Die tolle Mini-Serie „Olive Kitteridge“ mit der großartigen Frances McDormand in der Titelrolle
Eine tiefsitzende Unzufriedenheit scheint diese Frau umzutreiben. Wir lernen sie erst in der Mitte ihres Lebens kennen, und doch haben wir sehr bald eine Vorstellung davon, wie dieses Leben bislang verlaufen sein könnte. Viel Pflicht, wenig Kür. Eher hart als herzlich. Olive erscheint nach außen als eine selbstsichere Frau, aber auch als eine gänzlich unsensible Persönlichkeit. Anerkennung und Mitgefühl scheinen ihr fremd zu sein. Ruppigkeit ist ein Hilfsausdruck für ihr Verhalten. Zumeist agiert sie misstrauisch, gedankenlos und abweisend. Ihr Gesichtsaudruck ist oft verkniffen, ihre Zunge schärfer als es ihrer Umwelt gut tut.
Warum sollte man sich für so eine Antiheldin interessieren?
Weil sie eine wunderbar authentische, direkt aus dem Leben gegriffene Figur ist. Weil sich hinter einer harten Schale oft ein verletzlicher Kern verbirgt. Und weil die eigenwillige Olive immer wieder überraschende Sachen macht. Gleich zu Beginn zum Beispiel kniet sie sich im Wald auf eine Decke, holt einen „To whom it may concern“ adressierten Brief aus ihrer Handtasche und hält sich einen Revolver an den Schädel: eine Vorblende, die einen der dramatischeren Töne der ein Vierteljahrhundert fassenden, herrlich unaufgeregt erzählten Alltagsgeschichte anklingen lässt – und der noch einige überaus effektiv gesetzte Vor- und Rückblenden folgen werden.
Vier US-Amerikanerinnen zeichnen in der Hauptsache für Olive Kitteridge verantwortlich. Basierend auf dem Pulitzer-preisgekrönten Roman von Elizabeth Strout (die aus Maine stammt), von Jane Anderson (How to Make an American Quilt, 1995) adaptiert, auf Betreiben der Hauptdarstellerin Frances McDormand vom Pay-TV-Sender HBO als vierteilige Miniserie produziert und von Lisa Cholodenko (The Kids Are All Right, 2010) inszeniert, faltet das Period Piece ein unspektakuläres Kleinstadt-Familienalbum auf, dessen stimmige Atmosphäre und subtile Qualität sich vor allem zwischen den Seiten offenbart. Hat man sich von diesem Mikrokosmos präzis gezeichneter, unter der landläufigen Oberfläche leise pathologischer Figuren einmal ansaugen lassen, mag man Augen und Ohren nicht mehr davon lösen.
Im Zentrum der seltsam angespannten Pseudo-Gewöhnlichkeit, in der Serie noch stärker als im Roman, steht Olive, angesehene Mathematik-Lehrerin in ihrem Geburtsort Crosby, Maine. Sie scheint sich um wenig mehr als die eigene Familie zu kümmern, und doch wirkt sie auch innerhalb dieser über weite Strecken isoliert. Das Verhältnis zu ihrem anfangs 13-jährigen Sohn Chris (Devin Druid, später John Gallagher Jr.) ist und bleibt kühl. Von ihrem im Grunde gutherzigen Mann Henry (Richard Jenkins) wirkt sie entfremdet. Er ist der Apotheker am Ort, seine Kunden behandelt er mit ausgesuchter Freundlichkeit. Da Olive auf seine Art der Zuwendung verzichtet (eine Valentinstagskarte befördert sie mit den Worten „I know what it says“ in den Müll), beschenkt Henry junge Mitbürger damit, darunter seine hilflos wirkende Assistentin Denise (Zoe Kazan) – was Olive zunächst eher lächerlich findet als dass es sie eifersüchtig macht. Verstanden fühlt sie sich nur von einem Lehrerkollegen (Peter Mullan), versagt sich aber eine Affäre mit ihm.
