Die frühen New Yorker Jahre
Er schaue gerne Fernsehen, sagt John Lennon aus dem Off, als er in seiner Wohnung im West Village auf dem Bett liegt, und fügt hinzu: „Das ist das Bild, das wir von uns selbst vermitteln.“ In der Dokumentation von Kevin Macdonald und Sam Rice-Edwards ist er oft mit Yoko Ono in TV-Talkshows zu sehen. Aber worauf Lennon hier eigentlich abzielt, sind die Cornflakes- und Cadillac-Werbespots, Nachrichten- und Ratesendungen – die ganze Bandbreite der visuellen Medien- und Entertainment-Industrie, von der er sich gerne berieseln lässt, wenn er nicht auf der Bühne oder eigens vor der Kamera steht.
Durch die verschiedensten Kanäle zappt auch dieser bewusst rasante Film. One to One: John & Yoko ist eine wilde Collage basierend auf Archivmaterial aus den frühen siebziger Jahren. Zeitlich begleiteten die Macher das berühmte Paar von ihren aufregenden ersten gemeinsamen Tagen in New York bis hin zu ihrem mitreißenden Konzert im Madison Square Garden im Jahr 1972. Dazwischen geht es um Vietnam, Richard Nixon, Rassismus, Freiheitskampf und, natürlich, die Beatles. Macdonald fügt dem historischen TV- und Video-Footage, zahlreiche Musikclips, Konzertaufnahmen und private Telefonmitschnitte aus jenen Jahren hinzu. Man muss dranbleiben, um nichts zu verpassen, sich in all das hineinstürzen, wie das Paar, das hier im Mittelpunkt steht.
Im Kontrast dazu wirkt die kleine Wohnung in der 105 Bank Street wie ein willkommener Ruhepol. Der Regisseur hat das Setting bis auf den letzten Zigarettenstummel genau rekonstruiert. Passend dazu zeigen Privataufnahmen von Lennon und Ono ein Bild, das völlig im Widerspruch zur drogenberauschten Trägheit von Peter Jacksons Serie The Beatles: Get Back steht: Lennon wirkt befreit, und auch Ono tritt hinter ihrem klassischen schwarzen, schweren Haarvorhang hervor. Tatsächlich ist sie die spannendere Figur. Der Film offenbart die Avantgarde-Künstlerin als eine eloquente, wenn auch exzentrische Frau, die angstfrei und ehrlich über die persönlichen Auswirkungen der medialen Hasskampagne gegen sie spricht. Der Umzug nach New York, so scheint es, war für beide mehr als eine Ortsveränderung, sondern vielmehr eine Art Wiedergeburt.
Macdonald und sein Schnittmeister Sam Rice-Edwards haben einen sehenswerten Dokumentarfilm zusammengestellt, der allein aufgrund der Vielfalt an Bild- und Tonmaterial beeindruckt, die darin zum Vorschein kommt. Nur hat der audiovisuelle Overkill auch seine Nachteile: Viele der Aussagen von Lennon und Ono, über die man gerne etwas länger nachdenken würde, verhallen allzu schnell im Klang- und Bildrausch. Etwas mehr Geduld an bestimmten Stellen hätte diesem frenetischen Porträt gut getan.
