Plädoyer für eine unterschätzte Serie: „Halt and Catch Fire“ widmet sich einem Trio von Tech-Rebellen, die vor 30 Jahren das verstanden, was heute selbstverständlich erscheint.
Um Halt and Catch Fire war es in den beiden vergangenen Jahren erstaunlich still im deutschsprachigen Raum und das zu Unrecht, denn es handelt sich um ein zutiefst unterschätztes TV-Drama. Als die Serie vor zwei Jahren begann, wollte der US-Kabelsender AMC, der hoch oben auf dem Erfolg von The Walking Dead, Breaking Bad und Mad Men ruhte, einen neuen Publikumserfolg kreieren, doch die Serie um drei Tech-Visionäre im Texas der 1980er Jahre stand von Anfang an im Schatten dieser Riesen. Die Einschaltquoten waren schwach, dennoch entschied sich AMC, der Serie noch eine Chance zu geben. Während der zweiten Season waren die Quoten – trotz strahlender Kritiken – noch schlechter. Für gewöhnlich wird eine Serie dann abgesetzt, doch in seltenen Fällen passiert es, dass ein Sender eine Produktion aus Prestigegründen im Programm behält. Und so verlängerte AMC die Serie um eine dritte Season, deren zehn Folgen gerade hierzulande auf Amazon Prime ausgestrahlt werden, und kürzlich sogar um eine finale vierte.
Es beginnt im Jahr 1983 damit, dass Joe McMillan (Lee Pace), ein charismatisches Verkaufsgenie, vom Marktführer IBM zu der kleinen, texanischen Firma Cardiff Electric wechselt, um das zu tun, „wozu kein anderer die Eier hat“. Er will einen PC auf den Markt bringen, billiger und schneller als die gängigen IBM-Produkte, also einen Klon, aber besser. PCs waren lange jene Dinger gewesen, von denen sich niemand vorstellen konnte, wofür man sie braucht, doch nun waren sie die Zukunft. In Gordon Clark (Scoot MacNairy), einem brillanten, aber desillusionierten Ingenieur und Familienmann, glaubt Joe den richtigen Partner gefunden zu haben, aber der hat erst ein paar Jahre zuvor mit seiner Frau Donna (Kerry Bishé) eine Maschine gebaut, die schmerzhaft gescheitert ist. Wenn Joe das Alpha-Männchen ist, dann ist Gordon das Omega. Er ist eine Drohne bei der Arbeit und ertränkt seine gescheiterten Träume von einer Computerrevolution in Alkohol. Die dritte im Bunde ist die 22-jährige Programmiererin Cameron Howe (Mackenzie Davis), die – obwohl eine Art Genie – ihre Tage lieber in Videospielhallen verbringt anstatt sich am Corporate Mainstream zu beteiligen. Sie ist die Hollywood-Fantasie von einem weiblichen „Coder“: dünn, schön und temperamentvoll.
Joe McMillan ist zunächst jene Art von TV-Anti-Held, die vor allem in den 2000er Jahren kultiviert wurden: ein charismatischer Mann mit psychologischen Prellungen und dunklen Geheimnissen, ein Spätmodell von Don Draper. Wie Don ist Joe gutaussehend und charmant, rätselhaft und emotional schwerverletzt. Die Grundaufstellung von Halt and Catch Fire mag man als klischeehaft bewerten, doch im Lauf der ersten Season bewegt sich die Serie weg von Joes einsamer, destruktiver Insel und lässt all seine Charaktere atmen. Joe ist nicht der Visionär, für den er sich hält. Er ist ein Nutznießer, der Ideen anderer als seine eigenen verkauft, Steve-Jobs-Zitate klaut und Dinge sagt wie „Ich will eine Delle ins Universum machen“. Gordon, zu Beginn ein Häufchen Elend, ist mehr als nur ein Träumer. Cameron, die missverstandene Punk-Nihilistin mit fragwürdigen zwischenmenschlichen Fähigkeiten, ist in Wahrheit eine Idealistin, die nach einer menschlichen Verbindung sucht. Donna, die als nörgelnde Ehefrau eingeführt wird, hat ihre ganz eigenen Ambitionen.
