Paranoid Park – Gus Van Sant im Gespräch

| Dieter Oßwald |

Einfache Filme, subliminale Botschaften, Einflüsse, die mit B beginnen: Gus Van Sant and his own private Paranoid Park.

Was hat es mit Ihrer immer wiederkehrenden Obsession für den Verlust der Unschuld auf sich?
Die Frage hat man mir schön öfter gestellt, trotzdem habe ich noch keine richtige Antwort darauf gefunden. Vermutlich faszinieren mich solche Geschichten deshalb so besonders, weil der Verlust von Unschuld ein interessanter und dramatischer Teil unseres Lebens ist – und eben auch meines eigenen Lebens.

Waren Sie früher selbst ein Skater?
Ja, aber weil es damals noch keine Skateboards gab, mussten wir sie selber basteln. Die haben nicht besonders gut funktioniert. Als es dann richtige Boards auf dem Markt gab, konnte ich sogar einige Kunststücke damit machen. Aber irgendwann habe ich das Interesse verloren, weil mir die Möglichkeiten zu beschränkt schienen. Erst in den 70er Jahren fand ich das wieder spannend, machte bei einem Film über Skater mit. Diese Typen hatten Kunststoffräder. Und wenn die hinfielen, tat es richtig weh – ganz anders als früher bei uns.

Definieren sich Skater über Rebellentum?
Ich verstehe den Film nicht so sehr als eine Arbeit über Skater und ihre Kultur wie Dogtown das war. Für uns dient das Skaten nur als Kulisse, vor der sich diese persönliche Geschichte abspielt. Das Skateboard gehört mehr zum Helden als zum Film selbst. Ohnehin bin ich bei Sportthemen immer skeptisch, weil der wahre Geist selten überzeugend eingefangen wird.

Ihrem Helden passiert ein fatales Missgeschick – warum schweigt er darüber?
Ich wollte keine moralische Bewertung abgeben. Ich wollte den Helden einfach dabei beobachten, wie er sich verhält. Beziehungsweise wie er sich nicht verhält, er reagiert ja völlig passiv. Man kann dieses große Geheimnis ja auch als Metapher sehen: Teenager haben sehr viele Geheimnisse, die sie in ihrem Alltag mit sich herumtragen. ­­

Warum zeigen Sie die Unfallszene so blutig?
Ich wollte die Szene eindringlich gestalten, weil diese Situation für den Helden zu einem ganz entscheidenden Einschnitt werden wird. Das ergibt also durchaus Sinn für den Rest der Geschichte.

Es heißt, Sie hätten Ihre Darsteller via „My Space“ gefunden – wie hat das funktioniert?
Das stimmt nicht ganz. Wir hatten, wie schon zuvor bei Elephant und Last Days, in Portland überall Plakate aufgehängt, mit denen wir Skater und Schüler für den Film gesucht haben. Zudem gab es Aufrufe in der Zeitung und in Lokalsendern. Dass diesmal noch „My Space“ dazukam, war also gar nichts Besonderes, es war nur ein Medium unter vielen.

Wie stark ist die Reaktion auf solche Aufrufe?
Es haben sich 2.000 Leute beworben, die wir uns alle angesehen haben. Für die engere Wahl gab es eine zweite Runde, bei der die Leute erst einen Text lesen und uns dann eine eigene Geschichte erzählen mussten. Schließlich mussten alle eine kleine Szene spielen. Danach haben wir die Auswahl getroffen.

Einmal mehr haben Sie in Portland gedreht – ist es daheim immer am schönsten?
Es ist ganz einfach bequemer, in seiner Heimatstadt zu drehen. Und es ist mir lieber: In Portland kenne ich alle Ecken in- und auswendig. Wenn wir aus Kostengründen in Toronto drehen, muss ich mich immer auf die dortigen Scouts für die Auswahl der Schauplätze verlassen.

Wie war die Arbeit mit Kameramann Christopher Doyle?
Chris Doyle bringt sehr viel Erfahrung aus völlig unterschiedlichen Filmen mit und hat seine ganz eigene Technik. Ich habe ihn ermutigt, sich sehr frei zu fühlen, dabei Handkamera und Zeitlupe einzusetzen. Das Drehbuch hatte 55 Seiten. Chris hat mehrere Notizbücher mit Ideen dazu geschrieben, mit Anmerkungen auf Chinesisch und Englisch – er hat mir nie erklärt, was das alles bedeutet. Es war eben seine Art der Vorbereitung. Sehr wichtig für das visuelle Konzept war für ihn der Übergang vom Licht zur Dunkelheit.

Warum schneiden Sie Ihre Filme mittlerweile selbst?
Seit Gerry sind die Filme so einfach geworden, dass ich den Schnitt auch selbst machen kann, was inzwischen sogar noch während des Drehens geschieht. Paranoid Park ist zwar wieder etwas komplexer, dennoch habe ich mir zugetraut, den Job des Cutters selbst zu übernehmen.

Was würden Sie als Ihre Einflüsse bezeichnen?
Meine Einflüsse? Die Beatles! (lacht) Und alles, was sonst noch mit B beginnt. Beatles, Beckett, Burroughs. Béla Tarr …

Wie erleben Sie Ruhm und Erfolg?
Als Regisseur habe ich nie die Höhen eines Steven Spielberg oder George Lucas erreicht. Doch meine Arbeit hat mir einen gewissen Ruf eingebracht. Am Anfang ist es schwierig, innerhalb seiner Künstlerkreise mit dem neuen Erfolg umzugehen. Man kauft ein Haus, weil man auf einmal das Geld dazu hat und will es mit Freunden gemeinsam bewohnen – bis man realisiert, dass das alles gar nicht so toll ist.

Sie hypnotisieren durch Bild und Sounddesign – haben Sie jemals versucht, mit subliminalen Methoden das Unterbewusstsein des Publikums zu erreichen?
Ich habe vor langer Zeit tatsächlich einmal ein Drehbuch über dieses Thema gelesen. Aber ich arbeite nicht mit subliminalen Mitteln, um unterschwellige Botschaften zu senden. Wir benutzen bei der Musik Elemente, die vielleicht merkwürdige Effekte auslösen, aber nichts davon ist zielgerichtet. In einem einzigen Film habe ich einmal mit subliminalen Methoden gearbeitet – aber dessen Titel verrate ich natürlich nicht.

Können Sie wenigstens einen kleinen Tipp geben?
Das war in einem meiner Videos, nicht in einem Spielfilm.