Paranza

Filmkritik

Paranza – Der Clan der Kinder

| Ralph Umard |
Coming-of-Age Story in der neapolitanischen Unterwelt

Warum spielst Du nicht Fußball?“ fragt ein altersgebeugter, unter Hausarrest stehender Camorra-Don den 15-jährigen Nicola in Neapel. Ihm fehle es an Talent, erwidert der Grünschnabel. Er möchte im Stadtviertel Sanità, wo er aufwuchs, als Gangster zu Reichtum und Ansehen kommen, und dazu benötige er Pistolen und Gewehre für sich und seine etwa gleichaltrigen Kumpane.

Geldgier beherrscht das Streben der naiven, ungebildeten Minderjährigen, um Statussymbole wie schicke Motorroller, Hochpreis-Sneakers, Designer-Klamotten und den Zugang zur teuren Top-Disko zu erlangen, wo die schöne, von Nicola begehrte Letizia verkehrt. Geprägt durch materialistische Denkmuster und Massenmedien sind diese kriminellen Konsum-Junkies Teil einer Gesellschaft, in der das organisierte Verbrechen traditionell fest im Leben der Bürger verankert ist. Da ist für den Nachwuchs Gewalt ein probates Mittel zur Durchsetzung ihrer Interessen.

Das Geschehen wird meist aus der Perspektive der Protagonisten dargestellt. Die Kamera ist hautnah dabei, wenn die Teenager mit Hasch dealen, Kokain schnüffeln, Schutzgeld kassieren und begeistert mit Schnellfeuerwaffen herumballern. Es sind vor allem die jungen Laiendarsteller und die Originalschauplätze in den Altstadtgassen von Neapel, die für Authentizität sorgen. Gedreht wurde chronologisch, um dem Cast das Einfühlen in ihre Rollen zu erleichtern. Hauptdarsteller Francesco Di Napoli, beruflich als Bäcker tätig, erscheint mit seinem hübschen, oft in Großaufnahmen gezeigten Knabenantlitz als Sympathieträger und Held, obwohl er zum Mörder wird.

Hintergrund für den Roman „La paranza dei bambini“ des Camorra-Experten Roberto Saviano und die tendenziell systemkritische Filmadaption – das Drehbuch wurde bei der diesjährigen Berlinale mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet – ist die Tatsache, dass das Durchschnittsalter der Camorrista in Neapel dramatischen gesunken ist, nachdem etliche Führungsfiguren des organisierten Verbrechens umgebracht oder verhaftet wurden. Schwerbewaffnete Jugendbanden wie die Paranza, eine Kleingruppierung der Camorra, sind kein singulär italienisches, sondern ein weltweit verbreitetes Phänomen – sei es in Los Angeles, Johannesburg, Rio de Janeiro oder in den Metropolen Mittelamerikas, wo die Maras Angst und Schrecken verbreiten.