Filmkritik

Of Fathers And Sons – Die Kinder des Kalifats

| Jakob Dibold |
Die dunkelste Seite des Glaubens – intimes Fallbeispiel der syrischen Katastrophe

Abu Osama strahlt, wenn er freudig davon berichtet, dass ihm Gott seinen Wunsch eines 9/11-Kindes erfüllt habe und ebendieser an einem 11. September geborene Sohn nach einem der damaligen Piloten benannt sei, aus Dankbarkeit und Liebe zu den Taliban. Der stolze Familienvater ist Rebellenführer der dschihadistisch-salafistischen al-Nusra-Front in Syrien und wünscht sich ein gerechtes islamisches Kalifat. Zwischen Sommer 2014 und September 2016 gab sich Talal Derki als Kriegsreporter und Sympathisant des Salafismus aus, um den Alltag der Familie hautnah zu begleiten. Das Ergebnis ist ein einzigartiger, ungefilterter Einblick in eine verstörende Welt.

Der väterliche Protagonist ist mittlerweile (2018, im Zuge eines Entschärfungsversuchs einer Autobombe) ums Leben gekommen, er hinterlässt zwei Frauen und zwölf Kinder. Während es Derki nicht erlaubt war, Frauen zu filmen, lernen wir vor seiner Linse viele Söhne kennen, gleichsam lebhafter Nachwuchs einer Großfamilie wie isolierte Sprösslinge einer extremen Ideologie. Am engsten klebt die Kamera an Ayman und Osama, die als die beiden ältesten Brüder als erste die Ausbildung zu bewaffneten Gotteskriegern erwartet. Eine „normale“ Schule besuchen sie alle nicht, doch auch wenn sie manchmal fast gewöhnlich wirken – sie spielen, sie erkunden, sie balgen sich – ist die Realität, die sich vor ihren neugierigen Augen abspielt, nur schwer fassbar: Ihre Leben wie ihre Gesinnung können im Grunde gar nicht in ein Extrem radikalisiert werden, denn das Radikale und Extreme bedeuten von Anbeginn die Norm. Hineingeboren in den Dschihad, wachsen diese Menschen in einer Art Parallelwelt auf, deren Mechanismen für Außenstehende tatsächlich gerade in der genauen Beobachtung ebenjener, die diese wahrscheinlich selbst noch nicht so ganz begreifen können, am ehesten nachvollziehbar sind. Am deutlichsten und aufwühlendsten wird im militärischen Bootcamp offensichtlich, wie hilflos die Jungen perfider Systematik ausgeliefert sind. Wenn Ayman schließlich den im Training erfolgreicheren Osama, dessen Weg fortan weiter in Richtung tödlichen Ernsts führen wird, mit einer Umarmung verabschiedet, sieht man ihm eine unbestimmte Überforderung an. Es ist ein Abschied ohne festgesetzte Rückkehr.

Kurz danach verabschiedet sich auch Talal Derki und kehrt seinem ihm unkenntlich fremd gewordenen Herkunftsland zum wiederholten Mal den Rücken. Im Gepäck eine erschütternde, oft kaum erträglich realistische Chronik einer Zivilisation in Trümmern, die für Optimismus wenig bis keinen Spielraum zu lassen scheint.