Die Festivalförderung in Wien und auf Bundesebene wird neu strukturiert – allerdings bleibt die erhoffte Budgeterhöhung aus. Eine mögliche Folge könnte sein, dass nicht alle Festivals überleben.
Es hätte alles so schön sein können: In für die hiesige Politik geradezu blitzartigem Tempo hat die Stadt Wien nicht nur das dornige Gestrüpp auf dem Weg zur Finanzierung eines Festivals gestutzt (Stichwort: one-stop shop), sondern auch die Aufteilung des kleinen, feinen Kuchens, der sich „Filmfestivalförderung“ nennt“, neu geregelt: Es gibt einheitliche Kriterien, ein einheitliches Antragsformular und zwei klar definierte Antragstermine pro Jahr). Nicht nur das, es wurden zudem die meisten Vorschläge und Wünsche der Betroffenen – vertreten durch das 2012 gegründete Forum österreichischer Filmfestivals (kurz FÖFF) – berücksichtigt. Schon Ende November gibt es also Geld nach dem neuen Modus. Erstmals vergibt ein eigens eingesetzter Beirat (Verena Teissl, Filmwissenschaftlerin in Kufstein; Renate Wurm, Kinobetreiberin in Salzburg; Markus Aicher, Festivalveranstalter, allerdings aus Bayern und daher „unbefangen“) nach definierten Qualitätskriterien und anhand obligatorischer Selbstdarstellung und Kalkulation zweimal pro Jahr die Wiener Fördermittel – im November für die Festivals der ersten (nächsten) Jahreshälfte, im Februar dann für jene, die in der zweiten Jahreshälfte stattfinden. Angesiedelt ist die Festivalförderung, wie bisher, bei der Filmabteilung der MA 7 (Kultur und Wissenschaft). So weit, so klar.
Auf Bundesebene ist die Sachlage etwas komplizierter, gibt es doch mit der „kleinen“ Filmförderung des Bundeskanzleramtes und dem Österreichischen Filminstitut (ÖFI) zwei Instanzen, die Festivals fördern. Ansonsten folgt man weitgehend dem Wiener Ansatz, allerdings entscheiden hier die beiden ohnehin bestehenden Auswahlkommissionen gemeinsam. Ein kleiner, aber wichtiger Unterschied: Beim Bund wurde eine zentrale Forderung des FÖFF berücksichtigt: Man kann auf dem Antrag den Satz „mehrjähriger Fördervertrag erwünscht“ ankreuzen, das heißt, die heiß ersehnte „Planungssicherheit“, sowohl nach innen als auch nach außen (Kooperationen, Sponsoring-Vereinbarungen) scheint in greifbare Nähe gerückt – nicht aber in Wien. Dort heißt es weiterhin, sich dem Ritual Jahr für Jahr zu unterziehen.
Der zweite, noch gravierendere Wermutstropfen: Der Kuchen ist, zur unverhohlenen Enttäuschung der FÖFF-Repräsentanten Doris Bauer und Daniel Ebner (beide von Vienna Shorts, wie das Kurzfilmfestival nun heißt), nicht größer geworden. In absehbarer Zeit auf mehr Geld von der Stadt zu hoffen, scheint wenig aussichtsreich, wie Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny erst kürzlich in einem „Falter“-Interview klar und deutlich zum Ausdruck brachte. Die Stadt ihrerseits griff eine zentrale Forderung des FÖFF auf und verlangt nun in allen Kalkulationen einen Mindeststundenlohn von 8,50 Euro für die Festival-Beschäftigten, von denen die allermeisten bisher in, gelinde gesagt, prekären Arbeitsverhältnissen tätig waren. Schaut man nun die Gleichung „Budget bleibt gleich + Gehälter sollen steigen“ an, sieht man als Resultat, auf gut Wienerisch: „Des geht si net aus.“ Erschwert wird die Situation zusätzlich, weil aus diesen Geldmitteln auch die Wiener Sommerkinos, von denen manche, wie etwa Kino unter Sternen (auch FÖFF-Mitglied), durchaus festivalartigen Charakter haben, mit versorgt werden.