TRAGIK HINTER KOMIK
„You won‘t like Frances McDormand in Olive Kitteridge … but you might love her“, schreibt eine US-Kritikerin und charakterisiert sie treffend als „one of our great unsentimental actresses“. McDormand spielt Olive souverän, nuancenreich und uneitel wie immer. Mit ihren nunmehr 57 Jahren ist die Charakterdarstellerin, die der plastischen Chirurgie dezidiert abschwört, viel zu selten auf der Leinwand zu sehen, jedenfalls zu selten in tragender Rolle. McDormand ist bis heute die einzige Schauspielerin, die für eine Rolle in einer Regiearbeit des Ehegatten den Oscar gewann (Fargo, Joel Coen, 1996) – jedoch dürfte die ikonografisch gewordene Figur der Marge Gunderson ihre Karriere auch eingeschränkt haben (siehe auch das anschließende Interview).
Eine dysfunktionale Frau spielte McDormand schon einmal in einer früheren Kollaboration mit der Regisseurin und Drehbuchautorin Lisa Cholodenko, in dem Drama Laurel Canyon (2002). Wie viele ihrer kreativen Kollegen in den vergangenen Jahren haben die beiden sich das Format der Fernsehserie neu erschlossen. Vielleicht hat McDormand sich mit Olive Kitteridge sogar die Rolle ihres Lebens gesichert – in einer vier Erzählstunden langen Geschichte, in der nichts fehlt und nichts überflüssig ist, in der hinter der Komik die Tragik zu spüren ist und in der Tragik die nur mit Humor zu ertragende Leichtigkeit des Seins. Olive Kitteridge ist das berührende Porträt einer verstockten Frau, aber mehr noch erzählt es Universelles über Kleinbürgerlichkeit und Provinzialität, über das Verhältnis der Generationen, über die ungeschriebenen Gesetze der Partnerwahl, über Identitätsprobleme, sozialen Determinismus und den wechselseitigen Umgang von Menschen, die oft nicht viel mehr miteinander gemein haben als ihre Herkunft.
L’inconnu du lac ein „schwules Meisterwerk“ zu nennen, sei so lächerlich, als würde man Stromboli ein „heterosexuelles Meisterwerk“ nennen, schrieb Hans Hurch über den jüngsten Film von Alain Guiraudie (Teil der Viennale-DVD-Edition 2014). Obwohl Frances McDormand sich selbst als Feministin bezeichnet, wäre es ebenso lächerlich, würde man Olive Kitteridge ein „feministisches Meisterwerk“ nennen. Dies ist weder ein Bestärkungsfilm für Frauenrechtsaktivisten, noch ein Lehrfilm für Retroweibchen, sondern ein sehr zu empfehlender Film für empathiefähige Menschen, alte, junge, weibliche, männliche, homo- und heterosexuelle, und wer aus einer bloß scheinbar funktionalen Familie stammt, hat vielleicht noch mehr davon als die anderen. Auf der großen Leinwand, wie löblicher Weise bei der vergangenen Viennale, wird Olive Kitteridge nun leider kaum noch zu sehen sein. Aber wie groß dieses Kino auch auf dem kleinen Bildschirm ist, beweist u.a. der letzte Teil: Wenn Olive auf den Witwer Jack (Bill Murray) trifft, ist das so abgeklärt wie erfrischend, und so aufrichtig wie selten in der üblichen Arthouse-Mainstream-Beziehungskiste.
„I’m waiting for the dog to die so I can shoot myself,” sagt Olive zu Jack. Er amüsiert sich darüber, und wir uns mit ihm. Zu diesem Zeitpunkt hat sie uns schon so weit, dass wir nicht denken: „Alte, sei doch nicht so zynisch!“, sondern eher: „Na wenn dir da mal keiner dazwischenkommt.“
