Period Serials

Deutschland 83

| Benjamin Moldenhauer |
Kein Begriff von Geschichte zu erkennen, keine Idee, was das Politische sein könnte: „Deutschland 83“, eine im US-amerikanischen Fernsehen ausgestrahlte deutsche Serie.

In den Achtzigern war in Deutschland noch was los. Die Städte voller Agenten, zwei Welten im Kalten Krieg, der, da war man sich sicher, von Jahr zu Jahr heißer werden würde, bis zum Kollaps.  Die Jugend spürte die gefühlte Bedrohung des globalen Nuklearschlags im Nacken und tanzte in Erwartung des nahenden Untergangs. Was natürlich, gerade weil die drohende Apokalypse eine Schimäre und die Panik rückblickend eher eine habitualisierte Aufgekratztheit war, eine immense Intensivierung bedeutete. In West-Berlin war eine Insel der Seligen entstanden, in Kreuzberg und an einigen anderen Ecken der Stadt bilden sich deterritorialisierte Gebiete. Währenddessen formiert sich auf der anderen Seite der Mauer eine außerparlamentarische Opposition, die allerdings weitgehend im Verborgenen agiert. Kurzum: Es war nicht die schlechteste Zeit.

Dass das deutsche Filmwesen der Nach-Wende-Zeit, Fernsehen eingeschlossen, erst so spät auf die Idee kam, sich die frühen Achtziger vorzunehmen, ist dementsprechend verwunderlich; dass die erste Staffel der RTL-Produktion „Deutschland 83“, dann auch noch zu einem mittelgroßen internationalen Erfolg wurde, überraschend. Der Serie ist der Willen, etwas besonders Temporeiches, Zeitgemäßes zu produzieren, durchweg anzumerken. Die niederdrückende Verschnarchtheit wie auch die identitätsselige Schwere des deutschen Geschichtskinos seit den Nullerjahren will „Deutschland 83“ unübersehbar vermeiden.

Das Resultat ist eine anfangs nicht einmal langweilige Anballung von verschenkten Möglichkeiten. Die Plotidee zum Beispiel ist vielversprechend. Der Held, der 24-jährige hochbegabte NVA-Soldat Martin Rauch (Jonas Nay), ist ein überzeugter Diener seines Staates. Seine Tante (Maria Schrader) und der sinistre Generalmajor des DDR-Auslandsnachrichtendienstes Walter Schweppenstette überreden ihn, sich als Agent in eine Bundeswehrkaserne einschleusen zu lassen. Dass für Subtilitäten hier nicht viel Platz ist, stellt das Drehbuch gleich klar: Schweppenstette bricht Martin einen Finger, eine Vollnarkose gibt es noch obendrauf. So ging es halt zu in der DDR. Wenig später erwacht Martin im Westen und muss als Oberstleutnant Moritz Stamm geheime NATO-Pläne zu den Genossen schleusen, die belegen sollen, dass die USA im Verbund mit der Bundesrepublik den nuklearen Erstschlag planen.

Wer es mit der Plausibilität nicht ganz so eng sieht, harrt zu diesem Moment noch hoffnungsfroh der Dinge, die da kommen; schließlich war die US-Filmkritik nach einem Screening in Sundance voll des Lobes, „Deutschland 83“ soll die erste im amerikanischen Fernsehen ausgestrahlte deutsche Serie sein. All das hätte eine immersive filmische Wiederbelebung einer Welt, in der der Kapitalismus noch nicht als alleinherrschendes Strukturprinzip den Sozialismus überlebt hat. Und die Ansätze sind da: Die Creditsequenz zeigt den Oberkörper Jonas Nays, auf den zeitgenössische Nachrichtenbilder projiziert werden. Vielleicht ist es ein Versehen, aber dass Geschichte und Politik nichts Abstraktes sind, sondern sich in die Körper der Menschen spürbar einschreiben, scheint in diesen Bildern als Wahrnehmung enthalten. Sehr schön auch die Einbindung von zeitgenössischen Songs, die als popkulturelle Erinnerungsspeicher ihre Wirkung entfalten dürfen. Gerne nimmt die Kamera antike Technologien in den Blick – eine 5,25“-Diskette etwa fungiert über zwei Folgen als steter Quell der Erheiterung; „Soll ich mir das jetzt in den Arsch stecken, oder wie?“, fragt Schweppenstette, überfordert vom rasenden technischen Fortschritt, den die freie Marktwirtschaft ermöglicht.