Wie groß ist nun das Töpfchen, um das es geht? Laut Bauer und Ebner stellt Wien rund 800.000 Euro zur Verfügung (die Viennale ist dabei ausgeklammert), der Bund etwas mehr – allerdings sind davon rund 680.000 Euro fix für Diagonale, Viennale und Crossing Europe verplant. Doris Bauer fasst prägnant zusammen: „Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel.“ Das Forum österreichischer Filmfestivals vertritt inzwischen 22 Festivals, neun davon in den Bundesländern, 13 in Wien. Zusammen mit den Sommerkinos ergibt das allein für Wien „bestimmt 30 Institutionen, die Anträge stellen werden“, sagt Daniel Ebner. Den Spielraum des vom FÖFF „hoch geschätzen“ neuen Beirates hält Ebner für „minimal“. Deshalb befürchtet das FÖFF einen möglichen „Kahlschlag“, der wohl vor allem jüngere, das heißt, erst kürzlich gegründete Festivals betreffen würde. Einzige Alternative, so der Vienna-Shorts-Programmdirektor: Es werde weiterhin „mit der Gießkanne“ gearbeitet. Das große Ziel, endlich realistisch kalkulieren zu können, könne man „vergessen“, die Festivals würden wohl („wie bisher auch“) unterbudgetierte Einreichungen vorlegen, unter Selbst- und Ausbeutung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, um wenigstens das bisher Zugesagte nicht zu gefährden. So drehe man sich im Kreis und komme keinen Schritt weiter. Ebner bedauert die Missachtung der Leistungen, die Festivals alljährlich erbringen, außerordentlich: „Mehrere hundert Menschen bringen hier ihre Leidenschaft und ihre Fähigkeiten ein, die Festivals arbeiten mittlerweile auf einem enorm hohen professionellen Niveau – und dieses Potenzial wird einfach nicht genützt. Das grenzt an Idiotie.“ Dabei zeige etwa das Flaggschiff Viennale, was ein Festival erreichen könne, wenn es budgetär „anständig“ ausgestattet sei. Ebner verweist auf das „Festivalparadies“ Schweiz: „Im Bereich Kurzfilm kommt man heute um Winterthur nicht herum. Das Festival wurde mit Geld und Infrastruktur ausgestattet, wurde zu einem zentralen Ort des Kurzfilms.“ Das Festival in Neuchâtel wiederum sei heute federführend auf dem Gebiet des phantastischen Films: „Da wurde etwas gezielt gefördert und aufgebaut – und jetzt kommen auch die Stars dorthin.“ Welchen positiven Effekt Filmfestivals haben, wurde in einer im Auftrag des FÖFF erstellten Studie („Filmfestivalreport Österreich“) erhoben und Anfang des Jahres bei der Diagonale in Graz präsentiert.
Letztlich komme eine intakte, gut ausgestattete Festivalszene auch dem österreichischen Film zugute – wenngleich die Projektion heimischer Filme in den neuen Richtlinien nicht dezidiert gefordert werde. „Es werden in Österreich rund 90 Filme jährlich produziert, wobei eine sinnvolle Verwertung allzu oft zu wenig mit bedacht wird. Es gibt nun einmal Filme, die für einen regulären Kinoeinsatz nicht geeignet sind. Für diese ist ein Festivaleinsatz – oder auch mehrere – oft das richtige Vorgehen, um ein spezialisiertes, besonders interessiertes Publikum zu erreichen.“ Das bis heute unverdrossen praktizierte herkömmliche Modell der Kinostartförderung sei, so Ebner und Bauer, zumindest „altmodisch“, weil es eben es nicht mehr nur die eine Verwertungsmöglichkeit gebe.
