Ernüchternder Besuch an einer der vorverlagerten europäischen Außengrenzen im nigrischen Agadez.
Jahr(zehnt)elang war die Wüstenstadt Agadez im Norden des Niger einer der Knotenpunkte der subsaharischen Migration, das Tor zum Maghreb und weiter nach Europa. Traditionellerweise oblag es den nomadisch lebenden Tuareg, Migrierende und mancherlei Waren sicher durch die Wüste zu bringen. Dann aber wurde 2016 auf Betreiben der Europäischen Union ein Gesetz erlassen, dass es den Ortsansässigen untersagte, Menschen ohne für Europa gültiges Arbeitsvisum und Identitätsnachweis den Weg zu weisen. Mit einem Schlag fiel eine Haupteinnahmequelle der Bevölkerung weg, wurden die Transportunternehmer zu „Schleppern“ und in die Illegalität gedrängt. Weil die von der EU zugesagten, kompensierenden Finanzmittel hinten und vorne nicht reichten und schließlich ganz versiegten, stieg die Jugendarbeitslosigkeit, nahm der Drogenkonsum zu und fasste der Islamismus Fuß. 2023 kam es im Niger zu einem Militärputsch, danach dauerte es nicht lange, bis die Ausländer des Landes verwiesen wurden: neben der EUCAP-Mission (European Capacity Building Mission Sahel Niger) betraf dies auch eine US-amerikanische Drohnen-Basis. Und so stellt sich am Ende das Gefühl ein, dass es nirgendwo auch nur einen Schritt voranging, geschweige denn etwas erreicht wurde, außer dass beim Durchqueren der Sahara mittlerweile noch mehr Migrierende sterben und Russland, China sowie die Türkei ihre Einflusssphären erweitern konnten.
In ihrem über mehrere Jahre entstandenen Dokumentarfilm On the Border sehen sich Igor Hauzenberger und Gabriela Schild das Scheitern der europäischen Flüchtlingspolitik vor Ort an. Wiederkehrende Gesprächspartner sind: Rhissa Feltou, der von 2011 bis 2019 Bürgermeister von Agadez war, bis ihn Präsident Mohamed Bazoum diskreditierte und aus dem Amt drängte. Tilla Amadou, Nachrichten-Stimme des lokalen Senders Radio Nomad, die nach dem Putsch auf Betreiben der herrschenden Männer ihre Arbeit verlor. Ahmed Dizzi, Kosmopolit aus ganzem Herzen und einer der letzten Schmuckhändler der Stadt, der am Ende seinen kleinen Laden schließen muss. Die sogenannte große Weltpolitik findet ihren Widerhall in den Lebensumständen dieser drei Menschen, die uns an ihrem Alltag und an ihren Gedanken teilhaben lassen. So liegt das eigentliche Verdienst von On the Border im Brückenschlag und im Aufzeigen der Zusammenhänge; idealerweise resultiert daraus Verständnis, mindestens aber lässt sich aus den gewährten Einblicken beträchtliche Erkenntnis gewinnen.
