaten, wenn man das so sagen kann. Natürlich wünschen wir uns, dass die roten Fäden im Programm, von denen wir gesprochen haben, lesbar sind. Von uns beiden gibt es schon jetzt ein großes Feuer für die Sache und den österreichischen Film, und das würden wir gerne weitergeben.