Spätestens an diesem Punkt merkt man, dass die Diskussion um die nunmehr institutionalisierte Festivalförderung in Wahrheit grundsätzlichere Fragen aufwirft. Denn während Ebner und Bauer explizit festgehalten haben wollen, dass die Tätigkeit des FÖFF „nicht gegen die Kinos gerichtet“ sei, sieht man das anderswo offenbar anders. Michael Stejskal, langgedienter Filmverleiher (Filmladen) und Wiener Kinobetreiber (Votiv Kino, De France – in beiden Kinos finden alljährlich mehrere Festivals ihre Heimstätte, unter anderem das Jüdische Filmfestival, die ethnocineca, das Kinderfilmfestival, usw.) will ebenfalls „keine Frontstellung“ beziehen, stellt aber fest: „Festivals sind sehr wichtig für die Promotion und Bekanntmachung von Filmen. Die Basisarbeit aber wird 365 Tage im Jahr, jahrein, jahraus, von den Kinos geleistet. Vorrangig sollten Filme im Kino zu sehen sein: „Ich kenne keine Regisseurin und keinen Regisseur, die sich wünschen, dass ihre Filme ausschließlich bei Festivals laufen.“ Filmfestivals, so Stejskal, „haben etwas Janusköpfiges: Zum einen sind sie ein wertvoller Beitrag zur Filmkultur und generieren Aufmerksamkeit, zum anderen leisten sie der kulturellen Eventisierung Vorschub.“ Kinos hätten eben nicht die Möglichkeit, ständig Events zu veranstalten. Das oben angesprochene Problem mit den zu vielen Filmen, die man nicht mehr unterbringe, sieht Stejskal auch, „aber das können auch die Festivals nicht lösen.“
In eine ähnliche Kerbe schlägt – übrigens seit Jahren, siehe einen umfangreichen Gastkommentar im „Standard“ vom 19. März 2012 – der Theater- und Politikwissenschaftler Franz Grafl. Er reibt sich traditionell vor allem am „Feuerwerk“ Viennale und will, wiewohl langjähriger Mitorganisator des Internationalen Kinderfilmfestivals, seine Stellungnahme dezidiert als „Privatmeinung“ und nicht als offizielle Stellungnahme des Festivals verstanden wissen: „Es gibt keine Förderung ,neu’, die eine Perspektive bieten kann, solange Kulturanbieter wie das Burgtheater oder die Viennale mit Summen entschuldet werden, die für eine Vielzahl anderer für die Erstellung von Programmen und für den normalen Betrieb unerreichbar bleiben. Sei es im Theater, im Kino oder für Filmfestivals. Beim vorliegenden Konzept, das ein gleichbleibendes Budget vorsieht, wird Verantwortung an eine Jury ausgelagert, die Brosamen verwalten darf – die zum Teil auch noch von der bestehenden Kinoförderung abgezweigt werden.“
Auch Markus Keuschnigg, der seit 2010 mit dem /slash Filmfestival im Wiener Filmcasino quasi eine „Marktlücke“ schließt und darüber hinaus die Nachtschiene des Crossing Europe Festivals in Linz programmiert, findet die neu installierte Filmfestivalförderung prinzipiell „sehr begrüßenswert“, sieht ansonsten aber wenig Grund zur Freude: „Um den Limbo aus Selbstausbeutung, privater Verschuldung und Überarbeitung zu beenden, ist es essenziell, Filmfestivals nicht nur mit einjährigen Förderungen irgendwie ins Ziel zu bringen, sondern sie strukturell, mehrjährig und nachhaltig zu unterstützen. Solange die Neuaufstellung der Filmfestivalförderung aber nicht mit einer Mittelaufstockung verbunden wird, wird es eine österreichische Lösung und daher vor allem eine ästhetische Kurskorrektur bleiben: Wird das unzeitgemäße Gießkannenprinzip (endlich) trocken gelegt, gleichzeitig aber nicht mehr Geld verteilt, bekommen einige wenige mehr und viele andere nichts. Bleibt die Kanne, ändert sich gar nichts. Schwer zu sagen, was schlimmer ist.“ Das /slash Filmfestival, so Keuschnigg, leide „unter dem Fluch der späten Geburt“, sprich, sei nicht einmal von der Stadt Wien selbst erhalten worden, sondern hauptsächlich aus „dem mittlerweile inexistenten, beim Filmfonds Wien untergebrachten Topf ,kinokulturelle Projekte’. /slash hat inzwischen, wie auch etwa das Menschenrechts-Filmfestival this human world (Dezember) oder das von Vienna Shorts veranstaltete Cat Film Festival, zur Selbsthilfe gegriffen und sich mehrmals erfolgreich um Crowdfunding bemüht.
Andere Statements zur „Förderung neu (strukturiert)“ sind aus der Festivalszene eher spärlich zu vernehmen bzw. werden bestenfalls hinter vorgehaltener Hand geäußert – sei es aus Frust darüber, dass man sich nach langen Jahren im Festivalbetrieb nun erneut „legitimieren“ muss, sei es aus „Vorsicht“: Schließlich wisse man nicht, ob einem eine solche Stellungnahme nicht schaden könne. Man wolle, so heißt es des öfteren, den Gang der Entwicklung bzw. die erste Beiratssitzung am 22. November abwarten. Und um das große Tabuthema machen sowieso alle einen Bogen: Was wäre, wenn es – horribile dictu – tatsächlich zu viele Filmfestivals (in Wien) gäbe? Und überhaupt – wäre es nicht, wie Michel Stejskal meint, einmal an der Zeit, die Wiener Kinoförderung neu zu evaluieren, die „aus dem Jahre Schnee“ stamme? Fragen über Fragen.
