Das Filmfest Zürich zwischen Cro und Hugh Grant
Das Dutzend ist voll, die Bilanz kann sich sehen lassen. In seinen zwölf Jahren hat sich das Filmfest Zürich erfolgreich im hart umkämpften internationale Festival-Zirkus etabliert. Mit einem üppigen Etat von umgerechnet 6.5 Millionen Euro lässt sich ganz gut klotzen. Die strategische Allianz mit dem Festival-Konkurrenten San Sebastian sorgt zusätzlich für Star-Auftrieb: VIP-Sharing heißt das Zauberwort, bei dem man sich die happigen Reisekosten etwa für einen Oliver Stone samt Entourage mit 14 Personen teilt. Bei anderen Stars helfen Sponsoren gerne nach: Uma Thurman kam auf Kosten eines Uhrenherstellers in die Stadt. Last not least sind Preise eine gutes Lockmittel. Für den „Golden Icon Award“ reisten schon Michael Douglas, Sean Penn oder Hugh Jackman an, in diesem Jahr gab sich Hugh Grant die Ehre, der zudem Florence Foster Jenkins im Gepäck hatte, das Biopic über die schlechteste Opernsängerin der Welt. Bis heute taugt ihr talentfreies Geträller zur Gaudi des You-Tube-Publikums. Versager mit Visionen – das hat allemal enormes Empathie-Potenzial. Ecken und Kanten sind schließlich spannender als jede Perfektion. Der Traum der tragischen Heldin: umjubelte Opernsängerin zu sein. Das Problem: Keinerlei Talent. Ihr Vorteil: Viel Vermögen. So mietet Florence (Meryl Streep) kurzerhand die berühmte Carnegie Hall für ein Konzert, und ihr Gatte (grandios eitel: Hugh Grant) ordert heimlich die Claqueure und kauft die Kritiker gleich dazu. Stephen Frears gelingt mit seiner amüsanten Hommage an diese ungewöhnliche Diva der Spagat zwischen Lachnummer und würdigem Porträt. Er trifft, im Unterschied zu seiner Heldin, jeden Ton perfekt. So grotesk komisch dieser Trash-Gesang der selbsternannten Diva, bleibt die Würde dieser Lady nie auf der Strecke. Die exzentrische Figur bietet eine Steilvorlage für die Streep, die sie mit sichtlichem Vergnügen zur großartigen Glanzparade nutzt.
Auch eine andere Ikone der Leinwand konnte überzeugen: Sigourney Weaver gibt in dem Fantasy-Drama A Monster Calls (Sieben Minuten nach Mitternacht) eine strenge Großmutter, die sich erst allmählich zur gütigen Oma wandelt. Der Enkel muss mit der Krebskrankheit seiner Mutter zurecht kommen und findet in seinen Albträumen die Hilfe eines sprechenden Monster-Baumes. Nach dem Horrorfilm Das Waisenhaus sowie dem Tsunami-Drama The Impossible stellt der Spanier Juan Antonio Bayona bei diesem dritten Streich abermals sein enormes Erzähltalent und sein gutes Händchen für emotionale Stoffe unter Beweis. Die wie Aquarelle wirkenden Animationseinlagen erweisen sich als dramaturgisch geschicktes Stilmittel. Die spezialeffektvoll gelungene Kreatur, die geradewegs dem „Herrn der Ringe“ entsprungen sein könnte, mutiert schnell vom knorrigen Monster zu einer weisen Mein-Freund-der-Baum-Variante. Derweil die Weaver hier wohl selbst Aliens zu Tränen rühren dürfte.
17 Weltpremieren hatte das Festival im Programm, darunter Egon Schiele – Tod und Mädchen mit Noah Saavedra in der Rolle des genialen Malers. Weniger grandios fällt die Arbeit von Regisseur Dieter Berner aus, der mit einer Malen-nach-Zahlen-Dramaturgie kaum mehr als einen brav bebilderten Wikipedia-Eintrag bietet. Weitaus wilder fiel da schon jenes Künstler-Biopic aus, mit der Martin Schreier sein Kinodebüt gibt. In Unsere Zeit ist jetzt erzählt er vom Leben von Cro, dem Rapper mit der niedlichen Panda-Maske. Statt gängigem Musikfilm-Muster gibt es hier drei clever konstruierte Varianten. Für einen Wettbewerb wollen drei Nachwuchs-Regisseure dem Panda-Phänomen auf die Spuren kommen: Während die Studentin auf die Doku setzt, planen die Konkurrenten einen Animationsfilm beziehungsweise einen Science-Fiction mit dem Rapper im Rentenalter – gespielt von Til Schweiger! Der Publikumsliebling und Feind der Feuilletons macht sich mit sichtlichem Vergnügen zum eitlen Affen. Beim Zürich-Ausflug war Schweiger nicht dabei, dabei schritt der Junge mit der Panda-Maske über den Grünen Teppich.
Der Glamour-Weg vom Festivalzelt ins Kino führt in Zürich über eine belebte Straße. Deswegen gibt es eigens Ordner, die den Kreuzungsverkehr zwischen Stars und Straßenbahnen mit Absperrbändern in geordnete Bahnen bringen. Das ist mittlerweile nicht mehr das einzige Alleinstellungsmerkmal für Zürich. Seit dieser Ausgabe hat die „Neue Züricher Zeitung“ das Festival aufgekauft. „Das ZFF gehört zu Europas Top 10 der Filmfestivals“, schwärmt Zeitungs-Chef Veit Dengler über die neue Akquisition. Was die entspannte Atmosphäre, die Programmstruktur sowie die kurzen Wege anlangt, schlägt dieses Publikumsfestival allemal die Konkurrenz von München, Hamburg oder London.