Tech-Dramen wie Danny Boyles Steve Jobs und die Hacker-Serie Mr. Robot konzentrieren sich auf rätselhafte Männer und ihren Heldenmythos; das Schöne an Halt and Catch Fire ist, dass es seine Stärke im Ensemble findet. Es geht nicht um einen Gewinner, um einen Bill Gates in der Geschichte, sondern um jene Menschen, die versucht haben, in dessen Schatten ein Stück vom Kuchen abzubekommen. Und im Gegensatz zur HBO-Serie Silicon Valley – die mehrere Jahrzehnte später spielt – macht Halt and Catch Fire deutlich, dass Frauen immer schon am technologischen Fortschritt beteiligt waren.
Die Geschehnisse sind fiktiv, kreiert von Christopher Cantwell und Christopher C. Rogers (gemeinsam mit Jonathan Lisco die Showrunner der ersten beiden Seasons), basieren aber auf der Grundlage des realen Computer-Booms der frühen 1980er Jahre, als Unternehmen wie Texas Instruments und Compaq um einen Platz an der Sonne neben Branchenriesen wie IBM und Apple kämpften. Der Titel bezieht sich, wie zu Beginn der Pilotfolge erklärt wird, auf einen alten Computerbefehl, der eine Maschine in eine Art „Wettlaufsituation“ schickt und „alle Anweisungen gezwungen sind, um die Vorherrschaft zu konkurrieren”. Es ist die perfekte Metapher für die gesamte Serie.
Spannende Szenen aus Konversationen über Design, Code und Urheberrecht zu konstruieren, ist natürlich schwer, und so verzeiht man der Serie ein paar an den Haaren herbeigezogene, melodramatische Elemente. Joes Kernschmelze in einem Elektronikfachgeschäft zum Beispiel oder ein Autounfall, der sich aus dem Nichts ereignet und der Geschichte keinerlei Dienst erweist. Es gibt kaum Gewalt, keine Terroristen, keine Monster, nicht besonders viel Sex und keine Drogen – bis auf den gelegentlichen Joint. Man darf den Autoren und Schauspielern deshalb hoch anrechnen, dass die Serie so unterhaltsam ist.
Das Produktionsdesign hat kein Geringerer als Christopher Brown übernommen, derselbe Mann, der schon die Mad Men ausgestattet hatte. Es gibt eine Menge herrlich hässlicher Sakkos und ein paar Zauberwürfel subtil verstreut auf den Schreibtischen, aber die Serie wälzt sich nicht in jener Zeit. Erfrischender Weise bekommt man Songs zu hören, die wir noch nicht zuhauf auf anderen Soundtracks gehört haben zum Beispiel von The Clash oder den Toten Hosen.
Halt and Catch Fire weist zudem ein beeindruckendes Line-up von Regisseuren auf. Frühe Episoden wurden von dem argentinischen Regisseur Juan José Campanella (In ihren Augen) inszeniert. Mit ihrem Stich ins Graugrüne trifft die Farbpalette der Serie quasi ins Schwarze und beweist ein feines visuelles Gefühl für emotionale Verzweiflung und Paranoia. Auf der Tonspur untermauert wird die Serie mit einem Synthesizer-Score (Paul Haslinger), und weil dies nicht Silicon Valley, sondern „Silicon Prairie“ ist, gibt es ein paar Cowboy-Hüte und Dialekte, am deutlichsten von John Bosworth (Toby Huss), dem Chef von Cardiff Electric.
Das Beste an Halt and Catch Fire ist, dass wir aus heutiger Perspektive sehen können, wie wenige Atemzüge die Protagonisten von dieser „Delle“, von diesen gravierenden Veränderungen in der Gesellschaft entfernt sind. Wir wissen, wie weitsichtig sie waren, auch wenn ihre Zeitgenossen es nicht sind. Wenn Joe davon spricht, einen Computer zu schaffen, den Menschen lieben können, dann klingt das für jeden, der noch nie ein Smartphone in der Hand gehalten hat, wie eine Spinnerei. Die 1980er waren im Kern nicht das Jahrzehnt einer mechanischen Revolution, sondern einer kulturellen. Darin liegt das Herz der Serie – sie fragt danach, was Menschen wie auch Maschinen können und dürfen. Wenn Halt and Catch Fire zu Ende geht, dann wird es vielleicht keine Delle im Universum hinterlassen, aber mit Sicherheit ein Loch im Fernsehen.
