Österreich – Liebe möglicherweise

Liebe möglicherweise

| Andreas Ungerböck |

Ansehnliches und intensives Beziehungsdrama, erstklassig besetzt

Michael Kreihsl, der profilierte österreichische Film- und Theaterregisseur, hat sich im Kino eher rar gemacht. Seine letzte Arbeit für die große Leinwand, Heimkehr der Jäger, liegt 17 Jahre zurück. Umso erfreulicher ist es, dass er mit seinem neuen Kinofilm ein dichtes Beziehungsdrama vorlegt, das in schlanken 89 Minuten mehr erzählt und das einen mehr bewegt als viele andere ähnliche Filme in mehr als zwei Stunden.

Die Grundkonstellation ist scheinbar einfach: Michael (der hervorragende, u.a. aus den Filmen Christian Petzolds bekannte Devid Striesow) verliert seinen Job. Auch seine Ehe mit der Ärztin Monika und seine Beziehung zu seiner Teenager-Tochter Viktoria sind mehr oder weniger gescheitert. Er verbringt eine stürmische Nacht mit Leila, der Freundin seines Freundes Roland. Danach ist das Chaos perfekt, und alles Zwischenmenschliche liegt in Trümmern. Roland muss sich zudem noch um seinen kranken und suizidgefährdeten Vater kümmern. In dem Spital, in dem Monika arbeitet, liegt ein 14-jähriger Junge, der durch einen unglücklichen Zufall von einem Auto angefahren wurde – seine Mutter, krank vor Sorge, weicht ebenso nicht von seiner Seite wie ein junger Schwarzer namens Mamadou, der sich selbst die Schuld an dem Unfall gibt.

So sind alle diese Figuren auf irgendeine Weise verbunden, teils schicksalhaft, teils zufällig, und es ergibt sich ein komplexes Wechselspiel der Emotionen, das bisweilen recht heftig ausfällt. Monika hat von Michael genug und sehnt sich irgendwie nach Roland, Leila will nicht zwischen den beiden Männern zerrieben werden, und Viktoria kämpft um ihren Platz im Leben. Allein die Episode, in der Viktoria mit ihrem Vater – zunächst gegen ihren Willen – nach Italien reist, um dessen alte Tante (Christine Ostermayer, ein erfreuliches Wiedersehen) zu besuchen, ist ein dialogisches und inszenatorisches Meisterstück – vielleicht zehn Minuten lang und voller echter Sätze und echter Gefühle, ebenso wie die Begegnungen Rolands mit seinem Vater: Otto Schenk hat den „Otti“ diesmal gottlob im Schrank gelassen und zeichnet das bewegende, aber trotz aller Tragik nicht deprimierende Porträt eines desillusionierten alten Mannes. Oder die beiden starken/verletzlichen Frauen: Das sind alles lebensnahe, zeitgemäße Figuren, die von hervorragenden Darstellerinnen und Darstellern eindringlich gespielt werden.
Wenn man einen von ihnen hervorheben müsste, dann Norman Hacker als Roland. Der gebürtige Oberösterreicher spielt vor allem Theater, sein Gesicht ist daher in Fernsehen und Film noch vergleichsweise unbekannt. Das wird sich nach Liebe möglicherweise sicherlich ändern.