Auch die Idee, einen von der dunklen Seite der Macht zum Helden zu erklären, mit dem man mitfiebern soll, ist für eine deutsche Produktion der Nach-Wende-Zeit ungewöhnlich. Und sie funktioniert zuerst, was auch an Jonas Nay liegt, der den jungen Agenten mit einem überzeugenden Gemisch aus Unbedarftheit, Unterkühltheit und ausgeprägter Auftragsfixierung spielt. Man will, dass Martin Rauch/Moritz Stamm davonkommt, wenn er in ein Hotelfenster einsteigt, mit der Tochter seines Vorgesetzten Wolfgang Edel (Ulrich Noethen) schläft oder eine Agentin des Feindes rabiat verdrischt.

Das deutsche Publikum stand dem allen trotz aller guten Presse eher teilnahmslos gegenüber, mit jeder Folge sank die Quote. Und auch die positiven Kritiken in den USA fielen unterschwellig dann doch oft eher gemischt aus. „It’s certainly entertaining and well-done“, schrieb etwa John Anderson vom „Wall Street Journal“. Aber: „Based on the first two chapters, the viewers are going to have to swallow quite a large helping of implausible sauerkraut to attain their suspension of disbelief.“

Die gute Presse basierte wohl auf der Sichtung der ersten zwei Episoden, und die sind im Vergleich zu dem, was „Deutschland 83“ später alles so auffährt, ein Paradebeispiel an Konsistenz und Logik. Spätestens ab Folge 4 geht es dann rund und wird von Volte zu Volte, also quasi im Fünf-Minuten-Takt, fahriger und eben leider auch hanebüchen.

(Ab hier an herrscht verschärfter Spoiler Alert. Aber wenn man es nicht benennt, wird die Stoßkraft, mit der hier Potenzial durch das geschlossene Fenster gedonnert wurde, kaum nachvollziehbar.)

Es geht Schlag auf Schlag: Nierenspende für die Mutter, auf dem Weg zum Krankenhaus sprengt Carlos, der Schakal, ein Gebäude in die Luft; der unbekannte Vater taucht auf und ist ein hohes Tier im Apparat; der Sohn des Generals verliebt sich in einen Aktivisten der Friedensbewegung, der in Wahrheit ein in Bonn stationierter DDR-Agent ist; wenigstens drei Leute infizieren sich mit AIDS; eine Sekretärin flieht aus der belebten Innenstadt in einen einsamen Wald und wird überfahren; die schwangere Freundin des Helden trifft sich mit dessen Affäre in Berlin und übergibt die arme Frau, was das soll, erfährt man nicht, dem DDR-Geheimdienst; die Affäre wiederum ist als Background-Sängerin im Chor von Udo Lindenberg unterwegs; in einem von der bundesrepublikanischen Polit- und Militärprominenz frequentierten Puff wird ein amerikanischer General von einem friedensbewegten jungen Mann mit vorgehaltener Waffe dazu gezwungen, vor der Kamera alles zu gestehen; man einigt sich erstaunlicherweise aber wenig später, Stillschweigen über die Sache zu wahren.

Das alles muss passieren, weil man, meine Vermutung, dem eigenen Plot nicht vertraut. Jede Volte wird nur zwei Minuten später weitgehend unbeachtet vom weiteren Erzählverlauf liegengelassen, als wäre nichts gewesen.

Aber auch sonst hagelt es Inkonsistenz. Warum signifikante Kräfte des Auslandsgeheimdienstes der DDR alles daran setzen, einen Atomkrieg herbeizuführen, wird überhaupt nicht klar. Was einen wiederum, erschöpft und resigniert, zur letzten Frage bringt, nämlich zu der, was für ein Bild von Geschichte hier inszeniert wird. Man hat es sich angewöhnt, deutsche Produktionen, die von den Kriegen der Vergangenheit erzählen, auf etwaige ideologische Gehalte abzuklopfen. Die Antwort lautet schlicht: eigentlich keins. Es ist kein Begriff von Geschichte zu erkennen, keine Idee, was das Politische sein könnte, nicht einmal einmal eine falsche. Die Erzählungen der Sieger der Geschichte waren auch schon mal überzeugender.